Weihnachtspause

Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr

Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr.
Da hörst du alle Herzen gehn und schlagen
wie Uhren, welche Abendstunden sagen.
Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr.

Da werden alle Kinderaugen groß,
als ob die Dinge wüchsen, die sie schauen
und mütterlicher werden alle Frauen
und alle Kinderaugen werden groß.

Da mußt du draußen gehn im weiten Land
willst du die Weihnacht sehn, die unversehrte,
als ob dein Sinn der Städte nie begehrte,
so mußt du draußen gehn im weiten Land.

Dort dämmern große Himmel über dir,
die auf entfernten, weissen Wäldern ruhn,
die Wege wachsen unter deinen Schuhn,
und große Himmel dämmern übern dir.

Und in den großen Himmeln steht ein Stern,
ganz aufgeblüht zu selten großer Helle,
die Fernen nähern sich wie eine Welle,
und in den großen Himmeln steht ein Stern.

(Rainer Maria Rilke, Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr, 1901, aus einem Brief an seine Frau Clara, Online-Quelle)

 

Herzkerze – 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst

 

Ich kenne viele Menschen, für die Weihnachten nicht gerade der stillste Tag im Jahr ist, und vielleicht gehört ihr auch dazu. Ich begreife es so, dass damit eine innere Stille gemeint ist, eine Offenheit …
Was ich an diesem Gedicht so mag, ist Rilkes Haltung, die sich hier ausdrückt, die Bereitschaft, einem Wunder zu begegnen.
Rilke war Mitte Dezember 1901 zum ersten Mal Vater (einer Tochter, Ruth) geworden. Wenn es also in Rilkes Vorstellung ein „ideales Weihnachten“ (wir würden das heute vermutlich kitschig nennen) gab, dann war es vermutlich dieses. Außerdem war er erst Mitte 20.

Ich wünsche euch dieses Innehalten, diese tiefen Momente wortlosen Glücks, die überquellende Sehnsucht, das Ergriffensein vom Schönen – was, nicht falsch verstehen, absolut null mit „Religion“ zu tun haben muss und ganz sicher nicht an Weihnachten gekoppelt ist.

 

Dieser Blog geht so langsam ebenfalls in den Feiertagsmodus: Er schließt nicht, aber ich lasse ihn liegen, bis ich Lust habe, mich darum zu kümmern … Kommt gut und heil und „entschleunigt“ durch diese Tage, die dieses Jahr vielleicht auch bei euch ein bisschen anders ausfallen als üblich, und passt auf euch auf.

 

Und vielleicht hat ja jemand Sinn hierfür … Hört einfach mal rein.

 

Lichtgebet · Elbcanto & Helge Burggrabe · Text aus der Sufi-Tradition

 

 

69 Kommentare zu “Weihnachtspause

  1. Möge das Leben – so wie es eben kommt – dir viele freudige, glückliche, inspirierende Momente bringen; und mögest du offen sein sie zu erleben. Zu Weihnachten und sonst auch.
    Vielen Dank für die Etüdenbetreuung und so manchen interessanten Austausch. Wir lesen einander ❤ ❤

    Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Christiane, danke für deine anrührenden Worte und das bezaubernde Rilke-Gedicht. Warum brauchen wir immer einen äußeren Anstoß, um uns auf Wesentliche zu besinnen. Dies Wandern unter dem Himmel, von dem Rilke spricht, das erlebe ich freilich jede Nacht und nehme es in mich auf als Kraft für den Tag. Schön aber ist das Bewusstsein, dass es in einer besonderen Nacht viele Menschen umfasst und ergreift. Darum haben solche Feste weiterhin ihren Sinn. Gute Tage dir! Gerda

    Gefällt 4 Personen

    • Ich weiß es auch nicht, Gerda. Vielleicht erlauben es sich viele sonst nicht, Stichwort „Spinner“, oder sie haben keinen, mit dem sie darüber reden können. Spiritualität hat keine breite Lobby, obwohl viele damit eine Menge verdienen … 😉
      Vielleicht wissen aber auch viele einfach nicht, wie sie ihr Erleben/Empfinden benennen können, und verbinden es mit Religion, die sie selbstverständlich ablehnen 😉. Ach, es ist ein Elend.
      Gute Tage (und Nächte) auch dir!
      😁🎶🎄✨🐈👍🌟

      Gefällt 5 Personen

      • … und verbinden es mit Kirchendogma, Sündenkatalog und Beichte…Ja, vielleicht. Andererseits, gäbe es die Kirchen nicht, wäre auch dieser letzte Anker verloren und wir trieben hilflos auf den Weltmeeren des krassen Materialismus. Nun aber werden wir eben doch dann und wann auf die stillen Fragen verwiesen, die sonst vom Lärm des Tages verschüttet werden. Auch Kirchen empfinde ich übrigen so, gehe aus dem Lärm hinein in diese stillen Räume, in denen, vielleicht, eine feierliche Orgel erklingt oder sogar ein großes Orchester mit Chor, wie ich es in Monreale bei Palermo (Händels Messias) oder in Convento del Carmen, einer Kirchenruine in Lissabon, erlebte. Das sind so Sternstunden.

