Von Dezember und Trost

Falscher Schein

Wenn jedes Menschen geheimes Weh
Ihm an der Stirn geschrieben man säh‘,
Wir wären oft zu Thränen bewegt
Für den, der heute Neid erregt.
Es finden so Viele, in deren Brust
Das Herz voll Leid will weinen,
All ihren Trost, all ihre Lust
Darin – uns glücklich zu scheinen.

(Autor: Unbekannt, Falscher Schein, aus: Fliegende Blätter, Nr. 1835, in: Bd. LXXIII, Nr. 1823–1848, Online-Quelle)

Trost

Erlosch einer Hoffnung Schimmer,
Laß nur der Zeit ihren Lauf;
Begrabene Hoffnung steht immer,
Als Weisheit wieder auf.
Die führt dich auf schweren Wege
treulich ein gutes Stück,
Jenseits vom Trauerstege
Wartet ein neues Glück.

(Paul Keller, Trost, aus: Gedichte und Gedanken, Breslau 1933 (Nachweis), Online-Quelle)

Trost

Mir wuchs aus Sorgen und Schmerzen
In Kummers Nacht
Ein Reis. Das hat meinem Herzen
Die Ruhe wiedergebracht.

Der Kummer wird wie ein Feuer
Allmählich verglühn –
Kommt dann vielleicht ein neuer –
Aber das Reis wird nimmer verblühn.

(Hans Bötticher (Joachim Ringelnatz), Trost, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

Einer Unbekannten

In diesem großen Traurigsein,
Das Leben heißt,
Kann einer fernen Lampe Schein
Oft wie ein liebes Grüßen sein
Von Geist zu Geist.

Und eines Menschen Angesicht,
Das kaum man kennt,
Kann rührend sein wie ein Gedicht
Und trösten wie ein leises Licht,
Das tief im Dämmer brennt.

(Anton Wildgans, Einer Unbekannten, aus: Dreißig Gedichte, 1917, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Auch zu Adventüden-Zeiten gibt es die Montagsgedichte. Es mag eine etwas freie Interpretation sein, aber ich WOLLTE mich thematisch an die heutige Etüde annähern und hoffe, ihr findet es gelungen …

Kommt gesund und heiter in und durch die Woche!

 

28 Kommentare zu “Von Dezember und Trost

    • Das erste Gedicht ist auch das älteste. Ich gebe dir recht, es ist am schwierigsten von der Sprache her, aber ich finde die Aussage sehr wichtig, deshalb ist es dabei. Und ja, der Wildgans ist heute auch mein Favorit. 😁👍
      Morgenkaffeegruß auch hier 😁🌠🌲☕🍪👍

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  1. Guten Morgen, liebe Christiane, es ist schon immer wieder gut, dass wir nur vor die Stirne und nicht dahinter schauen können, es reicht ja auch oft schon, was sowieso erspürbar ist.
    Sehr mag ich, dass aus Kummer und Leid ein Reis wächst und nimmer verblüht 🙂
    Ich wünsche dir eine schöne 3. Adventwoche und einen guten Start heute.
    Liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  2. Bei mir dockten alle Gedichte an, obwohl ich mich gerade nicht in einer Trostbedarfsphase befinde. Aber dafür sind sie abgespeichert. Beim ersten finde ich bemerkenswert, dass sich die Gesellschaft offensichtlich in all der langen Zeit nicht verändert hat.
    Guten Morgen Grüße ☕️🍀💫 Barbara

    Gefällt 2 Personen

  3. In jedem Gedicht ist etwas, was mich anspricht, wenngleich ich keines zu einem poetischen Meisterwerk erklären würde. Sie sind alle irgendwie uneben, „holperig“ nicht im Versmaß, sondern in der Bildsprache – mit Ausnahme des Gedichts von Wildgans, das mir aber allzu glatt ist. Denn es ist zwar wahr, dass ein Gesicht, ein Licht einen traurigen Menschen trösten können – aber die wirklich tiefe Qual, von der Ringelnatz wohl spricht, ist denn doch was anderes. Das erste Gedicht ist mir zu „intellektuell“, nicht selbst empfunden, sondern konstruiert. Und Kellers Meinung, eine verstörte Hoffnung würde als Weisheit auferstehen, scheint mir doch eher ein frommer Wunsch zu sein. Ein schwieriges Thema: Trost.
    Kurzum, alle haben etwas, was ich mitnehmen kann, was mich anregt, drum danke ich dir sehr für die Auswahl. Am besten Ringelnatz.

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    • Du sagst es, liebe Gerda, ein schwieriges Thema. Es sind ja auch sehr unterschiedliche Situationen, in denen die Menschen Trost brauchen, und ebenso unterschiedlich ist, woraus sie Trost schöpfen. Ich glaube auch nicht, dass man die Gedichte in ihrer „Schwere“ untereinander gewichten sollte oder kann, es sei denn in der persönlichen Wirkung auf einen selbst. 🤔
      Ich habe Wildgans’sche Situationen öfter als einmal erlebt und stimme Ringelnatz aus eigener Erfahrung zu. Keller möchte Mut machen und schlägt ein wenig in die Ringelnatz’sche Kerbe; ich mag Mutmacher. Und was der Autor der Fliegenden Blätter beobachtet hat, sieht man heute noch allzuoft, wenn man hinschaut …
      Mich freut, dass du Lust hattest, dich mit den Gedichten auseinanderzusetzen. Mehr will ich gar nicht. 😉
      Sei herzlich gegrüßt 😁🌲🌠☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

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