Ein Weg | abc.etüden

Die Frau stapft durch den Wald und heult. Endlich ist das Wetter schön, zu Hause sitzen ist nicht mehr die einzige Option, aber sie kann sich nicht aus ihrem inneren Mühlrad befreien. Gedanken und Gefühle, die zentnerschwer auf ihr lasten und alles blockieren, alles, das Leben, die Zukunft, den Sinn, alles. Und Ängste. Sie ist Atlas, und ihr wird der Himmel auf den Kopf fallen. Bald. Ihre Kraft schwindet. Als das Gefühl sie überkam, sie könne es jetzt keine Minute mehr aushalten, ist sie losgelaufen.
Sie kennt sich gut genug aus, um niemandem zu begegnen.

Erschöpft lässt sie sich am Waldrand auf eine Bank sinken.

»Es tut mir leid, dass es Ihnen nicht gut geht«, sagt eine höfliche Stimme neben ihr. Sie schreckt auf. Neben ihr sitzt eine ältere Dame, die vor einem Moment bestimmt noch nicht da war. Sie hält ihr ein Taschentuch hin. Die Frau greift danach, trompetet undamenhaft hinein und schluchzt erneut auf.

»Entschuldigung«, bittet sie und beschließt, einen kryptischen Satz zu wagen. »Wissen Sie, wenn man keinen Ausweg mehr sieht, ist es schwer, aus einem eingefleischten Nein ein Ja zu machen.«

»Welchen Wert hätte auch das ganze schöne Leiden gehabt, wenn man es einfach so aufgeben würde?«, gibt die Dame heiter und unbeeindruckt zurück. »Das ist doch, als hätte man sich die ganzen Jahre zum Affen gemacht, weil man sich selbst absichtlich Steine in den Weg gelegt hat.«

Die Frau ist verdutzt. Ein interessanter neuer Gedanke mit tiefgreifenden Konsequenzen. »Richtig«, sagt sie dann. »Gute Frage: Darf es auch einfach sein?«

Sie sitzen in der Sonne und schauen über die Felder vor ihnen zum Horizont. Irgendwann hebt die Frau die Hand. »Dort«, ruft sie aufgeregt und deutet auf zwei Vögel. »Das sind Störche! Die ersten für dieses Jahr! Sie sind zurück!«

Der Platz neben ihr ist leer.

 

abc.etüden 2021 06+07 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay

 

Für die abc.etüden, Wochen 06/07.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Torsten und seinem Blog Wortman. Sie lauten: Affe, neu, blockieren.

Na schön, ich bin aus dem Winterblues offensichtlich noch nicht raus, aber ich übe … Allerdings ist gestern (18.02.2021) wirklich der erste Storchenrückkehrer auf Hamburger Gebiet (in den Vierlanden, Hamburger Südosten) gesichtet worden.

Ja, 300 Wörter sind eindeutig zu wenig. 😉

 

64 Kommentare zu “Ein Weg | abc.etüden

  1. Hallo Christiane, das hat mich sehr berührt. Einigen Menschen in meinem Bekanntenkreis geht es momentan ähnlich mit der Angst und der Traurigkeit. Da ist dann die Frage „Darf es auch einfach sein?“ wie ein kleines Licht in der Angst. Ich wünsche Dir viele Lichter.
    Liebe Grüße
    Herbert

    Gefällt 5 Personen

    • Guten Morgen, Herbert, ich bin gar nicht sicher, ob ich das SO autobiographisch verstanden haben wollte, aber eins ist sicher: Licht(er) kann man nie genug haben. 😁
      Von daher ganz herzlichen Dank ❤️ – und ebenso wünsche ich das deinem Bekanntenkreis! 👍
      Morgenkaffeegrüße 😁⛅🌼☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

  2. In einem süßen Animationsfilm, meinte eine Oma zu ihrem Enkel (frei aus dem Gedächtnis): „Jetzt hast du 10 Minuten wegen deinem verletzten Knie geweint, jetzt musst du auch hinken.“ Ein bisschen hat mich die Frau an sie erinnert.
    Bei mir bluest der Winter aber auch noch. Wenn ich wieder ohne Schmerzen laufen kann, zieht bei mir aber sicher der Frühling ein. Durch den Wald bei Vogelgezwitscher vertreibt sicher alle Hirnschneeflocken.

