Von Winter und Dämmerung

Dämmerung in der Stadt

Der Abend spricht mit lindem
Schmeichelwort die Gassen
In Schlummer und der Süße
alter Wiegenlieder,
Die Dämmerung hat breit
mit hüllendem Gefieder
Ein Riesenvogel sich
auf blaue Firste hingelassen.

Nun hat das Dunkel von den Fenstern
allen Glanz gerissen,
Die eben noch beströmt
wie veilchenfarbne Spiegel standen,
Die Häuser sind im Grau,
durch das die ersten Lichter branden
Wie Rümpfe großer Schiffe,
die im Meer die Nachtsignale hissen.

In späten Himmel tauchen Türme
zart und ohne Schwere,
Die Ufer hütend,
die im Schoß der kühlen Schatten schlafen,
Nun schwimmt die Nacht
auf dunkel starrender Galeere
Mit schwarzem Segel
lautlos in den lichtgepflügten Hafen.

(Ernst Stadler, Dämmerung in der Stadt, 1911, Erstdruck in: Das neue Elsaß. Jg. 1, Nr. 4, 20. Januar 1911, Online-Quelle)

ERLEBNIS

Mit silbergrauem Dufte war das Tal
Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond
Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht.
Mit silbergrauem Duft des dunklen Tales
Verschwammen meine dämmernden Gedanken,
Und still versank ich in dem webenden,
Durchsichtgen Meere und verließ das Leben.
Wie wunderbare Blumen waren da,
Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht,
Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen
In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze
War angefüllt mit einem tiefen Schwellen
Schwermütiger Musik. Und dieses wußt ich,
Obgleich ichs nicht begreife, doch ich wußt es:
Das ist der Tod. Der ist Musik geworden,
Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend,
Verwandt der tiefsten Schwermut.
Aber Seltsam!
Ein namenloses Heimweh weinte lautlos
In meiner Seele nach dem Leben, weinte,
Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff
Mit gelben Riesensegeln gegen Abend
Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt,
Der Vaterstadt, vorüberfährt. Da sieht er
Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht
Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber,
Ein Kind, am Ufer stehn, mit Kindesaugen,
Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht
Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer –
Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter,
Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend
Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.

(Hugo von Hofmannsthal, Erlebnis, aus: Gedichte, 1922, entstanden 1892, Online-Quelle)

Und abermals wirst du geboren werden

Und abermals wirst du geboren werden
auf andern Sternen, deiner selbst nicht kundig,
und wirst auf die Wege gehen allen Lebens,
in Schmerzen bald und manches Mal in Lächeln,
Doch steigt aus Dämmerungen einer Nacht
gleichwie aus Schächten, die verschüttet sind,
ein Bildnis auf, ein Schatten und ein Ruf,
so wisse du: der Bruder ruft nach dir,
der abermals dem Tode sich entrang
gleich dir und abermals das Leben wandelt
auf andern Sternen fern und trauervoll.

(Walter Calé, Und abermals wirst du geboren werden, aus: Nachgelassene Schriften, 1907, Online-Quelle 3. Auflage 1910)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gesund und heiter (na ja) in und durch die Woche!

 

46 Kommentare zu “Von Winter und Dämmerung

    • Bin gestern zuerst über den Calé gestolpert und habe versucht, die Stimme/Stimmung Kreise ziehen zu lassen. Ja, ist ein bisschen dunkler und farbenprächtiger, ich dachte, es passt ganz gut …
      Danke und Morgenkaffeegruß 😁☁️🎶☕🍪👍

      Gefällt mir

  1. Was für gewichtige Gedichte! Hugo von Hofmannsthals werde ich wieder und wieder lesen. Auch Calé.
    Ich denke an die allabendlichen Dämmerungen, dem Sterben eines jeden Tages und damit auch jeden Abend meiner Vergänglichkeit näher komme.
    Auch dir, liebe Christiane, eine gute Woche.
    Liebe Grüße
    Ulli 🐻

    Gefällt 4 Personen

  2. oh, oh, was für Gedichte.
    Nichts Kleines, Unbedeutendes, nein, große und
    gewaltige Worte und ich durchforste sie, ein bissel zögerlich, weil sie teilweise so etwas wie Endzeitstimmung verbreiten und finde mich mitten in den wundervollen Worten von Hugo von Hoffmannsthal
    *Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend,
    Verwandt der tiefsten Schwermut.*
    Und ich denke nicht an den Tod des Tages, sondern an die vielen Menschen, die der Pandemie zum Opfer fielen und mühe mich, da wieder rauszukommen, ganz tief zu atmen und zu wissen, ich bin noch da und es wird besser und besser und ich denke an den Frühling, das Werden und Wachsen und es geht mir wieder gut.
    Eine grandiose Auswahl, liebe Christiane,
    und liebe Grüße zum Abend von Bruni

