Spaziergangsgedanken | abc.etüden

Es war ein scheißgrauer, kühler Samstagnachmittag im Februar. Sie hatte ihren Lieblingspark erreicht und traf die üblichen Verdächtigen an: Kinderwagenschieber*innen, Gassigeher, Jogger, Jugendliche allein, zu zweit, in Grüppchen, Paare. Belebt war es, hier waren immer Leute, aber weit weg von voll oder gar überfüllt. Dann sah sie das Schild.

MASKENPFLICHT

Ach ja, da war doch was. Hier also auch. Es wunderte sie nicht weiter, sie wusste, wie voll es hier werden konnte, gerade bei Sonne und Strickjackenwetter wie letztes Wochenende. Sie hatte eine Maske dabei. Aufsetzen? Sie zögerte, atmete aus und ging einfach los.

Alle schienen alle heimlich zu beäugen.

Wer sich den Vorschriften gemäß verhält, hat das Recht auf seiner Seite und muss scheinbar nicht mehr achtsam sein: Die Maskenträger hielten weniger Abstand.
Sie war gewohnt, Entgegenkommenden möglichst weit auszuweichen, die Wege gaben es problemlos her. Wobei sie die Sicherheit, die die schlabbrig getragenen OP-Masken versprachen, eh für trügerisch hielt. Insgesamt schätzte sie die Anzahl der Maskenträger auf etwa ein Drittel, am nächsten Tag würden es vermutlich mehr sein.

Mehrmals sah sie sich um, ob irgendwo etwas von den angekündigten Kontrollen zu entdecken war, aber nein, nichts. Vor einer Woche (oder waren es zwei gewesen?) waren zwei Berittene die Wege entlang patrouilliert, wunderschön hatte das ausgesehen.  

Sie ging nachdenklich durch die Schrebergärten nach Hause. Normalerweise mied sie an den Wochenenden den Park, speziell bei gutem Wetter, denn dann war er ihr selbst ohne Abstandhaltenmüssen zu voll. Aber heute hatte sie sich über ein Gebot hinweggesetzt, das sie prinzipiell für nicht mal unvernünftig hielt, weil es ihr in der konkreten Situation völlig unsinnig erschienen war. Sie fühlte sich unwohl und grinste ertappt.
Schließlich stoppte sie ja auch nachts an roten Ampeln.
Ach, es war nicht einfach, in dem ganzen Bohei ein denkendes Schaf zu bleiben.

 

abc.etüden 2021 08+09 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Maksym Kaharlytskyi on Unsplash; Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 08/09.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Sabine und ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram. Sie lauten: Strickjacke, trügerisch, entdecken.

Seit gestern, 27.02.2021, gilt in Hamburg eine erweiterte Maskenpflicht „auf bestimmten besonders belebten Straßen und in Parks“, und zwar meist von 10 bis 18 Uhr. Es gibt eine Liste, wen sie interessiert, der findet sie auf dieser Seite des NDR. Es ist, mit einem Wort, sehr viel von dem maskenpflichtig, wohin der Hamburger am Wochenende ins Grüne oder ans Wasser möchte (aber nicht der Hamburger Norden und wenig vom Hamburger Süden).
Bei Verstößen kann ein Bußgeld in Höhe von (bis zu?) EUR 150,- erhoben werden.

 

