Von Katzen und dem Geheimnis

 

SCHWARZE KATZE

Ein Gespenst ist noch wie eine Stelle,
dran dein Blick mit einem Klange stößt;
aber da an diesem schwarzen Felle
wird dein stärkstes Schauen aufgelöst:

wie ein Tobender, wenn er in vollster
Raserei ins Schwarze stampft,
jählings am benehmenden Gepolster
einer Zelle aufhört und verdampft.

Alle Blicke, die sie jemals trafen,
scheint sie also an sich zu verhehlen,
um darüber drohend und verdrossen
zuzuschauern und damit zu schlafen.
Doch auf einmal kehrt sie, wie geweckt,
ihr Gesicht und mitten in das deine:
und da triffst du deinen Blick im geelen
Amber ihrer runden Augensteine
unerwartet wieder: eingeschlossen
wie ein ausgestorbenes Insekt.

(Rainer Maria Rilke, Schwarze Katze, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1918, Online-Quelle)

 

Die vielen Katzen, welche um mich sind

Die vielen Katzen, welche um mich sind,
Die wie versonnen in den Räumen schreiten,
Durch deren Fell oft meine Finger gleiten,
Sind lieber mir als Schwester, Freunde, Kind!

In ihren Augen liegt ein Fragen fremd,
Ein staunendes Nichtkeimen, Nichtgekanntsein,
Ein trauriges, vereinsamtes Verbanntsein,
Ein wehes Wundern, daß ihr nicht vernehmt …

Und so versuchen immer wieder weich
Sie eure Seele in geheimem Singen –
Ihr aber tut mit ihnen wie mit Dingen,
Und eure Welt ist fern von ihrem Reich!

(Max Herrmann-Neiße, Die vielen Katzen, welche um mich sind, aus: Das Buch Franziskus, 1911, Online-Quelle)

 

Die Katzen

Sie sind sehr kühl und biegsam, wenn sie schreiten,
Und ihre Leiber fließen sanft entlang.
Wenn sie die blumenhaften Füße breiten,
Schmiegt sich die Erde ihrem runden Gang.

Ihr Blick ist demuthaft und manchmal etwas irr.
Dann spinnen ihre Krallen fremde Fäden,
Aus Haar und Seide schmerzliches Gewirr,
Vor Kellerstufen und zerbrochnen Läden.

Im Abend sind sie groß und ganz entrückt,
Verzauberte auf nächtlich weißen Steinen,
In Schmerz und Wollust sehnsuchtskrank verzückt
Hörst du sie fern durch deine Nächte weinen.

(Maria Luise Weissmann, Die Katzen, aus: Das frühe Fest, 1922, Online-Quelle)

 

In Herzens Mitte

In Herzens Mitte
als einzige Bitte
verhallende Schritte

von der Katze ein Stück:
ihr Ohr löffelt Schall
ihr Fuss nimmt Lauf
ihr Blick
brennt dünn und dick
vor ihrem Antlitz kein Zurück
schön wie die Blume
doch voller Waffen
und hat im Grunde nichts mit uns zu schaffen

(Paul Klee, In Herzens Mitte, aus: Gedichte, 1960, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ich hatte keine Lust auf „niedliche“ Katzengedichte, und bei den ursprünglich nicht-deutschsprachigen Autoren ist es immer die Frage, wer das Copyright an der Übersetzung hält … dann wird die Auswahl recht übersichtlich.

Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

30 Kommentare zu “Von Katzen und dem Geheimnis

  1. Guten Morgen, liebe Christiane, dürftest Du schon den Neruda einstellen? Wenn nein, dann mache ich das morgen, denn diese Ode gehört auf jeden Fall zu Deiner schönen Sammlung.
    Mein Vierbeiner sendet Deinem ein Mi und ich Dir herzliche Montagsgrüße, Karin

    Gefällt 3 Personen

    • Dürfte ich nicht, liebe Karin, weder sein Text noch die Übersetzung dürfte frei sein, leider. Mach du das gern hinter deinen verschlossenen Türen, ich komme bestimmt zum Lesen und zum Bewundern vorbei. 😁
      Meiner ist heute Nacht gegen halb fünf schon reingekommen und schläft seitdem oben. Katzen und ihre Zeitpläne … 😉
      Liebe Grüße auf dein Dach, kraul deinen mal von mir
      Christiane 😁🌥️☕🍪👍

      Gefällt 2 Personen

        • Meiner hat diese Saison scheinbar noch keine erwischt, jedenfalls habe ich nichts mitbekommen. Ich hoffe ja immer, dass die zu viel Lärm machen und dass es ihn nervt. Er wird ja allmählich ein älterer Katerherr, so ganz langsam. 😁😺

          Gefällt 2 Personen

  2. Sehr schön, Christiane. Man spürt, wie fremd Katzen dem Menschen sind, wie mühsam sich der Dichter heranpirscht, um irgendwie zu erfassen, zu beschreiben, was da vom Katzengenie herüberweht zu uns Menschen. In allen Gedichten ist das zu spüren, aber am stärksten bei Rilke, der nicht umsonst mit dem Gespenst-Vergleich beginnt. Und mit diesem unwahrscheinlichen großartigen Bild endet: der eigene Blick ein ausgestorbenes Insekt im Bernstein ihres Auges.

    Gefällt 5 Personen

    • Ja, das ging mir ähnlich beim Lesen. Wir betrachten Katzen oft so liebevoll-herablassend, ich mache das ja auch. Es ist gut, sich zu vergegenwärtigen, dass das eigentlich nur unsere Projektionen sind.
      „Katzengenie“, genau.
      Herzlichen Dank, liebe Gerda, und liebe Grüße
      Christiane 😁😺🌥️☕🍪👍

      Gefällt 4 Personen

    • Ich bin/wäre ja so dankbar für schöne Katzengedichte, die nicht dem Urheberrecht unterliegen. Wie schon geschrieben ist auch auf deutschen Übersetzungen meist noch ein Urheberrecht, hätte also jemand, der noch lebt, ein Shakespeare-Katzengedicht übersetzt, dürfte ich es nicht nutzen …
      Aber ja, Katzen sind unerschöpflich 😁
      Abendgrüße
      Christiane 😁😺🍷👍

      Gefällt 1 Person

  3. Frau Weissman trägt ganz schön dick auf mit ihrem
    „In Schmerz und Wollust sehnsuchtskrank verzückt“
    aber wer weiss das schon.
    Hormoncocktaile werden es sicher sein, die die Tiere da umtreiben. Den müssen sie aber nicht unbedingt wahrnehmen, es genügt ja einfach, wenn er in ihnen tobt.

    Gefällt 1 Person

  4. Niedlich sind sie wirklich nicht, die Katzengedichte, die ich bei dir lese, liebe Christiane. Sie sind anspruchsvoll und erschließen sich nicht sofort beim ersten Wort.
    Bei Rilke finde ich Echtes und Gutes am Ende und ich entscheide mich tatsächlich für Klee als meinen Favoriten.
    Katzen, fremde und auch vertraute Wesen, deren Persönlichkeit wir oft kaum fassen können, aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb so sehr lieben.
    Bei Klee finde ich viel Vertrautes, die Liebe zu diesen graziösen, kapriziösen Wesen, die uns manchmal Rätsel aufgeben. :-)
    Schön, daß Du nach Katzengedichten gesucht hast, wie man sie nicht alle Tage findet.
    Liebe Grüße am Abend von Bruni

    PS Jetzt habe ich sie alle nochmal gelesen und stelle fest, bei allen ist eigentlich etwas, was mich berührt.

    Gefällt 1 Person

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