Vom Vorfrühling (2)

Noch ist die Zeit der blauen Bäume

Noch ist die Zeit der blauen Bäume,
Sie schauen mit kahlem Geäst
Weit in die funkelnde Ewigkeit
Und halten sich kahl am Himmelsblau fest.
Und nur die Wolken, weiß und breit,
Bauen im blauen Baum ihr Nest.
Die Winde fegten fort verjährten Blätterrest,
Und dein Auge im Baum weiten Raum hat
Für der verliebten Gedanken luftige Lagerstatt.

(Max Dauthendey, Noch ist die Zeit der blauen Bäume, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 232–233)

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

(Rainer Maria Rilke, Vorfrühling, In: Die Gedichte 1922 bis 1926 (Muzot, etwa 20. Februar 1924), Online-Quelle)

Vorfrühling

Leise tritt auf …

Nicht mehr in tiefem Schlaf,
in leichtem Schlummer nur
Liegt das Land:
Und der Amsel Frühruf
Spielt schon liebliche
Morgenbilder ihm in den Traum.

Leise tritt auf …

(Ferdinand Avenarius, Vorfrühling, aus: Stimmen und Bilder. Neue Gedichte, 1898, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

34 Kommentare zu “Vom Vorfrühling (2)

    • Es ist zu früh, zu schnell, spätestens am Wochenende werden die ersten warnen, dass wir Regen brauchen. Es wird bestimmt wieder kühler. Aber wenn es nicht mehr so tief frieren und nicht mehr schneien würde, wäre ich happy … 😉
      Ach so, ja, Avenarius. Hübsch, nicht? Frisch entdeckt.
      Morgenkaffeegrüße 😁🌼🌷☕🍪👍

      Gefällt 2 Personen

  1. Rilkes Gedicht gehört zu meinen Dauerlieblingen, und sobald der Vorfrühling kommt, geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. „Wege gehen weit ins Land und zeigens“. Bei Daudenthey gefallen mir sehr seine Anfangs-Metaphern. Besonders schön das „Und nur die Wolken, weiß und breit,
    Bauen im blauen Baum ihr Nest.“ Dann aber kippt das Gedicht. Wieso plötzlich Blätter, die in den Herbst gehören und nicht in den Vorfrühling und ergo auch nicht mehr da sind außer in der Erinnerung? und dieser Reim „Raum hat – Lagerstatt“ passt ja vielleicht in meine Kata-Strophen, nicht aber in ein ernstgemeintes Gedicht. – Ein feiner Fund ist das Gedicht von Avenarius. Diese merkwürdige Zeit zwischen Traum und Erwachen, wenn schon verstärkt Außenlaute hineinspielen in den Schlummer – ein schöner Vergleich mit dem Erwachen der Natur im Frühling.
    Danke wieder für diese insgesamt schöne Einstimmung in die Woche! Ich genieße diese Zeit sehr und wünsche dir ein Gleiches!

    Gefällt 1 Person

    • Unbenommen: Der Dauthendey, so sehr ich ihn liebe, ist sprachlich nicht das oberste Regal. Seine Bilder aber mag ich sehr, und ich finde auch immer noch „verjährte Blätterreste“, nur meist nicht IM Baum, sondern auf dem Boden – das ist für mich eine folgerichtige Weiterentwicklung, und er spricht dabei in/von der Vergangenheit … ja, sprachlich unglücklich, aber nicht unlogisch 🤔.
      Und auch ja, der Avenarius ist ein Fund, ich mag diese Phase des Aufwachens selbst sehr, auch wenn sie oft durch ein kräftiges Miau vor dem Fenster beschleunigt wird 😉
      Auch dir eine schöne Woche, ich will mich gleich zu einer kleinen Runde an den Teich aufmachen …
      Nachmittagskaffeegrüße! 😁🌞🌼☕🍪👍

      Gefällt 2 Personen

  2. Bei Deinem tollen Foto hatte ich auch das Gefühl, ich kenne es. Komisch, es hatte mit meinem ja gar nix zu tun.
    Rilkes Zeilen
    Kleine Wasser ändern die Betonung.
    Zärtlichkeiten, ungenau, …
    rühren mich an und Ferdinand Avenarius gefällt mir auch sehr. Seine Worte sind so fein und leise…

    Ganz herzliche Abendgrüße von Bruni an Dich, liebe Christiane

    Gefällt 2 Personen

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