Die Gierigen sterben nicht aus | abc.etüden

»Liebster« – sie setzte sorgfältig den letzten männlichen Vornamen von einer langen Liste ein und strich ihn aus –, »jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich denke, dass ich dich etwas fragen kann. Wir kennen uns doch jetzt schon so gut, dass unsere Gefühle wie gläsern füreinander sind, oder? Du weißt, dass dir mein ganzes Herz gehört und dass ich nur das Beste für uns will.
Liebster, da wir einander WIRKLICH lieben, und ich schwöre dir, ich habe das so noch nie erlebt, trotz der widrigen Umstände und allem, sollte es doch keine Rolle spielen, wenn du mir 10 Tausender in Euro vorstreckst. Oder gehen vielleicht sogar 20? Ich geb sie dir auch ganz schnell zurück und kann dir hundert Prozent Zinsen obendrauf zahlen, versprochen! Weißt du, ich hab da ein todsicheres Geschäft an der Hand, eine Investition in ein Börsenpapier, das GARANTIERT innerhalb der nächsten acht Wochen 250 Prozent Gewinn abwirft. Keine Kleinigkeit, die man unter den Teppich kehren sollte. Aber man muss schnell sein und jetzt investieren, und ich allein hab nicht so viel. Warum sollen wir kleinen Leute nicht auch mal von einem großen Geschäft profitieren können?
In zwei Monaten darf man bestimmt wieder reisen und dann bringe ich dir deine Rendite in bar vorbei, damit wir uns endlich persönlich kennenlernen können und ich mich erkenntlich zeigen kann. Sag, liebst du mich genug, um mir so weit zu vertrauen?
Ich warte sehnsüchtig.
Ewig dein!
Deine Julia«

Routiniert und sorgfältig kontrollierte sie Mailadresse und Anrede ein letztes Mal und drückte auf den »Senden«-Button.
Fertig für heute.
Der letzte Zug war gemacht, nun galt es zu warten, egal, wie sehr die Nerven flatterten. Wie sie das Spiel liebte, immer wieder aufs Neue!

Die Gierigen starben nicht aus.

 

abc.etüden 2020 17+18 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 17/18.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Myriade und lauten: Teppich, gläsern, flattern.

Die Idee zu dieser Etüde entsprang einem tatsächlich existierenden Mailwechsel, herzlichen Dank an den Spender 😉

Diese Betrugsmasche ist nicht gerade eben neu und kommt in allen Varianten vor. Ausführliche Schilderungen finden sich im Netz, zum Beispiel auf Wikipedia (hier lesen), bei der Polizei (hier lesen) und in den Medien (hier ein Bericht vom Tagesspiegel und mimikama.at).

 

61 Kommentare zu “Die Gierigen sterben nicht aus | abc.etüden

    • Neee, wahnsinnig ist das nicht, wenn du lange allein bist/warst und nicht mit einem gesunden Argwohn gesegnet bist. Da hilft nur Aufklärung, immer wieder mal.
      Und die andere Seite? Das ist ein durchorganisiertes Geschäft …
      Liebe Grüße
      Christiane 😁☕🍪🌞👍

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    • Ich bin nicht bei Insta, und Facebook habe ich diesbezüglich auch schon immer geblockt, daher kenne ich so was nicht. Aber möglicherweise hast du recht.
      Schlimm ist es nur, wenn Gefühl auf Geschäft trifft … man muss sich genau anschauen, auf wen man sich einlässt, und auch mal in dunkle Ecken denken …
      Liebe Grüße, schönes Wochenende
      Christiane 😁☕🍪🌞👍

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    • Das ist kein Level, auf dem wir schwingen, das ist wohl wahr. Dennoch sollte man davon wissen, um es erkennen zu können, wenn es auftritt, und es hilft auch zu wissen, dass man nicht alleine reingefallen ist, wenn es denn passiert ist …
      Nachdenkliche Grüße
      Christiane 😁☕🍪🌞👍

