Zwei Welten | abc.etüden

Lauf, lauf, lauf, lauf, lauf.
Lauf um dein Leben, lauf für dein Leben, denk nicht nach, lauf, lauf, lauf, lauf.
Dein Leben gehört dir, es gibt noch so viel zu entdecken, denk nicht dran, bleib nicht stehen, lauf nur, lauf, lauf einfach, lauf es aus dir heraus.
Die Erinnerung ist trügerisch, die Vergangenheit wirft Fesseln und Fallstricke nach dir aus, schau dich nicht um, lauf, lauf schneller, lauf ihr davon.
Du kannst es, du schaffst es, wirf es ab, lauf, lauf, nichts hält dich, du rennst, deine Schritte werden größer, ah, die samtige Luft, du gleitest davon, du fliegst, du bist frei …

»Das war schon richtig gut, Frau Stein.« Die Therapeutin zog ihre Hände aus den Taschen der Strickjacke, die sie unerlaubterweise über dem weißen Kittel trug. Trotz zu viel Kaffee war sie nicht richtig wach und fröstelte ständig. Zum Glück war die Schicht bald um. Sie hielt das Laufband an und reichte der Frau im Jogginganzug die Hand, um ihr beim Absteigen zu helfen.
»Wenn Sie so weitermachen, können Sie vielleicht Ende der Woche mit dem Rollator in den Garten, was halten Sie davon, wäre das nicht großartig?«

 

abc.etüden 2021 08+09 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay; Bearbeitung von mir

 

Miniatur für die abc.etüden, Wochen 08/09.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Sabine und ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram. Sie lauten: Strickjacke, trügerisch, entdecken.

Das war … ich kann es auch nicht sagen. Auf jeden Fall NICHT autobiographisch, obwohl … 😉

 

55 Kommentare zu “Zwei Welten | abc.etüden

  1. Uns alle hat etwas am freien Laufen im letzten Jahr gehindert und wir sollten mit Zuversicht für unsere eigene Person in die Zukunft laufen – gar nicht so einfach – Dein Rollator vorerst als Krücke finde ich ein gutes Symbol. Wir brauchen wieder Dinge, an denen wir uns festhalten können.
    Für die Therapeutin ändert sich von Schicht zu Schicht nichts – ihr Frösteln kann ich nachempfinden.
    Lieber Morgengruß zu Dir, Karin

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  2. Ich bin tief beeindruckt von dem Text. Er zeigt zudem die Diskrepanz zwischen dem inneren Überlebenskampf und stereotypen Helfen auf. Das meine ich nicht negativ, ein Arzt/Krankenschwester kann nicht mit jedem mitleiden, trotzdem wäre mehr funktionierende Kommunikation oft schön. Liebe Grüße, B.🍮🍩🙂

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  3. …..Lauf um dein Leben, lauf für dein Leben, denk nicht nach, lauf, lauf, lauf, lauf…..

    Jetzt dachte ich doch glatt, es ist Montagmorgen, 8 Uhr vorm Aldi 😆 😆

    So ein Rollator ist schon was Feines, für Menschen, die echte Probleme haben zu laufen. 😉

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  4. Schön, dieses Innen und Außen. Ich finde ja immer wieder, dass es genau solche Breaks ausmachen, dass eine Geschichte, ob kurz oder lang, spannend ist. Dir ist das sehr gut gelungen, liebe Christiane.
    Herzliche Grüße
    Ulli unter Grauhimmel (es regnet und ich bin froh!)

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  5. Fein! Und es sagt etwas über uns selbst aus, wie wir die Stimmen in uns hören, den Tonfall, den Unterton. | Ich habe eine merkwürdige Assoziation beim Lesen bekommen: „Impft. Impft. Impft. – Impft um euer Leben. Dann dürft ihr vielleicht nach dem nächsten Gipfel in den Biergarten.“ Liebe Grüße, Bernd

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  6. Erst dachte ich an eine gehetzte Person, jemand der nicht Pause machen kann, es aber vielleicht tun sollte. Daher finde ich den Twist sehr interessant und auch berührend.
    Irgendwie sagt, dass ich so darüber gedacht habe, auch einiges über mich aus. 😉

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  7. Ich habe sehr gespannt gelesen, liebe Christiane, dachte kurz an Training 🙂 für einen Marathon, aber dann kam das total überraschende Ende und ich war sehr zufrieden damit.
    Es war liebenswert und auch mit einer ordentlichen Prise Humor versehen. Klasse!
    Liebe Grüße in die Nacht von Bruni

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  8. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.21 | Wortspende von BerlinAutor | Irgendwas ist immer

      • Nein, eben (leider) nicht. Bei mir läuft sowohl das Schreiben als auch das Malen ganz anders. Ich fange an und schaue, was draus wird. Manchmal habe ich eine Vorstellung, nehme mir ein Thema vor, aber oft wird es am Ende, ganz was anderes, oder gar nix …
        Ich bin ein motorischer Lerntyp, lerne durch Selbstmachen, durch Versuch und Irrtum … und nachdem ich so gestrickt bin, agiere ich dort, wo mir niemand was vorschreiben kann, genau so. Ob gut oder schlecht, es ist so.
        Ich kann mir schon vorstellen, dass man einen Ausgangspunkt hat. Sowas wie: „Katzen im Tierheim, Rangordnungskämpfe, schwache beschützen“ und das dann in einen Text verdichtet. Manchmal versuche ich es auch und schreibe ein paar Stichwörter auf, aber meine normale Vorgangsweise ist es nicht.
        Ein langer Kommentar, weil das ein Thema ist mit dem ich mich schon mein Leben lang herumschlage …

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        • Klingt kompliziert 😉
          Also. Bei dieser Etüde (die Rollator-Etüde) hatte ich den ersten Teil zuerst, und die Idee entstand, als ich schnell eine Steigung hinaufging und mir vorstellte, die sei endlos und ich geriete in so eine Art Flow. Erstaunlicherweise konnte ich das Gefühl zu Hause reproduzieren. Und dann fragte ich mich: Wer spricht da? Braucht das Erdung, braucht es eine Außenansicht? Kann ich irgendwas Überraschendes beitragen, um der Sache eine andere Wendung zu geben? 😉
          Die Katzenetüde: Da hatte ich den letzten Satz zuerst. Wer sagt das, warum, zu wem? Wie bringe ich „schwammig“ unter? Irgendwer hat eine Etüde geschrieben, die das Thema ebenfalls mit Tieren umsetzt, wie ich mich erinnerte, als ich diese fertig hatte, aber nun …
          Ich denke auf meinem Schreiben auch oft rum, weißt du ja. Danke für deine Gedanken. Wenn mir noch was einfällt, melde ich mich und ergänze. 😁

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