Adventüden 2020 23-12 | 365tageasatzaday

23.12. – Das Baby-Mammut auf dem Weihnachtsmarkt | Adventüden

 

Zum besseren Verständnis dieser Geschichte:

Während der Coronazeit im Frühling wurde in Österreich ein Bild verwendet für den Abstand, den man von seinen Mitmenschen halten sollte: der Baby-Elefant, der zwischen zwei Menschen Platz finden sollte. In Kindergärten und Volksschulen wurden Baby-Elefanten gebastelt, sogar die Regierung trat manchmal mit lebensgroßen Karton-Modellen von Baby-Elefanten zwischen den Rednerpulten der einzelnen Minister auf. Millionen von Baby-Elefanten waren unterwegs …

 

Vor dem Weihnachtsmarkt, den ich besuchen wollte, kam mir ein vierbeiniges Wuschelwesen mit Rüssel entgegen.
»Hallo, Süßer«, sagte ich, »bist du die Winter-Version von einem Baby-Elefanten?«
»Pffff, ich bin keine Version, ich bin ein Mammut«, trompetete der Kleine. »Und ich hab viel mehr Frisur als ein Efelant!«

Kurz gesagt: Das Baby-Mammut, das aus einiger Entfernung aussah wie eine wandelnde Kuscheldecke, wurde der Erfolg des Tages. Jemand hatte größere Mengen Flitter über das wuschelige Riesenbaby geschüttet, der in seiner winterfesten Behaarung hängen blieb, leuchtete und glitzerte, und jemand anderer hatte ihn mit ein paar neckischen Mascherln in verschiedenen Farben verziert. Blitzschnell hatte der Kleine seinen Rüssel in einen Punschtopf versenkt, was seinen Schritt in der Folge etwas schwankend machte. An einem Stand, wo verschiedene Musikinstrumente angeboten wurden, probierte er mehrere Trommeln aus. Sein punschbedingtes leichtes Schwanken tat der musikalischen Darbietung keinen Abbruch.

Fast alle Besucher des Marktes hatten sich nun um das kleine Mammut geschart, hüpften und tanzten, jonglierten mit Lebkuchen und schmückten sich mit Weihnachtskugelohrringen. Es wurde ein großes spontanes Fest, das lange in Erinnerung blieb.
Plötzlich sah man am anderen Ende des Weihnachtsmarktes ein riesiges Wesen wie aus urzeitlichen Nebelschwaden auftauchen. Vier Beine wie Baumstämme, ein gewaltiger Rüssel zwischen nicht minder gewaltigen, gebogenen Stoßzähnen, eine wild-verwuschelte Ganzkörper-Rastafrisur. Die Bäume bogen sich durch den Luftzug. Das war wohl der Mammut-Papa, der seinen abenteuerlustigen, rundherum glücklichen Sprössling abholen kam.

Die Weihnachtsmarktbesucher, von denen viele auch schon sehr punschschwankend waren, winkten dem Mammut-Papa fröhlich zu. »Kommen Sie doch bald wieder«, riefen sie, »und bringen Sie Ihren süßen Kleinen mit!«
»Die Mama ist natürlich auch willkommen«, rief noch jemand etwas zögernd.
Das Papa-Mammut trompetete freundlich in gewaltiger Lautstärke, manche glaubten »Fröhliche Weihnachten« zu verstehen, und nahm den Junior beim Rüssel. So traten sie den Heimweg an und unterwegs erzählte das Baby-Mammut seine Weihnachtsmarktabenteuer.

Autor*in: Myriade     Blog: la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

 

Adventüden 2020 23-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

84 Kommentare zu “23.12. – Das Baby-Mammut auf dem Weihnachtsmarkt | Adventüden

  1. Lass andere Kriege führen! Du aber, glückliches Österreich … halte Deinen Nächsten mit Baby-Elefanten auf Abstand. Was für eine muntere und munter machende Geschichte. Ich werde einen Baby-Elefanten jetzt mit zum Einkaufen nahmen, und wenn mir jemand zu sehr auf den Pelz rückt, bitten, doch Platz zu lassen für meinen Baby-Elefanten.

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, im Sommer wurde so getan, als ob nix wäre. Vereinzelte Stimmen haben vor einer zweiten Welle gewarnt. Jetzt haben wir den Salat: bis vor kurzem hatten wir weltweit(!) die höchsten Ansteckungszahlen.
      Dass es heuer keine Weihnachtsmärkte – hierzulande Christkindlmärkte genannt – gibt, hat man vor noch nicht sehr langer Zeit beschlossen. Es gab auch den verrückten Plan Aufseher mit Engelsflügeln mit der Kontrolle des Abstandhaltens zu beauftragen. Hätte lustig ausgesehen, aber sie hätten einen undurchführbaren Job gehabt.
      Herzliche Grüße an dich samt Nestbewohnern ❤

      Gefällt 1 Person

  2. Mir gefällt ungemein die Szene, wo sich das Ankommen von Papa Mammut ankündigt. Und dann sein Erscheinen! dieser Gigant mit der Ganzkörper-Rastafrisur! Und wie er sein Söhnchen am Rüssel packt und mit ihm wieder abwandert, ist auch zum Zeichnen schön! Frohe Weihnachten dir!

    Gefällt 3 Personen

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