    Gefällt 4 Personen

    • Ja, genau (die Oma). Es wäre spannend, genau da anzusetzen … 🤔
      Hier singen die Vögel wie verrückt, dazu muss ich nicht mal in den Wald. Der Frühling kommt ganz sicher! ⛅🌷🌼🐦👍
      Alle besten Wünsche für dich! ❤️
      Morgenkaffeegrüße 😁⛅🌼☕🍪👍

      Gefällt 3 Personen

  3. Gekonnt erzählt. Kenn ich massenhaft aus den Therapien. Da wird noch in hohem Alter über traurige Kindheiten und vermasselte Jugend geweint, da hocken die Menschen immer noch in den Kriegsgräben von Annodazumal und können den schönen Moment des Hier und Heute nicht fühlen. Dabei ist manchmal nur eine kleine Kopfbewegung nötig, um den Spuk aufzulösen.
    Aber wie in deiner Geschichte erzählt: das Festhalten am Trauma hat seinen Reiz. Es gibt der eigenen Existenz Gewicht und Bedeutung des Tragischen. Liebe Grüße!

    Gefällt 7 Personen

    • Liebe Gerda, vielen herzlichen Dank für deine Einschätzung und speziell für den letzten Absatz. Genau das habe ich sagen wollen, aber nicht gekonnt. 😁👍👍👍
      Schön, ich vermute, dass es mit dem Auflösen nicht so einfach ist, wenn sich etwas so festgesetzt hat (oder vererbt worden ist, meine Protagonistin hat den Krieg nicht erlebt), aber du bestätigst mich. Danke, wie gesagt. 😁❤️
      Fast-schon-Mittagskaffeegrüße 😁⛅🌼☕🍪👍

      Gefällt 6 Personen

      • Die Umwelt ist übrigens traditionellerweise fleißig daran beteiligt, um traumatische Erlebnisse zu verewigen. ZB darf eine Mutter, die ihr Kind verlor, nie wieder fröhlich sein, und ein Mädchen, das sexuell missbraucht wurde, hat unbedingt einen ewigen Schaden davon zu tragen. Eine Witwe sollte immer schwarz tragen etc pp – wehe, sie überwindet die Seelennot und Pein und es meldet sich erneut Lebensfreude. Auch das habe ich oft beobachten können – besonders ausgeprägt in traditionellen Gesellschaften.

        Gefällt 5 Personen

        • Das ist die Negativseite traditioneller Ansichten/Gesellschaften: Was Stabilität verleiht, engt auch ein, manchmal massiv. 🤔
          Ich sehe das auch heute noch, aber höchstens als Unterströmung, kann da aber natürlich nur für mich und mein Umfeld sprechen.
          Ich erinnere mich an Diskussionen darüber, wie lange nach einem Todesfall Schwarz zu tragen sei. Lange her.

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  4. »Wissen Sie, wenn man keinen Ausweg mehr sieht, ist es schwer, aus einem eingefleischten Nein ein Ja zu machen.« Was für ein kluger Satz ! Man kann sich jahrelang, ein Leben lang in Unglück und Selbstmitleid suhlen. Man kann aus dem Unglücklichsein sowas wie einen Lebenszweck konstruieren, ein Sicherheitsnetz, alles mögliche …..
    Darf es auch einfach sein?« ja, darf es ! Einfach, fröhlich, leicht ….

    Gefällt 4 Personen

    • Es ist leichter geschrieben als umgesetzt, das weiß auch jede*r, die*der diesen Punkt kennt. Und „eingefleischt“ ist etwas ja auch nicht ohne gute Gründe.
      Ich denke, der Punkt ist erst einmal, das Nein zu erkennen und das Ja stärker zu wollen – in religiösen Schriften würde hier jetzt „begehren“ stehen, wobei wir wieder mal bei der Sehnsucht wären … hach ja. 🤔😉
      Danke dir 🌼🐦🌷
      Nachmittagskaffeegrüße 😁⛅🌼☕🍪👍

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        • Das kann gut sein. Für mich ist Sehnsucht ein oft ungesundes Abdriften vom Leben in eine ersehnte, imaginierte Situation, für deren eventuelle Verwirklichung aber nichts getan wird außer zu träumen.
          Ich vermute, deine Definition sieht anders aus ?

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        • Ja, total. Für mich ist Sehnsucht eine, wenn nicht die stärkste Triebfeder, etwas zu verändern. Und anders als du imaginiere ich keine konkrete Situation, sondern einen positiven Zustand. Das ist erheblich offener. Kann natürlich auch schiefgehen, lässt aber mehr Möglichkeiten zu. 😁
          Ist das verständlich? 🤔

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        • Nicht ganz, den Unterschied zwischen der konkreten Situation und dem positiven Zustand sehe ich nicht ganz. Meinst du es so, dass ein positiver Zustand durch alles mögliche herbeigeführt werden kann, dass es nicht eine besondere, genau ausgemalte Situation sein muss?
          Das sehe ich tatsächlich ganz anders. Die Triebfeder um etwas zu verändern, würde ich nie Sehnsucht nennen sondern zB Motivation, auf jeden Fall einen aktiven Begriff. Sehnsucht ist für mich ein traniger Zustand ohne Chance zur Veränderung.
          Ganz verschieden also. Dasselbe Wort zwei Konzepte 🙂

