Die Verzweifelte (Miniatur I/II) | abc.etüden

CN: Dies ist ein für mich unüblicher Versuch, eine Fingerübung (= Etüde). Lasst euch bitte versichern, dass das „Ich“ fiktiv ist und ich akut nicht in diesem Zustand bin, und seid gewarnt, falls ihr gerade auf Verzweiflung, Hilflosigkeit oder Traurigkeit empfindlich reagiert.
Morgen gibt es einen zweiten Teil.

 

Nein, nein, nein, ich halte es nicht mehr aus, keinen Tag länger! Ich kann diesen Scherbenhaufen nicht mehr ertragen! Die Verzweiflung zehrt an meinen Kräften, ich will nicht mehr, ich will weg, will hier raus, will fliehen … doch wohin nur, wohin? Warum hilft mir niemand? Ach, es gibt keinen Ort, der mich aufnehmen wird, mein Zuhause ist zerronnen, ich bin heimatlos.

Glücklich heißen sie mich, die glatten Gesichter ohne Gefühl, ich habe doch alles, behaupten sie, ich solle nur mutvoll zugreifen, das Schicksal würde sich schon beugen. Vielleicht bei ihnen, es gibt solche Menschen, die nicht zaudern, mir sind sie fremd.

Nichts davon trifft auf mich zu, jetzt, wo das Wesentliche fehlt. Zerbrochen ist das Leben, das ich mir errichtete, versäumt habe ich die Entscheidungen, die es zu treffen galt, weil ich die Wahrheit nicht erkannte. Nirgendwo war Rettung, und die Gefahr kommt immer näher …

Ich ziehe mich zurück und bleibe für mich, allein und aller guten Geister ledig, selbst die Katze ist hinausgegangen. Draußen ist es sternklar, drinnen ist es finster. „Sie sitzt schon wieder ohne Kerze in ihrer Rumpelkammer“, flüstern sie und stoßen sich bedeutungsvoll an, und ich schweige dazu, sie wissen es nicht anders.
Fensterlose Wände, an denen sich mein Atem bricht.
Hier tut mir nichts weh, hier ist es sicher. Ich verriegele die Türen meines Herzens und schließe die Augen, will nichts mehr wollen, lasst mich in Ruhe, lass es einfach vorübergehen …

 

 

abc.etüden 2020 15+16 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 15/16.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig Zeidler und lauten: Rumpelkammer mutvoll, zehren.

OFF TOPIC: ACHTUNG, Etüdenschreiber*innen. Die Pings von WordPress kommen wieder mal nicht oder nur teilweise durch (Judith, deiner ist da), ich brauche von euch bei der Schreibeinladung einen Kommentar mit dem Link zu eurer Etüde! Danke!

 

26 Kommentare zu “Die Verzweifelte (Miniatur I/II) | abc.etüden

    • Nee, keine Sorge. Das Zuhauseherumsitzen treibt Blüten. Solange sie als kunstvoll empfunden werden, ist alles gut.
      Viel mehr ärgert mich, dass meine eigene Etüde nicht gepingt hat. DAS darf wirklich nicht sein. 😉
      Liebe Grüße, danke fürs Nachfragen
      Christiane 😁☕🍪🦋🌞

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  1. Mir selbst liegt es zwar überhaupt nicht, über die persönlichen Stunden der seelischen Nöte hinaus mich auch noch fiktiv in solche Situationen hineinzufühlen, weil mir das nicht bekommt, aber dank deiner vorangeschickten Worte weiss man, woran man ist und kann sich auf die Aufgabenstellung der Etüde konzentrieren, die du in deiner so natürlich und echt wirkenden, dahinfliessenden Seelenbeschreibung der Protagonistin so gut untergegebracht hast, dass selbst das „mutvoll“ (meine Hürde, an der ich bisher wegen seines Kitschfaktors mit Ideen scheitere) darin nicht so elegisch wirkt.

