Von November und Seele

 

Allerseelen

Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,
Die letzten roten Astern trag herbei
Und lass uns wieder von der Liebe reden
Wie einst im Mai.

Gib mir die Hand, dass ich sie heimlich drücke,
Und wenn man’s sieht, mir ist es einerlei,
Gib mir nur einen deiner süßen Blicke
Wie einst im Mai.

Es blüht und funkelt heut auf jedem Grabe,
Ein Tag im Jahre ist den Toten frei;
Komm an mein Herz, dass ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.

(Hermann von Gilm zu Rosenegg, Allerseelen, aus: Sophien-Lieder, 1844, Online-Quelle)

 

Seelen

Du weisst, wir bleiben einsam: du und ich,
Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht,
Mit freien Kronen, die der Seewind streift;
So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.
Und zwischen beiden webt ein feines Licht
Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,
Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin.

(Paul Wertheimer, Seelen, aus: Neue Gedichte, 1904, Online-Quelle)

 

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
In euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
Um Beifall bettelt und um Würde wirbt
Und endlich arm ein armes Sterben stirbt
Im Weihrauchabend gotischer Kapellen, –
Nennt ihr das Seele?

Schau’ ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
In der die Welten weite Wege reisen,
Mir ist: Ich trage ein Stück Ewigkeit
In meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
Und will hinauf und will mit ihnen kreisen …
Und das ist Seele.

(Rainer Maria Rilke, Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt, aus: Erste Gedichte/Gaben an verschiedene Freunde, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Grabmal, Herbst | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt heil in und durch die neue Woche!

 

 

27 Kommentare zu “Von November und Seele

  1. Frau Melancholia hat nun wieder Platz genommen, schwer ist manchen das Alleinesein, traurig ist all das Vergehen, freudig, wer an Ewigkeit glaubt.
    Guten Morgen, liebe Christiane, und so bleibt nur eins weitergehen und jedem Tag ein Lächeln schenken und sich beschenken zu lassen.
    Ich wünsche dir von Herzen eine gute Woche, mit Lächeln, und sende dir Grüße von Herz zu Herz,
    Ulli – hier ist es föhnig warm, die Alpen zeigen sich …

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    • In Stresszeiten lastet das Alleinsein mehr auf der Seele, das ist meine Erfahrung. Da sind vertrauenswürdige Menschen an der Seite eine große Erleichterung.
      Warm ist es hier auch, liebe Ulli, aber es kommt langsam Wind auf, der sich in den nächsten Stunden zu Sturm wandeln und gen Abend vielleicht sogar Regen, aber auf jeden Fall tiefere Temperaturen mitbringen soll. 🌧️😉
      Sei du auch ganz herzlich gegrüßt!😁🌬️☁️❤️👍

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  2. Das sind wieder drei wunderbare Fundstücke, Christiane! Das erste scheint mir bekannt, und mir gefällt die durchaus banale Bildsprache und Wiederholung „wie einst im Mai“. Das zweite Gedicht führt eine einfache Analogie ein, die für mich sehr stimmig ist und mich tief berührt. Das Rilke-Gedicht? Ein wenig zu verächtlich auf der einen, zu großspurig auf der anderen Seite, aber sprachlich unübertroffen.

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    • Das erste Gedicht gab es hier vor etwa einem Jahr schon mal, das zweite ist auch ein Wiederholer, lediglich der Rilke ist neu. Ich sehe da auch noch den jungen Rilke, das Gedicht ist vor dem Stundenbuch entstanden. Vermutlich also ein Frühwerk, das noch mehr Ecken und Kanten aufweist, wo er mehr probiert hat, wie er was sagt. Ich finde, es hat was.
      Liebe Grüße in deinen Abend 😁🌧️🍵👍

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  3. Das von Wertheimer hat es mir angetan. Beim Lesen bin ich gleich über das Ende wie über einen Rand gestolpert, weil ich „hin und her“ und nicht „her und hin“ erwartet habe. Irgendwie finde ich so ein Stolperende ganz großartig. Man stolpert aus dem Gedicht wieder in die krumme Realität und seine eigenen Erwartungen.

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  4. Ich mag sie alle drei, und die ersten zwei habe ich tatsächlich wieder erkannt – ich hatte sie bei dir schon mal gelesen. Das freut mich gerade… So viel triefende Melancholie, fast schon zu viel, aber dann doch genau auf den Punkt, der Gefühle weckt, aber keinen Überdruß.
    Und der Rilke, der fühlt sich für mich an wie ein Riese, der sich auf die Brust trommelt: „Hier bin ich, seht her, so groß und so stark bin ich und ich kann alles, selbst Ewigkeit!“ Gefällt mir aber trotzdem. 🙂 Vielleicht auch, weil es in den Zeilen silbern und golden schimmert.
    Liebe Abendgrüße! 🙂

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