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    • Ha, vielen Dank für die Blumen! Ein Teil davon gebührt einem Mailwechsel, in dem das erörtert wurde – aber die Umsetzung ist schon meine. Ich bilde mir auch ein, dass ich das Thema schon mal auf dem Blog hatte, ich muss überhaupt gleich mal suchen. Gestern Nacht, als ich die Etüde vorbereitet habe, war ich zu müde 😴
      Liebe Grüße und danke
      Christiane 😁☕🍪🌞👍

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  1. Ich finde die Idee auch sehr kreativ. Besonders gut gefällt mir, wie sie den Namen sorgfältig aus der Liste streicht 🙂 Was für eine grenzenlose Naivität gepaart mit riesengroßer Sehnsucht jemanden dazu veranlassen kann, völlig unbekannten Menschen oder Kunstfiguren Geld zu schicken … Kommt aber immer wieder vor. Sagenhaft finde ich auch die mails, in denen angekündigt wird, man hätte Millionen geerbt und müsste nur einen fünfstelligen Betrag überweisen um an die Millionen zu kommen. Anscheinend gibt es auch Leute, die das glauben, sonst gäbe es diese mails längst nicht mehr ….

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    • Jaaaaaa, die sagenumwobene Nigeria-Connection. Genau.
      Mit der Einsamkeit der Leute lässt sich ein gutes Geschäft machen, aber hundertprozentig. Ja, schlimm.
      Na ja, gute Organisation ist der halbe Erfolg 😉
      Vergnügte Grüße nach Wien
      Christiane 😁☕🍪👍🌞

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        • @Myriade: Jemand, den ich kannte, hat das mal gemacht. Soll erfolgreich gewesen sein, ich weiß aber keine Details. Der wurde ständig angechattet und hat begeistert mitgespielt – wohl wissend, was dahintersteckt.

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        • Einzelne Kriminelle kann man dadurch vielleicht ausfindig machen, aber diese anonymen Massenmails von den afrikanischen Bankdirektoren und den willigen Schönen in Not geratenen aus diversen Ländern , da zweifle ich.

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        • Das war ich, liebe Christiane und alles was ich jetzt schreibe ist Ironie, hat aber so stattgefunden:
          Ach was war das schön, als er mit Daisy, seiner Stute und mir in den Sonnenuntergang reiten wollte, dann aber leider in diplomatischer Mission abgerufen wurde und die Minenfelder in Syrien zur Sprache kamen, was hatte ich für Angst um ihn. -:))Natürlich verunglückte er da und brauchte dringend Geld. Ich habe mitgespielt, mich auch immer nach der armen Daisy erkundigt und als dann die Geldforderung eintraf, bestand meine letzte Mail nur aus drei Worten: go to hell -:)) Die Polizei konnte damals nichts machen, weil sie an die Maildaten nicht herankamen, die sind raffiniert getarnt, wir haben es versucht.
          Irgendwie müssen die Lore-Romane lesen, denn die Mails triefen vor Schmalz und ich habe schmelzend schmalzend zurückgetrieft -:))).

          Nachdem das vorbei war, rief einen Monat später die Polizei bei mir an unter 110 und wollte meinen Schmuck in Sicherheit bringen, weil rumänische Banden hier ihr Unwesen trieben und ich stünde auf deren Liste. Sie hatten leider Pech bei mir, weil ich den Braten gleich gerochen habe, auch da habe ich sofort Anzeige erstattet, kam aber wieder nichts dabei heraus. An diesem Wochenende sind 100 Vorfälle, die angezeigt wurden, allein in Hanau angezeigt worden. Viele ältere Menschen sind leider darauf reingefallen.
          Es gibt bei der Polizei Präventionsabteilungen und die sind froh, wenn man solche Vorfälle meldet, weil sie so noch bessere Warnungen herausgeben können – habhaft werden sie ihnen aber selten.
          Deine Etüde ist also sehr realistisch, wenn auch mit anderer Masche.
          Lieber Gruß zu Dir, Karin

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        • Das weiß ich sehr wohl noch, liebe Karin, ich wusste aber nicht, ob du es erzählen wollen würdest – und ich wusste nicht mehr, wie wir damals darauf kamen.
          Die Etüde ist sicher ziemlich realistisch, und jetzt in Zeiten von Corona ist es nicht einfacher.
          Liebe Grüße in der Nacht
          Christiane 😁🍷🌟👍

