Erinnerungen | abc.etüden

Sie presste sich in die Ecke der Couch und schloss die Augen. Die Helligkeit der Lampe verblasste zu einem orangen Fleck auf dem Inneren ihrer Augenlider. Die Musik tröpfelte sanft aus dem Lautsprecher. Sie atmete tief aus und ließ sich einsinken. Mit der Musik kamen die Erinnerungen.

Er war der erste Welterklärer gewesen. Stundenlang. Begeistert. Der erste Mann, der sie ernst genommen hatte, mit ihr diskutiert hatte, mit dem sie ihre Wertvorstellungen entwickelt hatte. Und mehr.

Auch mit ihm hatte sie diese Musik gehört, die ihn so gar nicht ansprach, und die er zu verstehen und mögen versucht hatte, weil es ihre war. Für die sie in jenem rauchgeschwängerten Arbeitszimmer die Anlage aufdrehen durfte, bis die Klänge das Haus ausfüllten und erschütterten.

Der erste in ihrem Leben, der gescheitert war. Der erste, der ungewollt viel zu früh gehen musste. Der erste, dessen Zerbrechlichkeit sie erkannte und dessen Verletzlichkeit sie zu beschützen versucht hatte, weil sie es weder anders gewusst noch gekonnt hätte.
Dessen Wärme und Liebe sie vermisste.

Mal mehr, mal weniger, aber immer wieder.

Die Musik schwoll auf, ebbte schließlich ab und verstummte. Sie stand auf, wischte ein paar verirrte Tränen weg und sah auf das Bild an der Wand.

»Happy Birthday, Papa.«

 

abc.etüden 2021 03+04 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 03/04.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ulrike und ihrem Blog Blaupause7. Sie lauten: Lautsprecher, orange, erschüttern.

Ja, auch (AUCH!) autobiographisch. Er wäre dieser Tage 95 geworden.
Und ich wollte auch mal eine Miniatur.

 

Die Musik zur Etüde: Mike Oldfield, Platinum, Part I bis Part IV (bis 19:13)

 

Das Bild zur Etüde ❤

Foto: privat 🙂

 

 

107 Kommentare zu “Erinnerungen | abc.etüden

  1. Da reißt Du bei mir auch eine nie verheilende Wunde auf, nur konnte mein geliebter Vater mir nicht die Welt erklären, er verschwand plötzlich aus ihrem 4-jährigen Leben, um nach 7 langen Wartejahren aus der Gefangenschaft zurückzukehren und mit nur 71 Jahren verschwand er wieder von einer Minute auf die andere, weil ein Herzinfarkt ihn viel zu früh aus dem Leben riß. Er war das wärmegebende Elternteil. Ich war ganz bei Dir beim Lesen, liebe Christiane. Umärmelung, Karin

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    • Manches verschwindet nie ganz, liebe Karin, aber ich lebe jetzt schon länger ohne ihn, als dass ich ihn kannte, da überwiegt in der Erinnerung das Lächeln. Meistens. 😉
      Ich habe mich entschieden, mich an die Geburtstage meiner Eltern zu halten, nicht an die Todestage, und fahre gut damit. Es ist halt, wie es ist, aber hey, 95 …
      Morgenkaffeegruß aus dem regnerischen Hamburg 😁😺🌥️☕🍪👍

      Gefällt 4 Personen

    • Na ja, nein. Cool – selten 😀
      Aber ich weiß nicht genau, wie alt er auf dem Foto war, lass ihn mal Mitte 20 sein (was denkst du?). Das heißt, als ich in sein Leben trat, war er von selbigem schon erheblich gebeutelter 😉. Aber das Grinsen liegt in dem Familienzweig 😁
      Vormittagskaffeegruß 😁🌥️☕🍪👍

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  2. Wie wunderschön. Mein Papa würde dieses Jahr 97, ist also dieselbe Generation. Er nahm mich immer ernst und weckte mein politisches Interesse. Und auch er ging zu früh, während ich mit 18 Jahren auf Kursfahrt in Wien war. Was mich heute noch am meisten schmerzt ist, dass ich mich nicht verabschieden konnte. Seit 1986 eine Wunde, die nie ganz heilt…

