Tag 12 | 30 Days Book Challenge

 

12 Ein Buch aus einem anderen Kulturkreis als dem eigenen

Eigentlich wäre meinem Gefühl nach hier der richtige Platz für ein asiatisches Buch. Ist nicht so, dass ich dazu gar nichts in meinen Regalen finden würde, aber reizen tut es mich nicht. Also präsentiere ich euch viel lieber ein Buch, das ich sehr mochte und eigentlich dringend mal wieder lesen müsste, um herauszufinden, ob ich es immer noch so toll finde, und nehme euch mit nach Neuseeland: „Unter dem Tagmond“ von Keri Hulme. (Nein, die Rezension ist nicht von heute, die schlummert schon länger auf meiner Platte.)

Neuseeland, Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist eine merkwürdige, schicksalhafte Freundschaft, die sich da fast wider Willen zwischen Joe, dem vereinsamten Fabrikarbeiter, Simon, dem höchstens achtjährigen Stummen und Kerewin, der Einsiedlerin im selbst gebauten Turm, entwickelt. Sie alle verbindet, dass sie von ihren Wurzeln abgeschnitten sind. Simon wurde schiffbrüchig von Joe entdeckt und als Sohn angenommen. Er schwänzt die Schule, klaut und zerstört: kein einfaches Kind. Seine Herkunft ist unbekannt, sein Leben ist gezeichnet durch alte Narben, die auf frühe Misshandlungen hindeuten, Ängste, Alpträume und einen überaus wachen Verstand. Joe, Halb-Maori, nach Maori-Art von seiner Großmutter aufgezogen, lebt inzwischen wie einer der verachteten Weißen. Nachdem seine Frau und sein Sohn starben, blieb ihm nichts mehr, was wirklich etwas bedeutet. Er liebt Simon innig und prügelt ihn brutal, weil er mit ihm – und mit sich – nicht fertig wird. Ebenfalls von Maori-Abstammung ist Kerewin, Malerin, Intellektuelle. Sie, die Außenseiterin, hat durch einen bösen Streit ihre Familie verloren. Bewusst einsam lebend, eröffnen sich ihrem schweifenden Geist Welten und Dimensionen – aber sie kann ihr Innerstes nicht mehr ausdrücken und ertränkt die Verzweiflung vorwiegend in Whisky.

Alles beginnt mit Simon, der sich in Kerewins Turm einschleicht. Was am Anfang nach einem behutsamen, freundschaftlichen Annähern und Umeinander-Werben der drei so unterschiedlichen Charaktere aussieht, entwickelt sich zur Katastrophe. Joe verletzt Simon schwer und muss ins Gefängnis, Kerewin droht an einem Geschwür im Magen zu sterben. Alles bricht zusammen. Kerewin hat ihren Turm abgerissen und wartet an einem stillen Ort auf den Tod, der entlassene Joe trifft umherwandernd einen sterbenden Maori-Weisen, Simon überlebt fast taub und wird trotz seines erbitterten Widerstandes in ein Heim eingewiesen.

Aber die Umwälzungen setzen den Heilungsprozess in Gang: Die unsichtbare Welt nimmt sich ihrer an. Joe wird zum Wächter einer Maori-Gottheit und erhält eine neue Aufgabe im Leben, Kerewin bekennt sich zu ihrer Verbundenheit mit Joe und Simon und knüpft die Verbindungen zu ihrem Maoritum neu. Sogar für Simon, der mit aller Kraft zu Kerewin und Joe zurückwill, findet sich ein Weg. Mit einem großen Fest in dem rund um die Ruinen von Kerewins Turm neu erbauten Muschelhaus endet die Spirale im Kreis: „Das Ende – oder der Anfang.“

„Aotearoa“, das „leuchtend helle Land“ heißt Neuseeland in der Sprache der Maori, deren Kultur von den Weißen, den „Pakeha“, im modernen Neuseeland längst an den Rand gedrängt wurde. Trotzdem ist dieser Roman keine Klage über ein dahingegangenes Paradies. Keri Hulme beschreibt Entfremdung und Entwurzelung, aber auch die Möglichkeit, wieder ganz zu werden, heil zu werden: Das eigene Erbe anzunehmen und im Alltag zu tun, was getan werden muss, sei es auch noch so unbedeutend.

Nach den Angaben Keri Hulmes erwuchs ihr Erstling, „Unter dem Tagmond“, innerhalb von zwölf Jahren aus einer nicht zu bändigenden Kurzgeschichte. Dieses 1985 mit dem Booker-Preis ausgezeichnete Werk mag sperrig, wuchernd, fremd, anstrengend sein – aber es ist, wie ich finde, unendlich faszinierend. Nicht zuletzt wegen der eindringlichen Landschaftsschilderungen, die die Inseln Neuseelands nicht als austauschbare Kulisse für eine aufgesetzte Handlung präsentieren, sondern als tief empfundene Heimat. Also nicht unbedingt ein Schmöker, den man in einem Rutsch durchliest, sondern ein anspruchsvolles, durchkomponiertes Buch, dessen Verästelungen öfter mal eine Pause fordern, bevor der Brocken, den man zu schlucken hat, zu groß wird. Und last but not least ist „Unter dem Tagmond“ auch ein Roman voller Magie und Mystik und Hintergründigkeit vom anderen Ende der Welt.

 

Tag 12 | 30 Days Book Challenge | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Mein Dank verfolgt unverdrossen Ulrike von Blaupause7, von der die Aufgaben für diese Challenge stammen.

 

6 Kommentare zu “Tag 12 | 30 Days Book Challenge

    • Den Windesser habe ich auch. Ich war damals nich so davon überzeugt, daran erinnere ich mich. Aber hast du zufällig auch Steinfisch von ihr gelesen?
      Wir kratzen hier gerade so an den 20 °C. Genieß die Wärme! 😁👍
      Liebe Grüße
      Christiane 😁⚓🌤️🌼👍

      Gefällt 1 Person

      • Nein, das kenne ich nicht und die Kurzgeschichten müsste ich erst wieder anlesen😊ich schicke Dir mal eine Portion Hitze hoch – das ist dieses Jahr wirklich ungerecht verteilt und die Natur hier braucht Regen, vor allem die Bäume. Lieber Gruss, Karin🍉🍧🍹🍸

        Gefällt 1 Person

        • Wir haben das hier oben oft, wenn ich ehrlich bin. Dafür ist es hier nicht ganz so trocken. Letzteres ist gut, aber den Temperaturen weine ich beharrlich nach … 😉😎

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