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        • @Christiane: wenn du auch einen Onkel in Nigeria hast, der justizminister ist, kann es sein, daß du in Nigeria mit Ermittlungen Erfolg hast.
          Falls nicht, kannst du sicher sein, daß der Justizminister von Nigeria 50% mitschneidet beim Gewinn … 😉

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        • Och … ich ging davon aus, daß er seine Angestellten halbwegs ordentlich bezahlt – und vom Polizeiobersten bis runter bis Spamversender hängt da ja doch eine ordentliche Blase dran; und da wahrscheinlich jeder mindestens 50% seiner 50% einbehält, kann sich das letzte Glied eh schon keine chinesischen Marlboro mehr leisten … 😉

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  2. Im ersten Moment, als ich die Etüde gelesen hab‘ dachte ich, das wären meine Worte und ich könnte mich nur nicht mehr erinnern, an wen bzw wann ich sie zuletzt geschrieben und gesendet hätte.
    Zum Glück fiel mir noch rechtzeitig ein bevor ich Betrugsanzeige erstatten ging, daß ich, es ist geraume Zeit her, eine diesbezügliche Story auf Youtube angesehen habe. Wahrscheinlich ist sie mir deswegen so lebendig in Erinnerung geblieben, weil zumindest eine der Geschädigten -natürlich waren es Frauen- so aussah, als könnte mann ihr kein X für ein U vormachen – offenbar bewirkt bei Mäderln die Sehnsucht nach Streicheleinheiten , was das Testosteron mit den Buberln macht: eine Chance wittern und der Verstand wird abgeschaltet.
    Wobei mich rein akademisch interessieren würde, wie oft das Stück mit umgekehrter Besetzung aufgeführt wird. Ich hab‘ zwar keinerlei Anhaltspunkte, denke mir aber, die Dunkelziffer der Frauen, welche nicht an die Öffentlichkeit gehen mit ihrer Schande, ist weit größer als jene von Männern, denen immer noch häufiger bemitleidend auf die Schultern geklopft wird im Fall, während gleichzeitig das Luder verurteilt und zur Ächtung ausgeschrieben wird. Zumindest in dörflichen Denkstrukturen dürfte es vorwiegend noch immer so sein, schätze ich.

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    • Ich fürchte leider, dass du recht hast, was die Mädels und die Jungs und ihre Abhängigkeiten angeht.
      Auf jeden Fall ist das ein heißes und schambesetztes Thema, das zeigen immer wieder Dokus zu dem Thema. Ich habe keine verlinkt, aber ich vermute, dass man über meine Links unten bei Bedarf einiges auftreiben kann. Und ich bin mir nicht sicher, ob es Männern leichter fällt, sich diesbezüglich zu outen. Die Dunkelziffer ist bestimmt hoch.
      Ach, dich erinnerte der Text an einen von dir? Na, danke für die Info – erst Werner, dann du, da tun sich ja Abgründe auf … 😉
      Liebe Grüße, hab einen sonnigen Tag
      Christiane 😁😺🌞☕🍪👍

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  3. Noch gemeiner sind mails, die im Namen von existierenden Verwandten abgeschickt werden, also die Nichte Anette, die unglücklicherweise in Südafrika beraubt wurde und nun von ihrer Großtante Geld erbittet. Diese Nichte gbts tatsächlich, der mailschreiber dahinter hat sich geschickt eingeklinkt. Nicht darauf reinzufallen ist weit schwerer, denn Hilfsbereitschaft steht sozusagen immer in den Startlöchern, während Gier ein bisschen vorsichtiger ist und die Quellen und Versprechen doch meistens prüft, bevor sie zur Überweisung schreitet.

