Adventüden 2020 08-12 | 365tageasatzaday

08.12. – Annamirls magische Semmelknödel | Adventüden

 

Annamirl kochte die besten Semmelknödel weit und breit, doch der Bürgermeister kam nicht mehr zum Essen. Er wollte seine schlanke Linie halten.

»Welche schlanke Linie?«, fragte seine Frau, die das Hungern zur Religion erhoben hatte und für jedes Kohlehydrat im Fitnessstudio Buße tat. Tatsächlich wölbte sich, seit er im Amt war, ein Bäuchlein in seiner Körpermitte. Und es war Wahlkampf. Also gönnte er sich keinen Käsekuchen und auch keinen Lebkuchen.

Am Wunschpunsch nippte er nur bei der Weihnachtsfeier, was dieser Veranstaltung nicht zuträglich war. Den Wichtel-Rap der Auszubildenden ertrug er, den Minnesang der Hausmeister für alle weiblichen Angestellten ebenso, er las sogar aus dem sentimentalen Märchenbuch des örtlichen Poeten vor. Doch beim Ballett der Buchhaltung zur Petersburger Schlittenfahrt wurde ihm blümerant.

Er stürzte aus dem Saal. Im Aktenschrank stand eine Flasche Gin von Annamirl, bei der er in besseren Zeiten fast täglich gegessen hatte. Er trank ein zweites Glas. Gin war eine unschuldige, klare Substanz, die bestimmt kaum Kalorien enthielt. Auf dem Etikett wurden jedenfalls keine aufgeführt.

Musik dröhnte durch den Flur. Die Disco hatte begonnen. Er musste hinuntergehen und tanzen. Tanzen und lächeln und fröhlich sein. Hatte das nie ein Ende? Mehr als acht Jahre schon musste er den anderen gefallen. Und es würde so weitergehen. Immer weiter.

Er schlich über die Hintertreppe hinaus. Die Hauptstraße schimmerte im Lichtermeer der Weihnachtsbeleuchtung. Am Laternenmast hing das Porträt seiner Herausforderin.

Sollte die sein Amt übernehmen? Eine mit Doppelnamen? Niemals!

Er war im Begriff zurückzugehen, als die Tür zu Annamirls Semmelknödelwirtschaft aufging. Goldenes Licht fiel heraus und köstlicher Duft umhüllte ihn. Seine Nase zog ihn über die Schwelle. Schon saß er hinter einem Berg dampfender Knödel. Er schmolz dahin. Durch das Fenster sah er das Plakat mit der Doppelnamigen.

Er prostete ihr zu und gratulierte zur Nachfolge im Amt.

Autor*in: Nina Bodenlosz     Blog: Das Bodenlosz-Archiv

 

Adventüden 2020 08-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

91 Kommentare zu “08.12. – Annamirls magische Semmelknödel | Adventüden

  1. Sieh an, ein Vorstoß uns Land der kulinarischen Abenteuer jenseits der Knödelgrenze! Sehr amüsant!!
    Die Doppelnamige kenn‘ ich übrigens: Sie ist Lehrerin, hat rotgefärbte Haare, ist in ihren wilden Jahren in Latzhosen herumgelaufen und wirkt ein bisserl humorbefreit.
    Dem Bürgermeister wünsch‘ ich, dass er die Wahl gewinnt.

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    • Ich schätze, seine Frau ist mit der Doppelnamigen bekannt. Scheint ein ähnlicher Menschenschlag zu sein. Ich gönne dem Bürgermeister seine Knödel, das ist was Reelles. 😉
      Grüß Gott, Herr Nachbar aus dem Süden! Schön, Sie auch mal wieder hier zu sehen! 😁👍
      Morgenkaffeegruß 😁☁️☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

  2. Was da an Bildern in mir aufsteigt! Allein beim Wort Semmelknoedel und Bürgermeister, auf alle Fälle ein großes Lächeln.
    Da fängt der Tag doch gut an.
    Danke dafür. Moege auch euer Tag von einem Lächeln begleitet sein.
    Hier kommt ein sonniger Tag über den Berg.
    Liebe Grüße
    Ulli 👍☕😊🌞

    Gefällt 4 Personen

  3. Mitten im Wahlkampf sich mit Mut zur Rebellion gegen die Gattin anzutrinken und sich dann in Annamirls Knödel zu versenken ist nicht gerade die Art von Politikerverhalten, dass ich mir wünschen möchte. Verflixt, ich glaube ich bin eine Doppelnamenträgerin und wusste es nur nicht.

