Adventüden 2020 07-12 | 365tageasatzaday

07.12. – Verpunschunwunschung | Adventüden

 

Dichte gelbliche Nebelschwaden krochen aus der Flasche. Dieses Gebräu war sicherlich nicht mehr gut. Vorsichtig fächelte sie sich etwas von dem Nebel zu, um daran zu riechen. Der Geruch erinnerte entfernt an Mango, Katzenklo und Leberwurst. Sie schüttelte sich. Trinken würde sie das Zeug sicherlich nicht, auch wenn der Aufdruck »Wunschpunsch« einfach verlockend klang und sie sich sehr darüber gefreut hatte, als sie die kleine Flasche am Nikolausmorgen überraschend in ihrem Stiefel vor der Wohnungstür gefunden hatte.

Sie hatte sich vorgestellt, dass der gut aussehende neue Nachbar von gegenüber ihr dieses nette Geschenk gemacht hatte. Abends hatte sie sich allein auf dem Sofa in ihre Kuscheldecke eingemummelt und ein Stück ihres geliebten Käsekuchens genossen, während sie sich endlosen Träumereien eines Kennenlernens, Sichverliebens und Glücklichseins hingab.

Doch was ihr der Wunschpunsch nun offenbarte, war eher ernüchternd und verursachte bei ihr einen leichten Würgereiz. Inzwischen brodelte die Flüssigkeit leicht und der entweichende Dunst verfärbte sich ins Grünliche. Beängstigend, wie viel davon so einer kleinen Flasche entfliehen konnte. Jetzt wurde sie hektisch. Die Brühe musste so schnell wie möglich raus aus ihrer Wohnung. Wer wusste, was sie da einatmete! Sie öffnete die Balkontür, zog sich schnell ein Paar Einweghandschuhe über und trug vorsichtig die Flasche, die sich bereits leicht erwärmt hatte, hinaus auf den Balkon. Dort nahm ganz allmählich das Brodeln ab und auch der Nebel lichtete sich.
Am nächsten Tag kippte sie enttäuscht den Wunschpunsch in den Abfluss und hörte nicht, wie er leise das Lied des mit Füßen getretenen Glücks und der verpassten Gelegenheiten summte.

Autor*in: Yvonne     Blog: UmgeBUCHt

 

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Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, habe ich darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

36 Kommentare zu “07.12. – Verpunschunwunschung | Adventüden

  1. Pingback: Von Dezember und Trost | Irgendwas ist immer

  2. Oooch… wie schade! Ich trauere gerade mit dem Wunschpunsch! Das ist toll geschrieben, das Lied der verpassten Gelegenheiten ist ein großartiger Ausdruck und weckt Emotionen. Ich sehe förmlich, wie er mit seinen kleinen Wunschpunsch-Wolken die Abflußwände entlangrauscht… vielleicht hat ja die ein oder andere Ratte noch etwas von ihm. 🙂

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  3. Pingback: Adventüden 2020: Verwunschpunschung – umgeBUCHt

  4. Und wieder eine unerwartete Wendung. Ich hätte ähnlich reagiert. Es sind so viele Verrückte unterwegs.
    Und wenn es wahre Liebe ist, werden sich andere Möglichkeiten bieten. Das ist der Optimist in mir.
    So oder so toll geschrieben.

    Gefällt 4 Personen

    • Es ist die wahrscheinlichste Wendung, ein unappetitliches Gesöff fremder Herkunft einfach wegzukippen – sicher ist sicher – und sich damit rauszureden, dass schon kommt, was kommen soll. Ich bin ziemlich sicher, dass ich auch so reagieren würde. Aber wie schön dann der wehmütige Abgang … 😢😩😉
      Morgenkaffeegruß 😁🌠🌲☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

    • Tja, als Katzenpersonal hat man da gewisse Vorstellungen, die ich jetzt lieber nicht vertiefen möchte 😁
      Freut mich, dass dir das Kontrastprogramm zu deiner Adventüde auch gefällt 😁👍
      Auch dir eine gute neue Woche! 🌠👍
      Morgenkaffeegruß 😁🌲🌟☕🍪👍

      Gefällt 2 Personen

  5. Geht es einem mit neuen Menschenbegegnungen nicht manchmal genau so, wie hier der miefende, unheimliche Wunschpunsch vor Augen führt? Folgt man seinen inneren Warninstinkten, erspart man sich wahrscheinlich eine Menge unguter Erlebnisse, aber in der Nachwirkung fragt man sich doch immer wieder, ob man sich nicht geirrt hat, ohne einen „richtigen Beweis“ dafür, dass man sich auf eine fatale Beziehung eingelassen hätte.

    Gefällt 3 Personen

  6. Als informierte Adventüdenleserin sage ich mir „besser ist“, wir wissen ja, wie das enden kann.
    Und mit dem Nachbarn lässt sich ja vielleicht auch sowas einfädeln …
    Wenn sie sich dagegen den Weltfrieden oder den Rückgang des CO2 -Gehalts der Atmosphäre auf vorindustrielle Zeiten gewünscht hätte, wäre es echt schade drum gewesen.
    Dafür hätte ich den Kram sogar getrunken.

    Gefällt 4 Personen

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