Von Warten und Sehnsucht

Morgenfahrt zur Geliebten

Die Felder rauchen
Den weißen Flor
Und goldbraun tauchen
Die Bäume empor.
Und alles so eigen,
Feld, Wiesen, Wald –
Warten und Schweigen –
Und jetzt: Beben und Neigen –
Die Sonne kommt bald.

(Emil Alphons Rheinhardt, Morgenfahrt zur Geliebten, aus: Stunden und Schicksale, 1913, Online-Quelle)

Und endlich stirbt die Sehnsucht doch

Und endlich stirbt die Sehnsucht doch – – –
wie Blüthen sterben im Kellerloch,
die ewig auf ein bischen Sonne warten.
Wie Thiere sterben, die man lieblos hält,
und alles Unbetreute in der Welt!
Man denkt nicht mehr; »Wo wird sie sein –?!?«
Ruhig erwacht man, ruhig schläft man ein.
Wie in verwehte Jugendtage blickst Du zurück,
und irgendeiner sagt Dir weise: »S‘ ist Dein Glück!«
Da denkt man, dass es vielleicht wirklich so ist,
wundert sich still, dass man doch nicht froh ist!

(Peter Altenberg, Und endlich stirbt die Sehnsucht doch, aus: Cyclus: Gedichte an Ljuba, in: Was der Tag mir zuträgt, 1921, Online-Quelle)

Das ist mein Streit

Das ist mein Streit:
Sehnsuchtgeweiht
durch alle Tage schweifen.
Dann, stark und breit,
mit tausend Wurzelstreifen
tief in das Leben greifen –
und durch das Leid
weit aus dem Leben reifen,
weit aus der Zeit!

(Rainer Maria Rilke, Das ist mein Streit, aus: Erste Gedichte/Gaben an verschiedene Freunde, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

22 Kommentare zu “Von Warten und Sehnsucht

  1. Wenn der Bremsung Streifen
    nicht stammen mehr von Reifen,
    dann ist gewiss es an der Zeit,
    nach Waschchemie zu greifen
    und solche Streifen, lang und breit
    vor’m Waschgang einzuseifen.
    Wenn jedoch Gleichgültigkeit
    gewinnt im Kampf mit Streifen-Leid
    ist’s dicke End‘ wohl nicht mehr weit!

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    • Aus einem anderen Blickwinkel

      „Das ist mein Streit:“
      Na gut, wenn es „Mein Kampf“ möcht‘ heißen,
      täten ihm die Leut‘ was husten.
      „Sehnsuchtgeweiht
      durch alle Tage schweifen.“
      Aha, der Sehnsucht hat der Rilke g’weiht
      vom Leben eine Menge Zeit.
      „Dann, stark und breit,
      mit tausend Wurzelstreifen
      tief in’s Leben greifen“
      Mit volle Händ‘ aus Wurzelstreifen
      tut er rein ins Leben greifen;
      und wär’n die Wurzeln keine Streifen,
      müsst er „grurzeln“, statt zu „greifen“.
      „und durch das Leid
      weit aus dem Leben reifen,
      weit aus der Zeit!“
      Das Leid ist leid man mit der Zeit 
      und hat am Tod dann auch mehr Freud‘!

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  2. Und endlich stirbt die Sehnsucht doch
    von Herrn Altenberg geschrieben, den ich gar nicht kenne, ist heute mein Favorit, denn am Ende kommt er zum gleichen Ergebnis wie ich. Es macht gar nicht froh, wenn die Sehnsucht vergeht…
    Rilke lasse ich mal links liegen. Er ist mir hier viel zu wortgewandt. Tja, das kann s auch mal geben, liebe Christiane 🙂
    Ganz herzlich, Bruni

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  3. ich bin immer wieder erstaunt welche gute Dichter du ausgräbst – mir ganz unbekannte. Freilich sind da immer auch neben wirklich sehr schön gefunenden Bildern Plattitüden. So bei dem ersten die letzten Zeilen.Und Altenberg ist zwar gut und schön, aber eben eher eine philosophische Reflexion als ein Gedicht. schließlich Rilke, ein anderes Kaliber, immer sprach- und rhythmussicher, aber dessen Bilder hier doch ein wenig überspannt wirken, finde ich.
    Jedenfalls wieder schön und anregend. Bei „Sehnsucht“ denke ich freilich zuerst an Goethe, einerseits mit „Selige Sehnsucht“, andererseits mit Mignons Lied:
    Nur wer die Sehnsucht kennt,
    Weiß was ich leide!
    Allein und abgetrennt
    Von aller Freude,
    Seh‘ ich ans Firmament
    Nach jener Seite.
    Ach! Der mich liebt und kennt,
    Ist in der Weite.
    Es schwindelt mir, es brennt
    Mein Eingeweide
    Nur wer die Sehnsucht kennt,
    Weiß, was ich leide!

    Gefällt 2 Personen

    • Recht gebe ich dir in allen Punkten, liebe Gerda – bis auf den Rilke nicht das oberste Regal, und selbst dieses Gedicht ist eines von seinen frühen. Das hat Gründe, dass man die eher selten liest 😉
      Nur: Es stört(e) mich nicht. Ich suche meine Gedichte selten nach Qualität aus; sehr oft stolpere ich darüber; und ich gebe den Unbekannteren gern den Vorzug, auch wenn sie Schwächen haben. Ich mochte, dass die beiden ersten unterschiedliche Standpunkte beleuchten, und ich mochte, dass der Rilke in noch eine andere Richtung zielt. 🤔
      Natürlich ist Goethe ein Klassiker, der Maßstäbe gesetzt hat. Aber seine Sprache ist mir deutlich ferner als die der moderneren Dichter, und daher gebe ich denen (auch) gerne den Vorzug, selbst wenn sie an den Herrn Geheimrat nie heranreichen.
      Herzlichen Morgenkaffeegruß 😁🌥️☕🍩👍

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      • Liebe Christiane, Guten Morgen und Dankeschön. Ich kann deine Auswahlkriterien sehr gut verstehen, die Überraschung durch nie oder selten Gehörtes, die besondere Zusammenstellung machen ja den Charme deiner Montaggedichte aus, und ich wollte keinesfalls Änderungen anregen. Nein, es ist sehr schön jedesmal.

        Nur würde ich Goethe nicht als den Herrn Geheimrat betiteln, denn das war er ja nicht sein Leben lang, sondern er war ein lebhafter, oft rasend verliebter und todtrauriger Mensch. In diesem Gedicht finde ich das Besondere, dass er die Sehnsucht ganz körperlich beschreibt: als Schwindel und brennende Eingeweide. Und, ganz aktuell bezogen: das bittere Alleinsein, die Trennung vom Geliebten.

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  4. Rheinhardt (und Rilke auch, wenn auch erst an zweiter Stelle heute): Bäng! Wow! Wenn ich das doch auch könnte… ach ja. Das Mittige fängt sehr stark an und verliert dann stark zum Schluss hin in Punkto Sprachschönheit. Also meiner Meinung nach. Die Aussage allerdings, die stimmt.

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    • Altenberg: Japp, sehe ich auch so. Gerda hat es als philosophische Reflexion bezeichnet. Ich mochte es, die beiden Aussagen gegenüberzustellen. Und Rilke ist Rilke: Das ist eins, von dem nur eins geht, weil auch das noch recht früh ist. 🤔😉
      Danke dir! 😁☕👍

      Gefällt 1 Person

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