    Gefällt 4 Personen

      • Wenn Automaten die Alternative wären – kaum. Aber ich bin tatsächlich ziemlich puritanisch was meine Wünsche an das Verhalten von Menschen generell angeht, die sich als Verantwortungsträger andienen.
        Selbstdisziplin dazugehört, wenn man anderen sagen will, wie’s gemacht werden soll, und zu Alkohol als Entschuldigung für eh alles habe ich ein nicht minder intolerantes Verhältnis.

        Gefällt 3 Personen

        • Okay, dann mal im Ernst: Ich bin nicht sehr weit weg von dir, speziell und besonders, was Alkohol angeht. Ich lese diese Geschichte aber als die Beschreibung einer persönlichen Krise und ihrer Lösung – und wenn sich diese dank Gin und Semmelknödel einstellt, in der Form, dass ihm etwas über sich selbst klarwird und er es dann auch noch prompt umsetzt, zumindest in der Etüde, dann finde ich das ziemlich großartig. (Schön, dazu gehört auch noch ein zweiter und ein dritter Schritt. Ist klar. Aber es ist der Anfang, jedenfalls lese ich es so.)

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        • Ich lese die Adventüde als realsatirische Posse, und als solche, da soll mich bitte keiner missverstehen, finde ich sie sehr gelungen. Dass der Held der Geschichte seinen persönlichen Freiheitskampf führt, indem er gegen die zugeschobenen Ansprüche rebelliert indem er „verliert und und auf seine Weise wahrscheinlich eine lange nicht gehabte Freiheit, auch von der ehrgeizigen Ehefrau, gewinnt, sei ihm als Figur der Geschichte unbenommen.
          Aber es gibt ja immer verschiedene Aspekte, und mit seiner Art der Problemlösung bin ich eben nicht d’accord.

          Gefällt 2 Personen

        • Ich kann vielleicht ein bisserl was zur Klärung beitragen:
          Mir sind die Namen der Doppelnamigen wieder eingefallen, die heißt Huguinet-Pongratzpointner. Sie ist nämlich mit dem Pongratzpointner Sepp verheiratet, dem der Ort ein Einkaufszentrum an der Peripherie und einen Kreisverkehr verdankt. Der Bürgermeister ist leider nicht dankbar, sondern weigert sich, die eine oder andere Änderung im Flächenwidmungsplan zuzulassen.und außerdem ist er Annamirls Schweinsbraten und ihrem Obstler zugetan; „Gin“ sagt jetzt die Doppelnamige, „oberflächlichen Genüssen ergeben“ und „verantwortungslos“; Zeit, ihn abzuwählen.

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  4. Abnehmen/Hungern als Religion haben wir unter Twiggy in den 60ern schon mal gehabt. Und persönlich haben wir es in unserer Familie erlebt, wo eines unserer Enkelkinder zeitweise unter Magersucht gelitten hat. Deswegen: lieber ein kleines Bäuchlein sein eigen nennen und dann geht es einem auch seelisch gut.

    Gefällt 4 Personen

  5. Ich finde es super, dass der Protagonist den Genuss herrlicher Semmelknödel der „Macht“ vorzieht! Es gibt aus meiner Sicht schon viel zu viele auf dieser Welt, denen ihre Machtposition über alles geht, und die sich sehr schwer damit tun, ein einmal gehabtes Amt auch wieder aufgeben zu können… .

    Gefällt 5 Personen

  6. Hier stehen so viele Kommentare, dass ich nicht alle lesen kann und daher nicht weiß, ob schon jemand der Doppelnamigen sein-ihr Beileid ausgesprochen hat. Son Pech aber auch! Möglicherweise gewinnt sie jetzzt die Wahl und dann – Prost Mahlzeit, die Figur, eben noch traumhaft, geht in die Breite. Und die Ehe in die Brüche.

    Gefällt 2 Personen

  7. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 01.02.21 | Wortspende von Ludwig Zeidler | Irgendwas ist immer

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