81 Kommentare zu “Spaziergangsgedanken | abc.etüden

  1. Guten Morgen, liebe Christiane, Du hast recht daran getan, Dich über diese Pflicht hinweg zu setzen, diesem sklavischen Gehorsam, der von uns verlangt wird, müssen wir mit unserem gesunden Menschenverstand begegnen. Wenn ich mich in die Öffentlichkeit begebe und es wird voll, dann setze ich natürlich eine Maske auf (dem Markt in Hanau, dem Kurt-Schumacher-Platz (dort wor das Attentat war), auf dem sich vor den kleinen Geschäften Schlangen bilden, im Lidl, ansonsten gibt es für mich nur die Maskenfreiheit in der Natur. Auch am Main patrouilliert ein Polizeiauto (dort herrscht aber ssowieso keine Pflicht)- ich habe sie mal angesprochen und sie richten ihr Augenmerk eher auf die erwachsenen Jugendlichen mit ihrer Haufenbildung. Spielende Kleinkinder mit Maske wären ihnen auch ein Gräuel.
    Natürlich ist die Situation in Großstädten mit beengten Freiflächen (das Frankfurter Mainufer, die Parks dort) anders , aber ich habe noch nie davon gelesen, dass sich Hotspots aus Begegnungen draußen ergeben haben (Ischgl natürlich, aber so etwas meinte ich nicht), frische Luft ist allemal gesündern als die Atemluft unter der Maske.
    Hier verlockt heute wieder das zwar sehr kalte Wetter zu einem Spaziergang am Main – die Mainwiesen sind meist menschenleer, die Uferstraße meide ich.
    Ich freue mich auf einen maskenlosen Tag und grüße Dich herzlich in den Sonntag, Karin

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    • Es ist die Abwägung zwischen einem eigentlich sinnvollen Gebot (auch hier kann es sehr gedrängt sein) und dem konkreten Einzelfall – und dass man diese Abwägung momentan nicht selbst treffen darf. Letzteres ärgert mich. Generell habe auch ich keine Probleme mit dem Maskentragen.
      Hier ist es trüb und ungemütlich und möglicherweise nieselig, ich werde es später sehen.
      Dir einen schönen Walk am Main und ergebenste Grüße an den Waschbeckenschläfer 🐈
      Verschlafene Morgenkaffeegrüße 😁☁️☕🍪👍

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  2. Hm….. wenn ich beobachte, wie hemmungslos und ohne Abstand sich die Menschen draussen ansammeln, kann ich die erweiterte Maskenpflicht verstehen und gerade das hat für mich dann auch etwas mit gesundem Menschenverstand zu tun. Aber ich möchte das auch nicht diskutieren, da hat gerne jeder seine Meinung zu…. wie ich immer gerne sage: es gibt so viele schöne Dinge, über die man sich unterhalten kann 😁😉🌞🌻

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  3. Hallo liebe Christiane, was für ein schöner Satz: „Ach, es war nicht einfach, in dem ganzen Bohei ein denkendes Schaf zu bleiben“.
    Hier gilt diese zusätzliche Maskenpflicht seit gestern ebenfalls und dein Beitrag, sowie dieser Satz passen zu meiner Stimmung gerade ganz besonders gut 🙂 Coffee plus ein Stückchen leckeren Zitronenkuchen (dieses Mal nicht von mir, sondern vom Biobäcker)? Schönen Sonntag und liebe Grüße, Annette

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  4. Ja, jede Medaille hat zwei Seiten. Auf der einen Seite mögen Masken ja schützen, aber auf der anderen Seite wird der Gebrauch der Maske inzwischen überzogen. Wenn inzwischen sogar die Regeln des Arbeitsschutzes und damit der Schutz der Gesundheit ausgehebelt wird, um die Gesundheit zu schützen, dann finde ich das irritierend. Wenn ich dann auch noch die der Gesundheit so förderliche frische Luft nur gefiltert genießen darf, wird Gesundheitsschutz doch irgendwie ad absurdum geführt. Insbesondere wenn auch alle anderen gesundheitsförderlichen Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit verboten sind.

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  5. In Mittelhessen haben wir heute wieder super sonniges Wetter. Da kommen die Frankfurter wieder in Scharen aufs Land gefahren. Aber es Platz genug für alle, auch mal die Maske wegzulassen. Ich gönn es denen, die in der Stadt ansonsten nicht so viel Freiheit(en) haben wie wir Landpomeranze*r*n (oder wie schreibt man das?)
    LG ein weiteres denkendes Blogschaf

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  6. Das Maskentragen an der frischen Luft, in Parks oder sonstigen Naherholungsgebieten, finde ich etwas überzogen. Die Ansteckungsgefahr ist minimal, wenn man sich nicht gerade direkt gegenüber steht und länger miteinander redet. Aber was solls, es ist so wie es ist… Ein sehr schöner Beitrag von dir, hat Spaß gemacht, ihn zu lesen! 😉
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag!
    Kasia

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  7. Danke dir, Christiane.

