Von Gefühlen im Frühling

Angst packt mich an

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll großer Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Faß meine Hand an.
Hilf mir lieben!

(Erich Mühsam, Angst packt mich an, aus: Die Wüste. 1898–1903, Online-Quelle)

XXXXVI

Das kannst du nicht zwingen:
daß die Knospen springen,
eh die Sonne ihnen ihren Mai gebracht!
Aber daß: was hinter dir liegt,
dich nicht schreckt mehr und unterkriegt:
was Winter in dir abzustreifen
in aller Stille … und Knospen zu reifen
und dich zum Frühling durchzuringen …
Das kannst du zwingen!

(Cäsar Flaischlen, Das kannst du nicht zwingen, aus: Jost Seyfried, Drittes Buch, „Lieder eines Schwertschmieds“. Online-Quelle)

IV.

Wer keinen Frühling hat, dem blüht er nicht!
Wer schweigt, dem tönt kein Echo hier auf Erden!
Weß Herz nicht dichtet, der faßt kein Gedicht,
Und wer nicht liebt, dem wird nicht Liebe werden.

Was ist der Geist, der nie zum Geiste spricht,
Der selbstgefällig will in sich verwesen?
Was ist ein Gemüt, das nie die Rinde bricht?
Was eine Schrift, die nicht und nie zu lesen?

Es findet jeder Geist verwandte Geister!
Kein Herz, das einsam ohne Liebe bricht!
Nur wer sich selbst verlor, ist ein Verwaister!
Wer keinen Frühling hat, dem blüht er nicht!

(Otto Prechtler, Wer keinen Frühling hat, aus: Ein platonischer Traum, in: Donaublumen, Wien 1847, Online-Quelle)

Unersättlich.

Ganz mit Frühling und Sonnenstrahl,
Klang und duftendem Blüthenguß
Mein verlangendes Herz einmal
Füll mir, seliger Ueberfluß!

Gieb mir ewiger Jugend Glanz,
Gieb mir ewigen Lebens Kraft
Gieb im flüchtigen Stundentanz
Ewig wirkende Leidenschaft!

Aus dem Meere des Wissens lass’
Satt mich trinken in tiefem Zug!
Gieb von Liebe und gieb von Haß
Meiner Seele einmal genug!

Gieb, daß Thau der Erfüllung mir
In die Schale des Herzens fließt,
Bis sie, selber verschwendend, ihr
Ueberschäumendes Glück ergießt!

(Ricarda Huch, Unersättlich, aus: Gedichte, Leipzig 1894, Online-Quelle)

 

Magnolienbaum im Frühling | 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst, Anklicken macht groß!

 

Ja, das ist tatsächlich derselbe Baum, ich wollte es zuerst auch nicht glauben.

Kommt gut in und durch die neue Woche, und haltet den Kopf oben!

 

46 Kommentare zu “Von Gefühlen im Frühling

    • Ich finde den Satz ebenfalls sehr stark, und auch die darauffolgende Erkenntnis.
      Ja, schick, oder? Unten am Teich, noch ohne Frost … Wir haben teilweise wieder bisschen Nachtfrost, es wird einfach nicht warm … 🥶 Aber wenigstens sind die Tage sonnig, damit werden die Temperaturen zweistellig *seufz* 😉
      Montagmorgenkaffeegrüße 😁⛅☕🥨🍳👍

      Gefällt 3 Personen

  1. Der Prechtler und der Flaischlen gefallen mir heute sehr.
    Das „zwingen“ ist für mich – aus heutiger Sicht – nicht das richtige Wort, aber die Botschaft darunter, die berührt mich sehr. Es ist das, was ja auch heute gilt: Zu entscheiden, was in meiner Hand/Verantwortung liegt und was nicht.
    Und: „Wer keinen Frühling hat, dem blüht er nicht“ – ist so einfach wie klar. (Wenn auch manchmal schwer).
    Danke dir und liebe Grüße
    Judith

    Gefällt 1 Person

  2. Das sind sehr beeindruckende Gedichte. Bei mir fällt mir auf, wenn in ihnen negativ behaftete Wörter wie Schmerz, Klage, einsam lese, machen sie mich sehr viel Betroffener als gewöhnlich.. Die Zeit scheint wohl doch seine Spuren zu hinterlassen. Liebe nachdenkliche Guten Morgen Grüße, B.☕️🌈🍀🌈🧁

    Gefällt 3 Personen

  3. Prechtler gefällt mir.
    Was an seinen Zeilen spricht am meisten zu mir?

    Weß Herz nicht dichtet, der faßt kein Gedicht,

    Was eine Schrift, die nicht und nie zu lesen?

    Es findet jeder Geist verwandte Geister!
    (ohja, ohja, gerade in dieeeesssen Tagen)

    Nur wer sich selbst verlor, ist ein Verwaister!

    Schön!

