W2 – Ehrenrettung ;-) | abc.etüden

Ihr erinnert euch: der scheinbar unbeschilderte Wanderweg? Ich musste da ein zweites Mal hin und der Sache auf den Grund gehen. Und, Überraschung: Es war mein Fehler! 😉

Nein, es ist nicht so, dass wir Tomaten auf den Augen gehabt hätten. Die Tücke liegt im Detail. Die Tourbeschreibung behauptet: „Tour ist vollständig beschildert/markiert.“ Aha?! Wer lesen kann, hat Vorteile! Wenn man die häufig auftauchenden und durchaus auch mit verschiedenen Buchstabenkombinationen versehenen (keine davon „W2“-ähnlich) handgepinselten gelben Pfeile als besagte Markierung begreift, dann kommt man anhand dieser Pfeile hervorragend durch den Wald und fühlt sich mitnichten in der Wildnis ausgesetzt. Wir sind also beim ersten Mal schlicht zu früh nach Osten abgebogen, was ich im Nachhinein vermutet hatte. Beim zweiten Mal bin ich die Schleifen des Weges alle fröhlich entlanggetrottet und entdeckte nicht nur (vereinzelt) Schilder, sondern stellte auch fest, dass wir den Weg sogar wiedergefunden und begangen, dem Frieden jedoch nicht getraut hatten und schließlich kurz vor knapp endgültig falsch abgebogen waren, um aus dem Wald zu gelangen. Okay, was solls, alles gut.

Das Einzige, was mich ernsthaft wundert, ist die Routeneinstufung als „familienfreundlich“, die Unbedarfte (wie mich) zu falschen Schlüssen verleiten könnte. Ich habe ein junges Paar am Hang getroffen: Er schleppte ein Kleinstkind, sie schob in ultimativer Körperschräglage den dazugehörigen Buggy über Wurzel und Stein nach oben und wirkte nicht wirklich glücklich. Ein undankbarer Job, freundlich formuliert.
Zudem (weit weniger witzig) hatte ich zuvor dabei geholfen, eine Krankenwagenbesatzung in den Wald zu lotsen*, wo eine Elektrorollstuhlfahrerin (mit Mann) unterwegs gewesen und umgekippt war. WTF? Rollstuhl? Hier? Und ich als Wandereinsteiger halte (teilweise) Wanderstiefel für nicht unangebracht? Hm. Ich nenne das Diskrepanz.

Ein Blick auf die Tourbeschreibung offenbart: „Keine Höhenangaben verfügbar.“ Nun. Endmoränengebiet, ich hatte es bereits erwähnt. Ob die noch Landvermesser brauchen? Ich kenne mich jedenfalls jetzt aus.

 

abc.etüden 2020 41+42 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Sachetüde für die abc.etüden, Wochen 41/42.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Werner mit seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Sie lauten: Landvermesser, undankbar, aussetzen.

 

* Die Geschichte ist zu lang für die Etüde, daher hier die Ergänzung/Erklärung: Ich wurde in der Nähe des Heidefriedhofs von einem Mountainbiker aufgehalten, der auf ein Paar getroffen war, von dem die Frau im Elektrorollstuhl saß und mit diesem auf dem Weg aufgrund einer Wurzel umgekippt war. Er sagte, dass sie zwar wieder im Rollstuhl säße und sich in unsere Richtung bewege, jedoch aber schlimme Schmerzen habe und wohl ins Krankenhaus müsse. Er sei dabei, einen Krankenwagen hierher zu lotsen, ob ich helfen würde? Ich war dabei, als er mit der Leitstelle telefonierte und ihnen beschrieb, was er wusste und wohin sie kommen sollten, und er bat mich, zur Straße zurückzugehen und die anrückenden Rettungskräfte zur richtigen Stelle zu schicken.

(Ich kann nicht beurteilen, wie jenes Paar mit dem Elektrorollstuhl auf diesen Weg geraten ist, ich habe nicht mit ihnen gesprochen. Vom Weg abgekommen? Kräfte und Wegbeschaffenheit falsch eingeschätzt? Einfach blauäugig gewesen? Ich weiß es nicht, aber ich habe festgestellt, dass jeder Weg dieser W-Reihe, auf dem ich bisher mehr als ein paar Hundert Meter gegangen bin, sowohl eine sehr einfache wie auch eine anspruchsvolle Bodenbeschaffenheit aufwies, die ich niemandem zumuten würde, der auf fremde Hilfe angewiesen ist.)

Als die Rettungskräfte dann mit voller Kavallerie anrückten, waren glücklicherweise die Verunfallte plus Mann plus Mountainbiker bereits fast auf festem Boden. Er bedankte sich bei mir, dass ich geblieben sei. Ich sagte: Kein Problem, ist doch selbstverständlich, würde mir was passieren, würde ich auch wollen, dass mir jemand hilft. Er nickte, und wir gingen/radelten unserer Wege, jetzt dann wirklich.

Mir geht das nach. Ich fahre an den Straßenrand, wenn ich die Sirene eines Krankenwagens höre, denn schließlich könnte auch ich es sein, die drinliegt, oder jemand, der*die mir nahesteht. Und dann höre oder lese ich von Fällen, wo bei abgestellten Notarztwagen die Radmuttern gelockert werden etc. Von Notärzten und Sanitätern, die angegriffen werden, wenn sie ihrem Job nachgehen und zu helfen versuchen. Keine Einzelfälle.
Und dann … verstehe ich die Welt nicht mehr.

