Vom Leben und der Großstadt

 

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
Mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück …
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hasts gefunden,
nur für Sekunden …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück …
vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
Und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

(Kurt Tucholsky/Theobald Tiger, Augen in der Großstadt, aus: Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1930, Online-Quelle)

 

Balkons in der Vorstadt

Stuben an Stuben, langhin aneinandergestaut,
Stockwerk auf Stockwerk getürmt, Wolken und Sterne verbaut.
Weithin Stein und Asphalt —
Wächst irgendwo Weizen und Wald?
Dunst, Rauch, Staub —
Rauscht irgendwo Welle und Laub?

Nie von starkem Leuchten besonnt.
Wie gemauerter Nebel starrt die unendliche Front.

Doch an jedem Haus, jedem Geschoss, immer zu zweit,
Balkone, schwebende Zimmer, hangen
In langen
Fluchten zur Rechten und Linken die Straße hinuntergereiht,
Aus Wein und aus Efeu geflochten Wände aus Grün,
Irdene Töpfe, drin rote Geranien und Fuchsien blühn,
Stücke Wiese und Wuchs, verwehte, verstreute, —
Land der landlosen Leute.

(Ernst Lissauer (Wikipedia), Balkons in der Vorstadt, aus: Der Strom, 1916, Online-Quelle)

 

Inmitten der großen Stadt

Sieh, nun ist Nacht!
Der Großstadt lautes Reich
durchwandert ungehört
der dunkle Fluß.
Sein stilles Antlitz
weiß um tausend Sterne.

Und deine Seele, Menschenkind?

Ward sie nicht Spiel und Spiegel
irrer Funken,
die gestern wurden,
morgen zu vergehn, –
verlorst
in deiner kleinen Lust und Pein
du nicht das Firmament,
darin du wohnst, –
hast du dich selber nicht
vergessen,
Mensch,
und weiß dein Antlitz noch
um Ewigkeit?

(Christian Morgenstern, Inmitten der großen Stadt, aus: Ich und die Welt, 1898/1911, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kennt irgendjemand von euch Ernst Lissauer? Mir passiert es zwar öfter, dass ich über Dichter stolpere, von denen ich vorher nie etwas gehört habe, aber dass das Internet so wenig zu ihnen hergibt, ist inzwischen eher selten …

Kommt gut in und durch die neue Woche und bleibt gesund und heiter! 😉

 

55 Kommentare zu “Vom Leben und der Großstadt

  1. Lissauer kenne ich nicht, aber ich bin da auch kein Maßstab, Tucholsky hat was, wie ich finde.
    Gottfried Benn wäre mir natürlich als erstes in den Sinn gekommen, von daher schön, dass du andere präsentierst.
    Have a nice day😉☕️

    Gefällt 4 Personen

    • Benn würde ich gerne, aber der hat noch 6 Jahre, bis das Urheberrecht ausläuft. Wie Brecht übrigens. Wenn du und ich dann noch bloggen, dann lesen wir uns diesbezüglich 2026. Und das wird einen ziemlichen Rummel geben, das prophezeie ich dir jetzt schon.
      Morgenkaffeegruß und auch dir eine gute Woche 😁😷☁️☕👍

      Gefällt 3 Personen

    • Er scheint nicht sehr bekannt zu sein. Ich habe schon versucht, über den Wikipedia-Eintrag seine Spur aufzunehmen, ich suche ja immer nach der Quelle „meiner“ Gedichte. Aber weit bin ich da auch nicht gekommen. Wenn du etwas findest, würde mich das sehr interessieren. 😁 Danke dir! 👍
      Morgenkaffeegruß 😁☁️☕🥐👍

      Update: Hat sich gelöst, das Problem. Danke dir für die Mühe! 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Guten Morgen, liebe Christiane!
    Nein, Lissauer kenne ich nicht.
    Heute ist es der Tucholsky, er hat viele Erinnerungen an mein städtisches Leben geweckt und ich dachte an einen sehr speziellen Augen-Blick, unvergessen!
    Ich danke dir – ich habe mir vor zwei Tagen ein Buch bestellt: Frauen/Lyrik, darauf freue ich mich sehr, wer weiß wen ich noch entdecken darf. Wen kenne ich schon?!
    Ich wünsche dir viel Gutes und Schönes,
    herzlichst, Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • Das Urheberrecht verhindert ziemlich effektiv, dass Lyrik von „neueren“ und „neuen“ Frauen im Netz zu finden ist, daher würde mich zumindest das Inhaltsverzeichnis auch mal interessieren. Und natürlich deine Einschätzung. Ich kenne selbst erheblich weniger, als ich gerne möchte.
      Hab eine leichte Woche mit vielen heiteren Augen-Blicken! 😁
      Herzlich zurück 😁⛅☕🥐👍

      Gefällt 2 Personen

      • So wie ich es verstanden habe geht es um die letzten 100 Jahre, mal schauen was ich bedenkenlos teilen kann und was nicht. Das Inhaltsverzeichnis kann ich ja mal fotografieren und dir dann schicken.
        Ich danke dir 🙂

        Gefällt 2 Personen

        • Gerne. Das Inhaltsverzeichnis dürftest du auch öffentlich posten. Ansonsten: alle Dichterinnen, die vor 1950 gestorben sind, deren Werke sind jetzt frei. Ich bin immer nicht ganz sicher, ob das 1950 einschließt oder nicht, müsste man ggf. noch mal nachschauen. 😁👍