    Gefällt 3 Personen

    • Da hast du recht, liebe Bruni, und ich habe auch gezögert, ob jetzt die Zeit wäre für so einen großen Brocken und die Tiefen, die er heraufbeschwört. Und dann habe ich gedacht: Ja, jetzt genau ist die Zeit, denn mit mehr Sonne sind die Gedanken vielleicht leichter zu ertragen, HABEN tut man sie aber auch und gerade an den dunklen Tagen, und da hilft es vielleicht, sie von jemand anders ausgesprochen zu lesen – und noch dazu in so schöner Form. 🤔😁🕯️
      Liebe Grüße in deinen Abend, es freut mich sehr, dass sie dich so berühren. Ich hab dir übrigens gerade gemailt.
      😁🕯️🍷👍

      Gefällt 3 Personen

  3. Froh bin ich in diesen Tagen. Das würde mir einfach so geschenkt.

    Zu Walter Calé,
    Das erinnert mich an den Hans aus meiner etüde, an seine Schmerzen, beim Wandern auf seinem Stern.
    Vielleicht hülfe ihm, dass auch andere hanse auf anderen sternen das gleiche Schicksal haben. 😃

    Gefällt 1 Person

    • Wenn du durch meine Montagsgedichte klickst, zumindest durch die neueren, dann wird dir vielleicht auffallen, dass ich besonderen Wert auf Originalquellen lege, wenn ich sie zu fassen bekomme. Wikisource ist auch ziemlich gut geworden.
      Freut mich sehr, danke! 😁👍
      Morgenkaffeegruß zurück (Kaffee geht immer) 😁🌨️☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

        • Als ich anfing mit dem Bloggen, habe ich mit Zitaten begonnen und geglaubt, alle Angaben seien wahr. Ziemlich bald habe ich festgestellt, dass es zumindest bei Zitaten reine Glückssache ist, dass der Urheber stimmt, und dass es oft verändert ist, zum Teil sinnentstellend. Ferner gilt: Bei allen Zitaten, unter denen „Buddha“, „Goethe“, „Mark Twain“ und „Albert Einstein“ steht, ist erst mal Vorsicht geboten 😉
          Als ich dann ernsthaft mit den Montagsgedichten anfing, habe ich mir geschworen, jeweils nach der bestmöglichen Quelle zu suchen, idealerweise ein Scan des Originals.
          Sag mal: Hast du eine Idee, wie ich die Gedichte kategorisieren könnte? Mich stören Dubletten nicht, manche sind beabsichtigt, aber die Suche nach bestimmten Gedichten oder Autoren gestaltet sich doch schwierig … 🤔

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        • Du meinst, Du möchtest die von Dir gebloggten Gedichte kategorisiere (um einen Überblick zu haben, was Du schon mal hattest)? Kategorien könnten natürlich sein Frühlingsgedicht, Liebesgedicht, Herbstgedicht, …. Puh, ich schwimme, weil ich nicht sicher bin, worauf Du hinaus möchtest. Die Suche nach einem bestimmten Text in einem umfangreichen Blog ist hier nicht einfach. Heute hatte ich selbst das Problem, weil ich meine Rosenbach-Geschichte verlinken wollte. Obwohl alle mit „Rosenbach“ verschlagwortet sind, hat mir die Suchfunktion nur zwei Geschichten angezeigt. Erst als ich nach „Kaffeefahrt“ gesucht habe, kam der richtige Text. Wenn es also um das Suchen im eigenen Blog geht, sind markante Begriffe aus dem Text besser geeignet als Schlagworte.

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        • Eben, das ist die Krux mit der Suchfunktion. Für dich als Inhaberin: Du kannst auf die interne Suche im Dashboard ausweichen, indem du die Beiträge durchsuchst, das ist zuverlässig.

          Ja, ich suche nach einer Möglichkeit, die Montagsgedichte zu strukturieren. Da ich aber oft auch unterschiedliche Gedichte zusammenführe (es sind ja meist mehrere), möchte ich so etwas wie „Herbstgedichte“, „Liebesgedichte“ … eigentlich vermeiden, eigentlich alles, wo die Zuordnung komplett subjektiv ist (Ausnahme: Weihnachten/Ostern, okay, Jahreszeiten/Monate gehen auch noch). Blieben nur noch Autoren oder Jahreszahlen, oder? Ich habe aber nicht von allen Gedichten das korrekte (Erst-) Erscheinungsdatum, und vieles habe ich nach kritischen Ausgaben zitiert (bzw. auf Quellen wie Zeno.org zurückgegriffen). Das spricht in meinen Augen für die Dichter, aber DANN hätte ich bei 200 Ausgaben der Montagsgedichte vermutlich +50 Kategorien, manche davon mit nur einem Gedicht bestückt. Das bläst mir die Übersicht zu sehr auf … 😦
          Also doch Inhalte?
          Du siehst, wie ich es drehe und wende, glücklich werde ich nicht … 😉

          Gefällt 1 Person

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