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    • Ja, eben, das empfinde ich auch als die eigentliche Schwierigkeit. Wo ist die Sprachebene, die für „mutvoll“ und „zehren“ angemessen ist, auch um, wie du schreibst, nicht im Elegisch-Kitschigen festzuhängen. Wenn du schreibst, dass du es als gelungen empfindest, freue ich mich. Ich fand den Monolog dafür zumindest sehr interessant.
      Es ist nicht total easy zu schreiben, ja, irgendwie dockt man immer an, aber das verbessert den Text, finde ich.
      Bin gespannt, was du zu dem morgen sagst.
      Liebe Grüße und danke
      Christiane 😁🌞☕🍪🦋👍

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    • Wunderbar, lieber Werner, Befangenheit/Beklommenheit wollte ich erreichen, vielen Dank für die Rückmeldung. Es ist im Wesentlichen ein innerer Zustand, der meine Protagonistin da heimsucht, ich weiß selbst recht wenig um die äußeren Umstände, nur, dass sie für sie sehr schlimm waren/sind.
      Die Etüde von morgen (die bereits fertig ist) wird … noch mal anders.
      Liebe Grüße
      Christiane 😁🌞☕🍪🦋

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  2. Zwei Dinge finde ich besonders interessant. Einerseits die sehr gut beschriebene Verzweiflung, die sich nicht auf eine bestimmte Sache bezieht sondern auf etwas, das fehlt und etwas anderes, das kommen wird und etwas, das verabsäumt wurde. Das bricht offenbar alles gleichzeitig über die Protagonistin herein. Und dann gefällt mir sehr gut, dass sie „ohne Kerze“ ist. Die Kerze suggeriert mir, dass wir uns vielleicht in einer anderen Zeit oder in einer anderen Welt befinden und ich staune, was ein einziges Wort für Assoziationen wecken kann. Was mir nicht so gut gefällt, sind die drei Neins am Anfang. Ich finde sie nehmen dem ersten Satz die Wucht, die er sonst hätte.

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    • Du hast recht mit den Neins am Anfang, wenn ich mir das so durchlese, hätte ich auf die auch verzichten könnte, es hätte das Drama bisschen rausgenommen.
      Das mit der Kerze ist interessant. Eigentlich wollte ich sie damit weder in eine andere Zeit noch an einen anderen Ort versetzen, sondern einfach ausdrücken, dass sie an einem Ort ist (auch einem innerlichen), wo sie „kein Licht sieht“. Ich mag zwar den Sinn, den du hier beilegst, aber wie gesagt, gewollt war der nicht.
      Und danke für das Lob (für die Verzweiflung), das nehme ich doch gern!
      Liebe Grüße
      Christiane 😉

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      • Es ist wohl wie bei den Bildern und bei allen sonstigen Kommunikationsprozessen: was bei Betrachtern und Leser*innen ankommt, ist nicht immer das von den Autor*innen abgeschickte. Das ist ja eigentlich ein Hinweis darauf, dass der Text, das Bild mehrere Ebenen hat, was wiederum ein Qualitätsmerkmal ist.

        Gefällt 2 Personen

        • KANN sein, und ich nehme es natürlich gern für mich in Anspruch, klar. KANN aber auch sein, dass die Autorin sich diesbezüglich einfach suboptimal ausgedrückt hat. 😉
          Was der Fall wäre, wenn du es irgendwie als wenig sinnvoll oder fehlerhaft empfändest. Was du scheinbar nicht tust, daher danke 😀

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  3. Genial verborgen, dafür hab‘ ich eine Ader …
    – obwohl ich natürlich wie alle (?) anderen auch, keine Ahnung habe, wer hier spricht …
    Vielleicht hat’s was mit Eis zu tun, selbiges zerrinnt, aber um was herum ? Ein Eislutscherhalter in einem Mistkübel, RätselEtüde, ein neues Genre ;-?

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    • Ja, danke dir, das wollte ich erzeugen, diesen Sog. Es geht NICHT so weiter, so viel kann ich dir schon mal versichern, der Aufenthaltsort, an dem sie ist, ist auch für ihre Schreiberin nicht angenehm …
      Liebe Grüße
      Christiane 😁☕🍪🦋🌞

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  4. Pingback: Die Erwachende (Miniatur II/II) | abc.etüden | Irgendwas ist immer

  5. Ganz egal, wo diese Rumpelkammer sein könnte,
    wo die *fensterlosen Wände, an denen sich ihr Atem bricht.*, es ist eine total stimmige Etüde, die die pure Verzweiflung beschreibt. Eine Verzweiflung, die so abgrundtief dunkel ist, daß sich keiner mehr Hoffnung auf Besserung macht. ( sie braucht keine Kerze mehr ) Nur noch das Resignieren, das SichdarinEinrichten ist zu sehen und es bedrückt auch den Leser sehr.
    Mit anderen Worten, liebe Christiane, eine sehr gute Etüde
    Liebe Grüße von Bruni an Dich

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  6. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.20 | Wortspende von Myriade | Irgendwas ist immer

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