 

 

 

47 Kommentare zu “W2 – Ehrenrettung ;-) | abc.etüden

  1. Helfen sollte immer selbstverständlich sein. Es fühlt sich eigenartig an, dass man es thematisieren muss. Aber so ist es wohl.
    Übrigens herzlichen Glückwunsch, Du beherrschst jetzt „waldisch.“ 😁

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  2. Es ist erschreckend, wie viele Menschen einfach weggucken, weiterfahren, wenn sie helfen könnten und auch müssten. Ich bin vor zwei Jahren sofort rechts ran, als ich einen verunfallten Motorradfahrer gesehen habe. Der Krankenwagen kam da allerdings schon, aber ich hatte innerlich schon meine diversen Ersthelferkurse im Kopf und hoffte, richtig zu helfen. Und selbst wenn man davor Angst hat, ein Handy hat jeder und kann zumindest Hilfe holen.

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    • Ich gestehe, dass ich auch Angst hätte, etwas falsch zu machen, aber wie du schon schreibst: Das Handy zücken und Alarm machen kann jeder. Und die Leitstellen wissen, was sie fragen müssen.
      Vormittagskaffeegruß 😁☁️☕🥐👍

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      • Ich habe ein paar Jahre jedes Jahr einen Ersthelferkurs gemacht, hätte aber trotzdem Angst. Aber auch da wurde uns gesagt, alles was man tut, ist besser, als wenn man nix tut. Und wie Du schon schreibst, es könnte jeden von uns treffen, Hilfe zu brauchen. Mein Mann ist ja auch oft etwas klapprig unterwegs, allerdings muten wir uns dann auch nicht viel zu, wie jetzt gerade letzte Woche auf Rügen.

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        • Weißt du, grundsätzlich glaube ich, dass man einschätzen können muss, was man kann und was man besser lässt. Klar, das birgt die Gefahr, dass man sich zu wenig zutraut, aber wenn man seine Grenzen kennt, kann man daran arbeiten, sie zu verschieben. 🤔
          Die Bergwacht holt angeblich immer wieder Leute mit Turnschuhen aus dem Hochgebirge. So was meine ich.

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  3. Wunderschön beschrieben.
    Was in Köpfen von Menschen vorgeht, die Sanitäter oder Feuerwehrleute behindern oder gar angreifen, ist mir auch immer wieder ein Rätsel. Und dieses Phänomen scheint ja leider eher zu- als abzunehmen.

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  4. Ich glaube, die erste Etütde in der ich Wtf lese. 😅 Aber ein der Situation angemessenes „Wort“.
    Ich hab einen Freund, der Sanitäter ist. Der meinte, dass es Vandale und Angriffe schon immer gefeben hätte. Was zugenommen habe, sei die Berichterstattung und die Sensationsgeilheit der Menschen. Er hat schon oft Leute ermahnt, nicht zu filmen etc. Das finde ich auch krass. Auf so eine Idee muss man erstmal kommen.

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    • WTF? Ja, danke 😁👍
      Vandalismus hat es echt schon immer gegeben, auch in dem Umfang? 😮 Okay …
      Ich bin gar nicht so sicher, dass die Leute sensationsgeiler geworden sind. Sie haben nur jetzt die Möglichkeit, durch zum Beispiel derartige Fotos oder Videos mehr öffentliche Aufmerksamkeit, Likes, Klicks bzw. Kohle zu bekommen. Ich glaube, das zieht. Wenn sich keiner drum kümmern würde, wäre das Thema ziemlich schnell erledigt.
      Die Vier-Buchstaben-Zeitung hat derartige Fotos mal angekauft … (und das Ganze als Journalismus zu verkaufen versucht, wenn ich mich recht erinnere 🤬).

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      • Ist nur seine Sicht und auch der einzige Sanitäter, den ich kenne. 😅
        Bei den Möglichkeiten hast du wahrscheinlich Recht. Ich melde sowas ja sofort, wenn ich das sehe. Leider kann man das Drecksblatt nicht „melden“ und klagen scheint sinnlos. 😪

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  5. Meine Erfahrung ist, dass es in schwierigen Situationen eigentlich immer irgendjemanden und oft auch mehrere gibt, die helfen. Eine steigende Anzahl von Leuten fühlt sich aber motiviert mitzufilmen.
    Etwas unklug finde ich es aber, sich mit einem Rollstuhl auf einen Wanderweg mit Wurzeln und Schlamm zu begeben

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  6. Nein, nein, bitte keine geheimnisvollen Zeichen, die mich auf Wege lotsen sollten… Ich brauche einfach Hinweise, die ich lesen u. gleich verstehen kann. Wegweiser sind eine feine Sache, es macht aber Arbeit, die anzubringen.
    Aber ich bin auch nicht wirklich eine Orientierunghilfe *g*
    Eher das Gegenteil.
    Da hast Du ziemlich viel erlebt, an diesem Wandertag.
    Hilfe leisten zu können macht Freude, selbst wenn man nur telefoniert und/oder den Notruf wählt..
    Liebe Grüße von Bruni

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  7. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 43.44.20 | Wortspende von Mutiger leben | Irgendwas ist immer

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