        Gefällt 4 Personen

        • Ach. Meine Erfahrung ist, dass die meisten nicht trennen. Nicht die Institution Kirche von ihren „Dienern“, nicht die organisierte Ausübungsform von ihrem Inhalt. Und über allem schwebt dann der alte Mann mit Bart. 🤔😒
          Ich finde, um sich kritisch auseinanderzusetzen, muss man trennen und sich über vieles klarwerden. Erst mal. Und hinterher dann wieder zusammenfügen, denn die Einzelteile funktionieren nicht jedes für sich. Und danach hat man viel gelernt und hoffentlich eine differenzierte(re) Meinung 😉.
          Ich liebe z. B. Orgelmusik in großen Kirchen, aber es funktioniert nur live: Gänsehaut pur, wenn es gut ist. 😁❤️🎶

          Gefällt 4 Personen

      • ja, bei Orgelmusik ist life unbedingt notwendig. Ich gebe zu, dass ich Musik überhaupt nur life wirklich hören kann – und dann auch nur eine und nicht ein ganzes Programm, denn es geht mir sehr unter die Haut. Musik in Konserven ist wie Essen aus Konserven.

        Gefällt 4 Personen

  3. Rilkes Weihnachtswunder-Gedicht als Abschluß der adventlichen Tage , was hätte schöner und/oder besser sein können…
    Gönne Dir Ruhe , liebe Christiane, so lange Du magst.
    Du warst so fleißig und rührig, hast zusammengehalten und weitergebracht, was ohne Dich vielleicht im Blogsand versickert wäre.
    Liebe Weihnachtsgrüße von Bruni an Dich

    Gefällt 3 Personen

  4. Liebe Christiane, spät melde ich mich, aber so konnte ich auch die zahlreichen Kommentare lesen und sie zusätzlich liken.
    Das Rilkegedicht ist wunderschön – wenn Du es dem Empfinden zu der Geburt seiner Tochter Ruth zuschreibst, kann das gut sein – bei ihm trat aber sehr bald Ernüchterung ein und er ließ Frau und Tochter schmählich in Stich, selbst die gab die Tochter bald zu den Großeltern. Rilkes überwältigende Lyrik ist oft sehr schwer mit seinem menschlichen Handeln in Einklang zu bringen – aber damit ist er nicht allein. Dichterleben und Alltagsleben vertragen sich oft nicht. Trotzdem bin ich eine große Rilke-Verehrerin.
    Auch ich möchte mich bei Dir bedanken für Deine Arbeit durch’s Jahr – Dein Blog strotzt vor Lebendigkeit und Vielfalt – darauf kannst Du sehr stolz sein. Ich bin nur Nutznießerin, weil nur Leserin, aber auch Deinen Mitstreitern gebührt Dank, dass sie Deinen Verlockungen gefolgt sind.
    Ich wünsche Dir eine erholsame Zwischendenjahrenpause und es grüßt Dich herzlich vom Dach, Karin miWbsK -:))

    Gefällt 2 Personen

    • Guten Morgen, liebe Karin, und danke, dass du dir die Zeit für die „Nachlese“ nimmst! 😁
      Ich habe wegen Weihnachten darauf verzichtet, erneut Rilkes ansonsten doch diskutable Handlungsweisen zu erwähnen 😉
      Das Gedicht hat er für Clara geschrieben; in meiner Quelle steht, er habe es ihr zu Weihnachten geschenkt, es hat also ganz sicher mit ihr und seiner am 12. Dezember 1901 geborenen Tochter zu tun.
      Ich danke dir für das Lob der Lebendigkeit und Vielfalt, mir selbst kommt es öfter so vor, als sei mein Blog recht eintönig: Etüden und Gedichte, und was sonst? 🤔😉
      Hier ist es heute trüb, ich habe lange katerunterstützt im Bett gefaulenzt und bin fest entschlossen, den Tag nach Kräften zu vertrödeln … 😁
      Weihnachtsgrüße auf dein Dach und dem Waschbeckenschläfer 🐈
      😁🎶🎄☕🍪👍

      Gefällt 2 Personen

      • Ich wollte keinesfalls den Zauber dieses Gedichtes zerstören, liebe Christiane und auch keine Diskussion entfachen, es kam mir nur in den Sinn beim Lesen.
        Von wegen eintönig: inzwischen könntest Du eine Anthologie an Etüden herausgeben; sie fände bestimmt Abnehmer – es fehlt nur der Verlag.
        Ich würde gern ein bißchen draußen in der Trübnis auch bei uns laufen, aber das Waschbecken ist immer noch besetzt, ich habe mal kurz angefragt, aber es erfolgte keinerlei Reaktion. Also muß ich wieder in die Küche….. ansonsten ist auch bei mir Faulenzia angesagt.
        Laßt es Euch gut gehen und seid herzlich gegrüßt….

        Gefällt 2 Personen

        • Ich denke auf der Etüden-Anthologie öfter mal herum, liebe Karin, bin aber noch auf keinen grünen Zweig gekommen, da gibt es einiges zu beachten. Tatsächlich bin ich nicht überzeugt, dass sie sich verkaufen würde. Etüdenleser würden viele bereits kennen und ob Etüdenschreiber das Büchlein erwerben/verschenken würden? 🤔
          Faule Grüße zurück 😁🐈🎄☕🎶

          Gefällt 1 Person

    • Ist der nicht großartig? Ich finde den als meditatives Bild wirklich stark. Ich übe mich darin, ihn mitzusingen, und finde das nicht mal im Sopran einfach, was die Konzentration steigert und den verinnerlichenden Effekt hoffentlich erhöht 😉
      Abendgrüße in die Hauptstadt 😁🌟🍷🎶👍

      Gefällt 1 Person

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