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        • Ich meine den Unterschied zwischen „Ich will mittags um 12 Schnitzel mit Pommes“ und „Ich möchte etwas Leckeres zu essen haben, wenn ich hungrig bin“. Oder so. 🤔
          Für mich ist Sehnsucht tatsächlich kein bisschen tranig. Gut, dass ich gefragt habe. 😁

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        • Ja, Gleichnisse mit Schnitzeln verstehe ich immer 😉 In meiner negativen Interpretation von Sehnsucht wäre es dann „hätte ich doch ein Schnitzel“. Und dabei sitze ich zuhause und – obwohl ich das könnte – unternehme ich nichts um zu einem Schnitzel zu kommen sondern träume nur davon. Und obendrein hat mein Traumschnitzel mit einem realen kaum mehr etwas gemeinsam ….
          Da haben wir tatsächlich sehr unterschiedliche Konzepte

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        • Versteh dich 😁 Und ja, natürlich kenne ich das. Dann träume ich davon, einen Lottogewinn auszugeben, ohne je gespielt zu haben 😁
          Wenn das so missverständlich ist, sollte ich vielleicht für meinen Sehnsuchtsbegriff ein anderes Wort finden – ich glaube nicht, dass du mit deiner Interpretation allein bist. Andererseits habe ich es nicht in der Etüde verbraten. Ich denke darüber nach. 🤔

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  5. Eine sehr kluge Geschichte. Diese eingefleischten Neins können sehr unangenehm werden, wenn ihr Ablaufdatum überschritten ist. Ich persönlich finde auch, sie riechen dann säuerlich. Es ist nur so unfassbar schwierig, sie loszuwerden, weil sich sich mit allem, was sie haben, an einem festklammern. Da finde ich die Frage: Darf es auch einfach sein? fast schon unverschämt einfach… 🙂 Störche helfen, eine offene Balkontür, Licht und singende Vögel auch… wenn man das alles sehen kann und das große Nein nicht die Sicht verdeckt.
    Küchenphilosophische Grüße aus einer nach Schokomuffins duftenden Küche! 🙂

    Gefällt 3 Personen

    • Richtig, das ist so, sie klammern sich fest, riechen säuerlich (ha! Danke!) und wollen gesehen bleiben.
      Die Frage nach der Einfachheit hebt nach meinem Verständnis alles auf eine neue Ebene. Ich bin gespannt, wie/ob es weitergeht.
      Danke dir, auch für die Muffins! 🧁🧁🧁❤️
      Fast-schon-Abendgrüße 😁⛅🌼☕🍪👍

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  6. Wir finden das sooo schade, dass bei uns der Winter vorbei und es voll frühlingshaft ist. Die riesigen Schwärme der Wildgänse sind wieder in die Arktis geflogen und hier blühen die Krokusse und Osterglocken. Naja, das hat ja auch etwas Nettes, aber eigentlich sind wir Winterfans.
    Mit herzlichen Grüßen vom kleinen Dorf am großen Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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  7. Eine Geschichte, liebe Christiane, die erst mal verblüfft. Was hat sie denn bloß, die Arme?
    Aber dann öffnet sich die Geschichte und ich überlege schon, leide ich mit der Frau, die scheinbar so grenzenlos traurig einfach losläuft, doch da sitzt plötzlich auf einer Bank, die sie bei ihrer kopflosen Lauferei fand, eine unbekannte ältere Dame neben ihr, die sie nicht bedauert und ihr das Allerschönste zeigt, was sich im Moment findet und das Seltsame ist, jeder Moment HAT auch etwas Schönes / Gutes.
    Wir müssen nur aufmerksam um uns schauen und nicht nur wie eingeigelt nach unten. ( was oft nicht so einfach ist )

    Ganz herzlich, Bruni

    Gefällt 3 Personen

  8. So viel Lob für deine berührende Etüde, da kann ich mich nur anschließen. Mein Winterblues hält sich auch noch, aber wie die Schneeschmelze macht er sich auch schon ein wenig aus dem Staub – hoffentlich dauerhaft.

    Abendteegrüße dir und der Fellnase,
    Anna-Lena

    Gefällt 4 Personen

    • Ich bin nicht ganz sicher, lieber Werner, ob ich dem Volksmund ein abschätziges „Vox populi, Vox Rindvieh“ entgegenhalten oder ihn für seine wie immer tiefe Weisheit und Einsicht loben soll? Vielleicht magst du es mir ja erklären? 😉
      Mittagskaffeegrüße 😁⛅☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

  9. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.21 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram | Irgendwas ist immer

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