    Ich habe gestern gelesen, dass es für Hamburg eine Verschärfung gibt.
    Bei uns – viel kleiner – natürlich, gibt es wenige öffentliche Plätze mit Maskenpflicht (2) und ein paar, wo sie empfohlen wird, wenn viel los ist. Das aber scheint ein Knackpunkt zu sein, denn „viel los“ ist offensichtlich Definitionssache.

    Ich bin an deinem Satz mit dem „denkenden Schaf“ hängengeblieben.
    Das ist richtig, selber denken und abwägen ist unbedingt notwendig. Mir ist es allerdings wichtig, dass das Denken dann zwei Stoßrichtungen hat „Ich und die Anderen“.
    Denn ich erlebe zunehmend mehr Menschen, die zwar eigenständig denken, aber nur sich selbst dabei im Blick haben. Da heißt es dann: „Wenn es jemand nicht passt, dass ich hier keine Maske trage, soll die/der sich doch andere Wege suchen“!
    Habe ich inzwischen mehrmals gehört.

    Ich weiß, das Thema ist schwierig und es wird immer wieder zu Diskussionsbedarf führen – und ich fürchte, das wird uns noch eine Weile begleiten.

    Sonnige Grüße
    Judith

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    • „Viel los“ ist Definitionssache, ja, liebe Judith, und von daher ist mir klar, dass meine geschilderte Situation eigentlich für andere nicht nachvollziehbar ist. 🤔
      Ich bin in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass meine Freiheit bei der Freiheit der anderen endet. Soll heißen, dass mein Satz in deiner geschilderten Situation eher wäre: „Wenn es jemandem nicht passt, dass ich keine Maske trage, suche ich mir andere Wege und bin dann weg.“
      Und nein, aus Gründen, die im konkreten Fall begründet liegen, sehe ich das nicht als Widerspruch zu der Etüde an, aber wie du schon sagst, das Thema ist schwierig, und auch ich finde, dass es sich schwer verallgemeinern lässt. Daher soll meine Stimme einfach nur eine Stimme unter vielen unterschiedlichen Meinungen sein …
      Mittagskaffeegrüße unter trübem Himmel 😁☁️☕🍩👍

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  8. Das Maskenthema reiht sich ein wenig ein in den „Widerstand des kleinen Bürgers“, sei es das nächtliche Ampelüberfahren, immer 10% schneller als erlaubt fahren, abends die Ausgangssperre mit einem ‚über-die-Felder-Spaziergang‘ im Dunkeln brechen, kleine Schummeleien bei der Steuererklärung (die in der Regel nix bringen), mit dem Fahrrad die Einbahnstraße entgegenfahren oder durch die Fußgängerzone, sich im Kino älter machen (früher) und so weiter. Woher ich das weiß? Sag ich nicht. Es ist ein wenig eigene Psychohygiene und die Empörung, wenn man erwischt wird und Strafe zahlen muss ist eben umso größer, da sich der Sinn nicht immer erschließt und es kaum ertragbar ist, dass man von Staats wegen nicht mitdenken darf. Auf der anderen Seite kenne ich genügend Menschen, die das Denken nie erlernt haben, aber das ist eine ganz andere Geschichte…. Solange man nicht maßlos übertreibt und mit möglichen Konsequenzen ’sportlich‘ umgehen kann, who cares.
    Auf der anderen Seite kenne ich Menschen, die Angst haben, in die Stadt zu gehen, da die anderen keine Masken tragen. Das sollte man auch akzeptieren können.
    Der Umgang im beruflichen Alltag ist auch knifflig, häufig korrelieren Arbeitgeber- und Arbeitnehmermeinung nicht, was zusätzliche Probleme mit sich bringt. Aber das geht hier zu weit, ich bleib beim „Widerstand des kleinen Bürgers“. Ohne Steine werfen.
    Nice Sunday, mit oder ohne Maske.
    (Ich hatte eine Stoffmaske, da stand drauf „I’m not here and this isn’t happening“, klar Liedzitat, aber die Reaktionen waren super.)
    Beste Grüße, von hier nach dort!