    Gefällt 3 Personen

  3. Diesen Text hätte ich nicht als typisch für dich erkannt. Irgendwas ist daran grundlegend anders…
    Der Vater ist halt wirklich der erste Mann im Leben, mit dem man alle Männer irgendwie vergleicht, im positiven wie im negativen. So weit her ist es nicht mit unserer Freiheit des Denkens

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  4. moment!
    ich muss warten bis die gänsehaut nachlässt…

    schön geschrieben! (aber kann man das so sagen? es berührt. es transportiert. es ist einfach: wow!)
    und ich stimme zu: sehr anders als sonst. aber – frag nicht! ich kanns nicht erklären.

    cooler typ! (laut foto und wie er war)
    ein wundervolles kleines Denkmal für deinen Vater!

    Gefällt 3 Personen

    • Dann danke ich dir einfach von Herzen 😍. Mir bringt das was, wenn ihr sagt, dass etwas anders ist, auch wenn ihr oder ich den Finger nicht drauflegen könnt, was es genau ist 🤔
      Ja, er war toll, ich habe ihn sehr geliebt.
      Nachmittagskaffeegruß 😁🌥️☕🍪👍

      Gefällt 2 Personen

    • Oh, ich weiß, dass es die Platte gab. (Platinum war damals natürlich auch noch die Platte – und die zweite Seite habe ich kaum gehört 😉 )
      Aber ich weiß nicht, ob ich die der beiden kenne und ganz sicher besitze ich sie nicht …
      Ja, emotional. Ja. Danke! 😀

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        • Ich werde YT mal durchflöhen. Es ist echt erstaunlich, was man da finden kann, wenn man Geduld hat.
          QE2 hatte ich auch als LP, Crises schon nicht mehr, ich mochte den Gesang nicht. Tubular Bells und Ommadawn – hm. Kennen tu ich sie, logisch, aber ich habe damals wild hin- und hergetauscht, bin nicht sicher, was ich davon als Platte hatte … 😉

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        • YT ist schon cool. Hatte einige alte Holmes – Filme entdeckt (werbefrei) mit Basil Rathbone als Sherlock. 🙂
          Musik findest du da ohne Ende. Alle möglichen Künstlel findet man da Alben weise. Mein größter Fund sind die Alben von „Stive Morgan“, einem echt tollen Künstler der elektronischen (Chill Out) Musik.

          LPs habe ich nie hergegeben damals. Später habe ich einen ganzen Teil verkauft. Ärger ich mich heute noch drüber. Die Hälfte davon habe ich mir als CDs zurückgekauft 🙂

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        • Ich habe/hatte auch einige als CDs und LPs 😉
          Hast du gesehen, dass B. oben einen Link zu der Doku über Mike Oldfield gepostet hat? (Sieht man nur über die Webseite, im Reader erscheint es nicht.)

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  5. Liebe Christiane, so innig ist das geschrieben, das konnte keine erfundene Geschichte sein. Da tropften Wahrheiten über die Fingerkuppen in die Tastatur. Der vierte Absatz, da wirken die Worte subkutan und man spürt, das Du von keiner flüchtigen Jugendliebe schreibst, sondern von einer lebenslangen Verbundenheit mit allen Facetten.

    Danke für diesen innigen & lesenswerten Augentrost, das Bild machte auch mich lächeln. Und es erinnert mich an eine erste Begegnung in einem Hinterhof, da schaute ich einen ähnlich gespannt-verschmitzt-freundlichen Blick~~~~~~~

    Liebe Grüße aus dem Zwostromland, Deine Käthe, zurückblickend summend zugetan.