    Gefällt 1 Person

    • Stimmt, liebe Gerda, das ist wirklich schlimm. Ich habe solche Posts schon auf Facebook gesehen: Hallo liebe Freunde, es geht mir gut, jemand verschickt in meinem Namen Nachrichten und fragt nach Geld, glaubt es nicht, ich bin okay …
      Ja, ganz schlimm.
      Danke dir für die Ergänzung.
      Liebe Grüße
      Christiane 😁☕🍪👍🌞

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    • Offensichtlich glaubst du mir, dass ich auf so einer Tour nie reiten würde – was stimmt, danke schön. 😏 Ansonsten KANN man sich darüber auch nur aufregen.
      Freut mich, dass du sie magst. 😁
      Liebe Grüße
      Christiane 😁🍲🍷🌞👍

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  4. So etwas gibt es natürlich nicht selten.

    Aber es gibt ja auch noch einen drauf:
    Vor Jahren wurde in meinem damaligen bloggerumfeld eine Geschichte heftig diskutiert, die ein Fake war. Da hatte sich ein Blogger eine lange Geschichte ausgedacht und die als Bericht einer Frau ausgegeben.

    Aber davon ausgenommen: ich wurde auch schon um Geld angepumpt. In einem Falle war es genau die angesprochene Summe. Ich bin damals nicht drauf eingegangen. Die betreffende Person kennt jetzt vermutlich nicht mal meinen Namen mehr, würde ich vermuten.

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    • Du warst möglicherweise wirklich einer von mehreren, lieber Gerhard, falls der Kontakt mit der betreffenden Person nach deiner Nicht-Reaktion eingeschlafen ist. Sei froh – auch wenn es dich damals vielleicht geschmerzt hat.
      Offenbar war die Geschichte des Bloggers gut und kontrovers, wenn heftig darauf reagiert wurde? Den Versuch, eine Story mit einem andersgeschlechtlichen Protagonisten zu schreiben, machen ja viele. Klingt im Nachhinein spannend, obwohl ich vermutlich die Durchführung heftig kritisieren würde …
      Liebe Grüße
      Christiane 😁🌞☕🍪👍

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      • Die Geschichte des Bloggers/Bloggerin war in meinen Augen unglaubwürdig, aber sie benutzte gängige Narrative, auf die man gerne aufsprang. Mich hat das damals schon entsetzt…Stunden um Stunden etwas zu diskutieren, was so unmöglich hat stattfinden können.
        Daraus lernt man aber evtl., stories erstmal innerlich zu hinterfragen. Auch heute im zeichen der Krise.

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        • Der Punkt ist in meinen Augen: Werden beim Leser Emotionen erzeugt und geschürt, und geht das in eine bestimmte Richtung? Wenn man feststellt, ja, ist so, dann ist in meinen Augen immer Vorsicht geboten, gerade wenn die Geschichten die Realität abbilden sollen. Das gilt nicht nur für die Krise. 🙂

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        • Genau.
          Spürt man die angestrebte Stossrichtung, das Narrativ, kann man erahnen, daß da ein Fake vorliegt.
          Ich war damals jedenfalls regelrecht entsetzt, dass diese Geschichte im ansonsten seriösen Blog so stark diskutiert wurde.
          Aber mea culpa, jedem kann so etwas passieren. Nicht immer sind alle Antennen weit offen.

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  5. Au weiah, Gottseidank bin ich noch nie auf solche Mails reingefallen. Ich lösche die unmöglichsten Sachen und frage mich oft, wo das alles herkommt.
    Geldgeschäfte, bei denen man Zigfaches zurückbekomme, ach ja, kam schon an, aber ich bin das Gegenteil von gierig, es interessiert mich einfach nicht und dann bin ich wohl auch zu kritisch…

    Liebe Grüße von Bruni an Dich

    Gefällt 2 Personen

      • Ich erinnere mich sogar an einen Anruf, liebe Christiane… Es ist aber einige Jährchen her.
        Alles andere kommt als spams und ich lösche nur .
        So ist es nun schon lange.
        Eine gute Woche für Dich, liebe Christiane

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  6. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 19.20.20 | Wortspende von Olpo Olponator | Irgendwas ist immer

  7. Hab alle Kommentare gelesen, und ja, das ist alles fies, gemein und hinterhältig, aber davon abgesehen: Sehr geniale Etüde! Beim Twist am Ende des ersten Drittels dachte ich, boah! Was für eine krasse Wendung… und ich wusste ja schon, ganz koscher ist die gute Julia nicht.

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