    Gefällt 1 Person

  4. Huch will nicht lassen … von der Lust!
    Mit allem schöpfen, was ihr an Händen zur Verfügung steht.
    Dann wieder erfüllt sein und einmal genug haben,

    doch scheint das nicht von Dauer, denn..
    Essen will ich, trinken, wissen, schauen, tanzen, schwelgen, Purzelbäume schalgen und noch viel mehr…
    🙂

    Gefällt 1 Person

    • Ich danke dir, obwohl ich mich schon frage, ob „originell“ nicht vielleicht doch „ein bisschen schräg unpassend“ bedeutet 😉
      Aber so was machst du bestimmt nicht, oder? 😁
      Auf jeden Fall: Wenn du dich freust, ist alles gut. Ernsthaft. 😁
      Fast-schon-Abendgrüße 😁🥛🍲🥖👍

      Gefällt 2 Personen

  5. Neeiin, liebe Christiane, ich meinte das nur positiv. Du stöberst immer so geistreiche und für mein Empfinden im jeweiligen Kontext passende Gedichte auf, die mich immer sehr erfreuen.
    Die Nebenbedeutung von „originell“ geht mir erst jetzt auf, wo du es sagst… Die gehört (noch) nicht zu meinem Wortschatz.
    Dir jetzt aber schon eher gerechtfertigte echt Abendgrüße, Joachim.

    Gefällt 2 Personen

    • Mir ist es aufgefallen, als ich zum ersten Mal „verhaltensoriginell“ gelesen habe – und das war garantiert nicht nett gemeint 😉
      Das Ding ist, dass ich solche sprachlichen Spitzfindigkeiten prinzipiell mag, deshalb fallen sie mir vermutlich auch auf … 🤔😉😁👍

      Gefällt 3 Personen

  6. Anders als andere Frühlingsgedichte haben diese deiner Auswahl eine Schwere, die ans Herz geht, da sieGefühle unseres Frühling 2021 spiegeln .Nichts scheint leicht zu sein, es ist Arbeit, das zu fassen und zu empfinden, was doch in der Natur so beschwingt und aufbruchsfreudig und selbstverständlich erscheint.
    Das Gedicht von Mühsam als Einstimmung ist ein Angstschrei. Sich „durchringen“ zum Frühling wird im zweiten Gedicht gefordert. Im dritten blüht kein Frühling dem, dem es nicht gelingt, ihn im Herzen zu haben. Und im vierten ist alles nur Verlangen und nichts Erfüllung.
    So hast du die Stimmung im Land gespiegelt. Wann werden wir wieder ganz naiv singen können:

    Er ist’s ∼

    Frühling läßt sein blaues Band
    Wieder flattern durch die Lüfte;
    Süße, wohlbekannte Düfte
    Streifen ahnungsvoll das Land.
    Veilchen träumen schon,
    Wollen balde kommen.
    – Horch, von fern ein leiser Harfenton!
    Frühling, ja du bist’s!
    Dich hab ich vernommen!

    Eduard Mörike (1804 – 1875)

    Gefällt 2 Personen

    • Ach, Gerda, du hast meinen Bogen wieder mal besser in Worte gefasst, als ich es gekonnt hätte. Ja, so ist es, und mein Gefühl ist vielleicht ein wenig hoffnungsvoller als deins, denn ich sehe noch Frühling, es gibt noch Glück. 🤔😉🌺
      Man hat uns eine Veränderung aufgezwungen (lassen wir Gründe etc. mal kurz beiseite). Ob wir jemals zum (auch nicht paradiesischen) Zustand v. C. zurückkehren werden? Ich weiß es nicht. 😟
      Ich danke dir für deinen Kommentar und wünsche dir noch einen schönen Abend. 🧡
      Sei herzlich gegrüßt 😁🌼🍷🥨🧀👍

      Gefällt 1 Person

  7. Ricarda Huch, wie lange nicht gelesen. Ich weiß, sie ist nicht zum ersten Mal in Deiner Auswahl, liebe Christiane. Ich freue mich immer, sie hier zu finden und ihre unersättlichen Zeilen
    * Aus dem Meere des Wissens lass’
    Satt mich trinken in tiefem Zug! *
    Unersättlich graben wir nach unserem lebenswerten Leben und im Frühling ganz besonders, weil jetzt unsere Sinne aus ihrem gemütlichen Winterschlaf wieder erwachen .

    Schöne Grüße in die Nacht von Bruni an Dich

    Gefällt 1 Person

    • Dieses Gedicht ist neu bei mir, liebe Bruni, Ricarda Huch nicht, da hast du recht. Es freut mich sehr, dass du ihr Gedicht zu deinem gemacht hast und den Frühling und das Leben mit ihr feierst 🌼🌺
      Sonnige Morgenkaffeegrüße 😁🌞☕🥨👍🌼

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