Adventüden 2020 17-12 | 365tageasatzaday

17.12. – Johnny Scrooge | Adventüden

 

Er strich über das verstaubte Etikett. Es war ein uralter Gin, den er da im Keller seines Großvaters gefunden hatte. Er hatte lange zwischen all den alten Sachen gesessen. Sortiert, gelesen, geschoben, weggeworfen und entsorgt. Und dann stand sie da: verstaubt, vergessen, wie auch sein Großvater lange vergessen war. Die Familie hatte sich nicht um den alten schrulligen Mann gekümmert, und als er starb, wollte niemand sein Erbe antreten – so war er, John, der gute Aussichten zu haben schien, ebenso schrullig zu werden – unverheiratet, wie er mit seinen 47 Jahren immer noch war –, übrig geblieben. Obwohl er ihn nicht gekannt hatte, hatte er sich bereit erklärt, zumindest das Haus, das das einzig Erbbare überhaupt war, das der Alte hinterlassen hatte, zu räumen und es für den Verkauf herzurichten.

Er wischte mit einem Zipfel seiner Kuscheldecke noch einmal über das schmutzige Etikett:
»Bombay S…hir. Re..l.tion«, mehr war nicht mehr zu erkennen. John kannte sich überhaupt nicht aus mit solchen Dingen. Er trank höchstens mal ein Bier. Gin war nicht sein Metier.

Er warf die Decke zur Seite, deren Zipfel jetzt dunkelgrau schmutzig war, und ging hinüber in die Küche – der einzige Raum, in dem man wenigstens H+ auf dem Handy hatte. WLAN hatte der Alte wahrscheinlich gar nicht gekannt. Er schaute auf die Nebelschwaden, die vor den schmutzigen Fenstern über kniehohen Schneewehen waberten, und dann auf seinen Empfang: 4G! Nebel schien gute Leitfähigkeiten zu haben. Er gab die Bruchstücke des Etiketts und das Wort »Gin« in die Suchmaschine ein. Es dauerte eine Weile, bis er fand, was er suchte, und dann verschlug es ihm die Sprache: Bombay Sapphire Revelation – die Flasche bis 200.000 Dollar wert.

In diesem Moment hörte er die Glocke des Kirchturms Mitternacht schlagen. Heiligabend hatte begonnen und er kam sich vor wie Ebenezer Scrooge im Glück.

Autor*in: Kain Schreiber     Blog: Gedankenflut

 

Adventüden 2020 17-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

102 Kommentare zu “17.12. – Johnny Scrooge | Adventüden

  1. Eine leicht schräge und dabei passend weihnachtliche Geschichte, an der mich zunächst eigentlich nur die Kuscheldecke im Keller eines alten Mannes irritiert. Aber was soll man machen. Im Keller (und in den Aventüden) ist eben, was da ist. Was mir dann aber wirklich Rätsel aufgibt, ist, wie der Alte zu ausgerechnet so einer Flasche Gin gekommen ist. Ich würde die Geschichte glatt weiterlesen.

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  2. OK, und spätestens jetzt ist entschieden, dass ich dringend Gin probieren muß! Es kann doch nicht sein, daß er hier dauernd vorkommt und ich nicht mal weiß, wie der Geschmack ist! Eine tolle Geschichte, und ich würde sehr gern mal in diesem Haus stöbern, den Gin testen und ein Gläschen mit diesem Protagonisten trinken! 😊👍🍸

    Gefällt 6 Personen

  3. Ich wusste bisher nur, dass Whiskey inzwischen eine gute Geldanlage sein soll.
    Mir gefällt eigentlich am meisten, dass er durch das Haus einen Bezug zum alten Großvater findet. Ich finde, gerade das ist sehr gut beschrieben. Und da erkenne ich die weihnachtliche Stimmung.
    Guten Morgen Gruß 🎄🍩☕️⭐️

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  4. Wenn Kain diese Weihnachtsgeschichte weiterschreibt, kann sie nur zum Krimi werden, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die hartherzige Verwandtschaft stillhält und nicht plötzlich ihren Anteil am Erbe haben möchte.
    Als Fortsetzung ginge natürlich auch, dass er das Geld in die Renovierung dieses alten Hauses steckt, er auf genauso überraschende Weise eine Gefährtin findet, die ein Herz für endvierzige Sonderlinge hat usw.usf. …ich bin süchtig nach und immer für happy ends!
    Bin schon ganz beschwipst vom Weiterspinnen dieser gelungenen Adventüre……