    Gefällt 3 Personen

    • Radiohead, cool 😉 Die Reaktionen würden mich interessieren, mach doch mal was dazu 😁
      Ich kenne zwei Leute, die inzwischen Angst vor Fremden ohne Masken haben und sich latent bedroht fühlen. Natürlich trage ich denen zuliebe eine Maske, egal wo, aber es ist keine Lösung.
      Ja, Psychohygiene, und wir hatten hier noch nicht mal Ausgangssperre …
      Ich belasse deine ganzen Seitengedanken mal an der Seite (und nicke) und wünsche dir ebenfalls einen schönen Sonntag! 🌞
      Trübhimmelige Grüße in den wilden Süden! 😁☁️☕🍩👍

      Gefällt 1 Person

  9. Ich sehe es genau so, liebe Christiane, liebe Karin.
    Bin ich an der frischen Luft, in einem nicht überfüllten Park, dann lasse ich die Maske sein. Kommen mir im Wald Maskenmenschen entgegen, stutze ich und frage mich, ob sie die frische Luft vielleicht nicht vertragen , oder ob sie meinen, auch Bäume könnten ansteckend sein, denn zwischen Menschentrauben bewegen wir uns hier wirklich nicht.
    Im Supermarkt ist die Maskenpflicht sehr sinnvoll und der ausreichende Abstand selbstverständlich.
    Liebe Sonntagabendgrüße von Bruni

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  10. Ein schöner Text ..
    Das Hauptproblem ist glaube ich, dass es inzwischen kaum noch welche gibt , deren Nerven nicht blank liegen, weil sie zu einsam sind, weil sie zu eng aufeinander hocken, weil sie keine Arbeit mehr haben, weil sie zuviel arbeiten, weil die Angst vor Corona sie nicht mehr schlafen lässt, weil sie die Demokratie dahinsterben sehen…
    Normal ist echt kaum einer mehr.
    Meine Mutter ist von einem Jogger tätlich angegriffen worden, nachdem sie ihre Arme ausgebreitet hat um ihm den gewünschten Abstand zu signalisieren.

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    • WAS??? Ich hoffe, ihr ist nichts passiert!?! 😧
      Ja, du hast natürlich recht, die Nerven liegen in vielerlei Hinsicht blank, meine auch, auch ich fahre leichter aus der Haut. Viele entpuppen sich als noch unversöhnlicher und ungenießbarer als früher. Es ist nicht leicht. 🤔
      Und trotzdem, ich erlebe hier nach wie vor, dass mein Lächeln auf ein dankbares Lächeln trifft und mein „Moin!“ freundlich beantwortet wird. 🤔
      Es hilft auch nicht, es nicht zu versuchen. 😉
      Nachmittagskaffeegrüße! 😁⛅🌼☕🍪👍

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      • Also meine Mutter hat einen blauen Fleck, nichts gravierendes.
        Angezeigt hat sie ihn nicht, obwohl sie Zeuginnen hatte
        Aber wer greift bitte eine kleine, über 80jährige Frau an , nur weil sie ein bisschen zickig mit den Armen fuchtelt?
        Meistens lächel ich im Gegensatz zu ihr auch.

        Gefällt 2 Personen

        • Jemand, der sich erschreckt und überreagiert. Das ist wohlgemerkt ein Erklärungsversuch, KEINE Entschuldigung, das ist nicht zu entschuldigen 🤔
          Ich lächel dir mal zu 😁

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  11. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.21 | Wortspende von BerlinAutor | Irgendwas ist immer

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