Vom Gedenken

Dämmerung

Am Himmel steht der erste Stern,
Die Wesen wähnen Gott den Herrn,
Und Boote laufen sprachlos aus,
Ein Licht erscheint bei mir zu Haus.

Die Wogen steigen weiß empor,
Es kommt mir alles heilig vor.
Was zieht in mich bedeutsam ein?
Du sollst nicht immer traurig sein.

(Theodor Däubler, Dämmerung, aus: Das Sternenkind, 1916, Online-Quelle)

All dies ist tot und wird nicht mehr erwachen

All dies ist tot und wird nicht mehr erwachen,
Denn Stunden gibt es, die wie Geigen sind,
Die nimmer klingen, wenn sie einmal brachen,
Und Stunden sind, die wie verlorne Nachen
Zum Ufer treibt nicht Woge mehr und Wind.

(Anton Wildgans, Strophe aus Verlorene Stunden (Online-Quelle, ca. Mitte; entstanden 1907), als Motto verwendet in seinem Gedichtband „Buch der Gedichte“ von 1929, das eine Auswahl seines Schaffens bietet und wo jeweils ein Gedichtteil Gedichten dieser Phase (hier: „Herbstfrühling“ von 1909) bzw. Themen vorangestellt wurde (Online-Quelle)

Ich komm’, weiß nit woher

Ich komm’, weiß nit woher
ich bin, und weiß nit wer
ich leb’, weiß nit wie lang
ich sterb’ und weiß nit wann
ich fahr’, weiß nit wohin.
Mich wundert’s, daß ich fröhlich bin.

Da mir mein Sein so unbekannt
geb’ ich es ganz in Gottes Hand
die führt es wohl, so her wie hin.
Mich wundert’s, wenn ich noch traurig bin.

(Erste Strophe: Magister Martinus von Biberach († 1498) fälschlicherweise zugeschrieben, jedoch älter (Wikipedia-Artikel), zweite Strophe Erweiterung durch Hans Thoma, Jahrbuch der Seele, 1922)

 

Quelle: Pixabay

 

Letzte Woche hatte ich einen 10. Todestag zu begehen. Da mich das Gedenken mehr oder weniger intensiv die ganze Zeit begleitet hat, dachte ich, das wäre ein guter Anlass für die Montagsgedichte. Ja, meine Trauerlieder sind längst alle gesungen, aber dennoch: Es ist lange her und trotzdem nie vorbei.

 

44 Kommentare zu “Vom Gedenken

  1. Heute bekam ich eine wunderschöne message von dem Gedenken für den vor einem Jahr verstorbenen Mann der Malerin Gertruida van Veld, die wenige Monate später ihrerseits ging (ich schrieb darüber). Es hat mich sehr berührt, denn es waren ihre Freunde, die ihrer auf wunderschöne Weise gedachten.

    Mir gefällt der Spruch „Ich weiß nicht….“, aber ohne den Zusatz von Thoma. Denn es ist die Zeile: „mich wunderts, dass ich fröhlich bin“, die es mir angetan hat und die ich nicht relativieren möchte. Denn ich bin fröhlich, egal wie groß die Trauer sein mag. Und darum ist auch das Gedicht von Däubler so schön für mich. „Was zieht in mich bedeutsam ein?
    Du sollst nicht immer traurig sein.“
    Liebe Grüße dir. Gerda

    Gefällt 5 Personen

    • Liebe Gerda, ich mag den Spruch ohne den erklärenden/erweiternden Zusatz von Thoma auch lieber. Aber meine Mutter, die mochte ihn, und das war mir zu diesem Anlass wichtiger. 🌺
      Ich mag den Däubler hier auch sehr. 😁
      Liebe Grüße zurück und herzlichen Dank! 😁🌺🌧️☕👍

      Gefällt 1 Person

  2. Ja, meine Trauerlieder sind längst alle gesungen, aber dennoch … So ist es, liebe Christiane, nicht anders, dabei sind es schon 12 Jahre…
    Das schönste der drei Gedichte, sollte ich aussuchen, ist für mich der Däubler wegen seiner beiden letzten Zeilen:

    Was zieht in mich bedeutsam ein?
    Du sollst nicht immer traurig sein.

    Sind sie nicht wunderschön?

    Liebe Gutenachtgrüße von Bruni an Dich

    Gefällt 3 Personen

  3. Das Dritte gefällt mir besonders – und gerade eben mit der Erweiterung, die ja eine Fortschreibung ist. Wir müssen fortschreiben und hoffen und zulassen, dass wir fortgeschrieben werden. – Befinde mich gerade in einer etwas maulfaulen Phase, sende Dir aber trotzdem liebe Grüße (mit Hochachtung für Deinen Fleiß). 😊🍷

    Gefällt 1 Person

  4. Liebe Christiane,
    mir gefällt das erste Gedicht – und da die letzten Zeilen. Ich musste dabei an ein Kind denken, das erkennbar mitten in der Trauer ist und oft dennoch im nächsten Moment genießen, staunen, sich freuen und laut lachen kann.
    Spätnachmittagsgrüße mit Sonne
    Judith

    Gefällt 1 Person

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