Vom Atem (und) der Liebe

 

Abendstunde

Es weht dein ferner Atem
mich sachte kühlend an.
Ganz tief lieg’ ich verwoben
in dieser Stunde Bann.

Und alles unser Wissen
zerrinnt in Abendglut,
von allen unsern Worten
bleibt eins nur: sei mir gut!

(Walter Calé, Abendstunde, aus: Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, 1910, Online-Quelle)

 

Glückes genug

Wenn sanft du mir im Arme schliefst,
Ich deinen Athem hören konnte,
Im Traum du meinen Namen riefst,
Um deinen Mund ein Lächeln sonnte –
Glückes genug.

Und wenn nach heißem, ernstem Tag
Du mir verscheuchtest schwere Sorgen,
Wenn ich an deinem Herzen lag,
Und nicht mehr dachte an ein Morgen –
Glückes genug.

(Detlev von Liliencron, Glückes genug, aus: Adjudantenritte und andere Gedichte, 1883, Online-Quelle)

 

Sie schläft

Morgens, vom letzten Schlaf ein Stück,
nimm mich ein bißchen mit –
auf deinem Traumboot zu gleiten ist Glück –
Die Zeituhr geht ihren harten Schritt …
pick-pack …

»Sie schläft mit ihm« ist ein gutes Wort.
Im Schlaf fließt das Dunkle zusammen.
Zwei sind keins. Es knistern die kleinen Flammen,
aber dein Atem fächelt sie fort.
Ich bin aus der Welt. Ich will nie wieder in sie zurück –
jetzt, wo du nicht bist, bist du ganz mein.
Morgens, im letzten Schlummer ein Stück,
kann ich dein Gefährte sein.

(Kurt Tucholsky / Theobald Tiger, Sie schläft, aus: Die Weltbühne, 25.09.1928, Nr. 39, S. 494, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

FF – Frohe (P)Fingsten euch allen! ;-) Mir war heute nicht nach was Traurigem oder Religiösem, stattdessen bin ich noch ein bisschen in der Liebesgedichte-Ecke geblieben: Liebe geht schließlich immer und tut immer gut, gerade in den Zeiten von Corona, oder?

Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

14 Kommentare zu “Vom Atem (und) der Liebe

  1. Pfingsten ist vorüber. Der Alltag hat uns wieder und ich picke mir Herrn Tucholsky aus Deiner feinen Auswahl.
    Ich mag seine Worte sehr und diese hier ganz besonders, liebe Christiane

    Gefällt 1 Person

  2. Walter Calé, Abendstunde: So mag man fühlen, wenn man offen ist.

    Detlev von Liliencron, Glückes genug: Im Traum Du meinen Namen riefst…ja, so etwas gab es, erstaunlich genug.

    Kurt Tucholsky / Theobald Tiger, Sie schläft
    Ich bin aus der Welt. Ich will nie wieder in sie zurück –
    jetzt, wo du nicht bist, bist du ganz mein.

    Tucholsky gab mir am meisten…zu denken und zu fühlen.

    Schönen Tag Dir
    Gerhard

    Gefällt 1 Person

    • Ich mochte bei dem Tucholsky auch diese stille Verbundenheit am liebsten. Ich kenne diese Seite von ihm eigentlich wenig, ich muss mal gezielter danach schauen.
      Danke dir für deine Einschätzungen.
      Liebe Grüße, auch dir einen schönen Tag
      Christiane 😁🌞☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

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