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    • Ach, liebste Käthe, danke. Du hast natürlich recht. Ich hätte vielleicht eher drunterschreiben sollen, dass nicht alles autobiographisch war (zugegeben, nur ein kleiner Teil nicht 😉).
      Bist du dir sicher? Meist hörte ich, ich sei meiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten; das wäre dann allerdings ein Erbe, das ich mit Stolz trüge. 😍
      Sei(d) ganz herzlich gegrüßt aus dem luftig-kühlen Norden
      Christiane, die sich sehr gerne erinnert 😁❤️

      Gefällt 1 Person

      • Naja, die Gesichtszüge kann ich mangels vergleichenden Bildmaterials nicht beurteilen, aber der Blick! Den habe ich hier im Bild Deines Vaters gleich wiedergefunden.

        Liebe Grüße mit wehen Tippetitappfingerchen (Nun ist auch der hundertvierzigjährige Holzboden im Hausflur von der Ausgleichsmasse befreit…uff!) und alles Liebe,
        Deine Käthe

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  6. Ein sehr feiner berührender Text, liebe Christiane. Erinnerungen sind ein komisches Ding. Sie bringen uns Zeiten zurück, die lange vergangen sind. Hätten wir sie nicht, ginge es uns nicht gut. Unsere Wurzeln sind uns sehr wichtig. Fehlen sie, fehlt ein großer Teil von uns selbst. Nett sieht Dein Vater aus und ich frage mich, ob es ein leichtes verschmitzes Lächeln ist, das er dem Fotografen zeigt?
    Jetzt mußte ich schnell mal nachrechnen, wie alt mein Vater heute wäre. Im September dieses Jahres würde er 99 Jahre alt werden… Die Geburtstage meiner Eltern weiß ich immer. Ihre Todestage nie, da muß ich immer überlegen…
    Liebe Grüße zum Abend von Bruni an Dich

    Gefällt 2 Personen

  7. So eine schöne Liebeserklärung, liebe Christiane!

    Und ich musste sofort an Bonhoeffer denken:

    » Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch garnicht versuchen; man muß es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. […] die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich. Man muß sich hüten, in den Erinnerungen zu wühlen, sich ihnen auszuliefern, wie man auch ein kostbares Geschenk nicht immerfort betrachtet, sondern nur zu besonderen Stunden und es sonst nur wie einen verborgenen Schatz, dessen man sich gewiß ist, besitzt; dann geht eine dauernde Freude und Kraft von dem Vergangenen aus. […] «

    Das hier ist diese besondere Stunde.

    Der orange Fleck auf dem Innern der Augenlider war mit das Erste, was mir einfiel, als ich zu „orange“ assoziierte.

    Liebe Grüße, Bernd

    Gefällt 2 Personen

    • Lieber Bernd,
      Bonhoeffer hat recht, natürlich, wenn man es geschafft hat, dass die „Qual der Erinnerung“ sich zu Dankbarkeit wandelt, ist das ein Geschenk, das wärmt und trägt. Es ist gut, diese Erfahrung gemacht zu haben, denn meist macht man sie ja öfter, und es hilft, ein solches Ziel zu kennen, um nicht auf der Strecke zu bleiben und/oder zu verbittern.
      Orange: Ja, war bei mir auch so 😉
      Ich danke dir sehr.
      Herzliche Grüße in dein Wochenende 😍⛅☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

  8. Mein Vater wäre letzten Januar 100 geworden.
    Daran erinnerte ich meinen Bruder.
    Wir standen ihm beide kritisch gegenüber, er war kein Vorzeigevater wie Deiner, doch was er im Krieg erlebt hatte, kann man nur erahnen. Von einigen Dingen musste er immer wieder erzählen.

    Gefällt 1 Person

  9. Ach, schön. Vielen Dank für das Teilen! Mein Vater ist noch da, was ein großes Glück ist, und nicht selbstverständlich.
    Ich finde übrigens, der Text klingt sehr nach dir. Es ist nur viel mehr als die normale Menge an Emotion drin, was ihn besonders macht.
    Sonntagsfrühstücksgrüße! 🙂

    Gefällt 1 Person

  10. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 05.21 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

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