    Lieber Gruß in die Runde vom Dach Karin

    Gefällt 4 Personen

  5. Ich mag solche Geschichten über schrullige Einzelgänger sehr! Warum kannte er eigentlich seinen Großvater nicht? Und warum schleppt er eine Kuscheldecke mit sich rum? Fragen über Fragen?
    Das Sensationellste was mein Vater und ich mal beim Kellerausräumen gefunden haben, war die Geburtsurkunde meines Onkels, die angeblich auf der Flucht aus Schlesien verloren gegangen war. Damals war er noch nicht zwei, als wird dasDokument fanden, war er über sechzig, meine Großeltern hatten es über mehr als zehn Umzüge unausgepackt mitgeschleppt.
    Wünsche allen Etüdenverrückten einen guten Tag

    Gefällt 4 Personen

  6. Vielen Dank für die tollen Kommentare! Ich freue mich gerade ganz außerordentlich – auch, dass ich (dank lockdown) schon jetzt Zeit habe, euch nahezu live zu lesen. und während ich so las, dachte ich bei mir: wie wäre es denn, wenn die, die Lust darauf haben, jeweils eine Fortsetzung schreiben?!!!
    Das wäre doch mal ein interessantes „Neben“Projekt.
    Allerdings habe ich von Moderation nur im RL Ahnung, hier und technisch gar nicht.
    Vielen Dank für die lobende Aufnahme meiner Weihnachtsadventüde!!!

    Gefällt 4 Personen

    • Und ich danke dir für die Adventüde und für den Spaß, den wir mit ihr haben.
      Das mit der Fortsetzung ist simpel: Alle, die eine schreiben wollen, verlinken zu dir, denn du bist der Autor und hast sie eben bei dir veröffentlicht 😁
      Moderieren musst du dabei auch gar nichts, nur lesen gehen. Anders wäre, wenn es Absprachen gäbe bezüglich Personen und Geschehnissen etc., aber solange du da keine Vorgaben machst … 😁🌧️☕🍩👍

      Gefällt 3 Personen

  7. Pingback: 17.12. – Johnny Scrooge | Adventüden — Irgendwas ist immer – Gedankenflut

  8. Ein wenig Mystik ist ja schon bei der Geschichte: erst das unlesbare Etikett und dann im Moment des Entzifferns das Glockengeläut. Wenn da nicht mal höhere Mächte ihre Finger im Spiel haben!
    Könnte mir auch gut vorstellen, dass der Großvater als preußischer Soldat bei der Niederschlagung des Boxeraufstandes dabei war und auf der Rückreise mit dem Schiff mal in Bombay an Land gegangen war und den Gin von einem Maharadscha geschenkt bekommen hat, dessen Frau er aus chinesischer Gefangenschaft befreit hat.
    Aber Halt, ich muss mich beherrschen, sonst spinne ich die Geschichte noch weiter.

    Gefällt 4 Personen

  9. Es hat mir doch keine Ruhe gelassen. Auch deshalb, weil mir schon als Kind eingebläut wurde: was du mal angefangen hast, das musst du auch zu Ende bringen.

    https://wkastens.wordpress.com/2020/12/25/vorgeschichte-zu-kais-adventude-teil-iii/

    Natürlich wäre es schön, ein solches Projekt einmal quer über verschiedene Web-blogs zu gestalten. Vielleicht gelingt es uns ja in 2021 mit Christianes Hilfe?

    Die ursprüngliche Adventüde von Kai findet Ihr hier:

    https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/12/17/17-12-johnny-scrooge-adventueden/

    https://kainschreiber.wordpress.com/2020/12/17/17-12-johnny-scrooge-adventuden-irgendwas-ist-immer/

    Die bisherigen zwei Vorgeschichten von mir
    hier:https://wkastens.wordpress.com/2020/12/17/vorgeschichte-zu-kais-adventude/

    und hier:

    https://wkastens.wordpress.com/2020/12/20/vorgeschichte-zu-kais-adventude-teil-ii/

    Allen meinen Lesern wünsche ich geruhsame Feiertage!

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