          Gefällt 2 Personen

  3. Bei Tucholsky kommen mir aktuell die Bilder von Maskenmenschen in den Straßen, den Bahnen: nichts als Blicke, sonst ist alles unerkennbar.
    Das Gedicht „Balkons…“ rührt etwas ganz Ähnliches an und steigert es: „…Nie von starkem Leuchten besonnt.- Wie gemauerter Nebel starrt die unendliche Front.“ Das ist die Welt der Maskenmenschen. Und die Balkons, so liebevoll gestaltet, „Stücke Wiese und Wuchs, verwehte, verstreute, — Land der landlosen Leute“, das sind die Menschenseelenaugen, das einzige, was noch erinnert an Freiheit, Wärme, Schönheit, Lebendigkeit. Die freie Natur, das spontane Miteinander haben sie sich nehmen lassen, aber verbarrikatiert in ihren Balkon-Augen bleibt ihnen ein wenig Menschlichkeit.
    Diese Assoziationen, werden bei Morgenstern zur direkten Anrufung:
    „verlorst
    in deiner kleinen Lust und Pein
    du nicht das Firmament,
    darin du wohnst, –
    hast du dich selber nicht
    vergessen,
    Mensch,
    und weiß dein Antlitz noch
    um Ewigkeit?“

    Hier ist nun das ganze Antlitz wieder da – als Reminiszenz – , und nicht nur Tucholskys Augen, die ängstlich spähen und sorgenvoll huschen und nach Nähe suchen und sie nicht finden, sondern nur erträumen – in der Großstadt.

    .

    Gefällt 4 Personen

    • Ich habe inzwischen ja über Umwege zumindest eine seriöse Quelle dafür gefunden, das war heute früh noch nicht so. Ich dachte, ich hätte inzwischen einen gewissen Überblick über die Leute, die in diesem Zeitraum geschrieben geschrieben haben. Man lernt nie aus.
      Schön, dass es dir so gut gefällt, das freut mich sehr 😁👍
      Mittagskaffeegruß 😁⛅☕👍

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      • Ich liebe den Tucholsky, aber der Lissauer ist auch großes Kino. Ich kannte ihn bisher nicht, aber das will bei mir nicht viel heißen. Wie er die Balkons beschreibt als das Land landloser Leute, großartig. Hier gibt es ein sehr großes, langes Mietshaus, das gerade Balkontüren und dann hoffentlich auch Balkone für alle Mieter bekommt. Jeden Morgen, wenn ich daran vorbeigehe, freue ich mich für die Bewohner.
        Liebe Grüße in den Abend! 🙂

        Gefällt 1 Person

        • Genau dieses „Land der landlosen Leute“ hat mich auch an diesem Gedicht fasziniert. Wirklich eine (Groß-) Stadtbeobachtung, die jede*r sofort nachvollziehen kann, der welche kennt und/oder selbst in einer wohnt …
          Herzlich zurück! 😀

          Gefällt 1 Person

  4. Ich habe mal bei mir nach Lissauer gesucht, aber auch nichts gefunden, vielleicht ist er in einer der vielen Anthologien versteckt. Auch das zweite Gedicht in Deiner online-Quelle ist gefällt mir sehr.
    Mit einem Gutenachtgruß zu Dir, Karin

    Gefällt 1 Person

    • Wie gesagt, ich halte ihn für nicht sonderlich bekannt, vielleicht war er es mal. Aber ich laufe so viel durch das Netz, er wäre mir vermutlich aufgefallen.
      Ich war auch ganz glücklich, dass ich die Quelle gefunden habe. Ja, da gibt es schöne Sachen, habe ich auch gedacht, nicht nur das zweite Gedicht.
      Danke dir, schönen Abend noch!
      Abendkühle Grüße 😁🍵🐈👍

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  5. Auch ich habe gerade in den Gedichtbänden gestöbert und entdecke nichts von Lissauer.
    Tucholskys „Augen in der Großstadt“ erinnern mich immer an meinen Deutschunterricht, ich habe dieses Gedicht schon damals geliebt.

    Gefällt 1 Person

  6. Liebe Christiane,

    Lissauer kenne ich nicht – noch nie gehört.

    Mir hat es heute der Morgenstern angetan: Vor allem die Frage, ob das Antlitz noch um die Ewigkeit weiß. Das finde ich eine wichtige Frage, vor allem auch heutzutage, denn manchmal beschleicht mich das Gefühl, wir lebten, als gäbe es kein Ende.
    Liebe Grüße
    Judith

    Gefällt 1 Person

    • Morgenstern ist (oft unerwartet) tiefgründig und wird gern unterschätzt. Ich freue mich, wenn ich auf derartige Preziosen stoße. Und ja, du hast völlig recht, so leben wir, das war ja schon ein Spruch aus den Achtzigern oder Neunzigern: Wir leben, als hätten wir eine zweite Welt im Kofferraum …
      Herzliche Grüße zurück! 😀

      Gefällt 1 Person

  7. Wie wundervoll mal wieder Deine Auswahl, liebe Christiane. Tucholskys Augen der Großstadt erinnert mich sehr an Benn und beeindruckt mich sehr.
    Der Name Lissauer ist mir total unbekannt. In meinem Band Großstadtlyrik von Reclam iat er auch nicht enthalten, aber der Arno Holz mit seinem Grossstadtmorgen, den ich sehr mag, aber alle von Dir aufgeführten sind zum Reinknien schön und voller Stimmung, die man sofort beim ersten Lesen erfühlen kann.
    Liebe Grüße von Bruni

    Gefällt 1 Person

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