Von Rosen

Zauberkreis

Was steht denn auf den hundert Blättern
Der Rose all?
Was sagt denn tausendfaches Schmettern
Der Nachtigall?

Auf allen Blättern steht, was stehet
Auf Einem Blatt;
Aus jedem Lied weht, was gewehet
Im ersten hat:

Daß Schönheit in sich selb beschrieben
Hat einen Kreis,
Und keinen andern auch das Lieben
Zu finden weiß.

Drum kreist um sich mit hundert Blättern
Die Rose all,
Und um sie tausendfaches Schmettern
Der Nachtigall.

(Friedrich Rückert, Zauberkreis, aus: Östliche Rosen 1819–1820, in: Gesammelte Gedichte von Friedrich Rückert, Vierter Band 1837, Online-Quelle)

Die Rose in der Nacht
Hadley

Sie glüht. Und ihre Haare kriechen groß
Auf blutrot dumpfen Sammet, schwarze Schlangen.
Sie neigt sich müd in duftendem Verlangen,
Die reife Frau. Und ist ein Herz doch bloß,

Ein heißes, sanftes Herz. Und birst, ein Schoß,
Der Liebe auf, den Himmel zu empfangen.
Und wird ein Antlitz mit gemalten Wangen.
Wenn Abend meerwärts fährt auf braunem Floß,

Ein Totenkauz im Düster greinend lacht,
Dann schlägt es tiefe Augen auf und wacht
Und fängt den Männertraum auf seinem Fluge.

Und sinkt schon morgen welk, am Strauch, im Kruge,
Und stand als eine Rose in der Nacht.
Die dunkelrote Rose in der Nacht.

(Gertrud Kolmar, Die Rose in der Nacht. Hadley, aus: Bild der Rose, 1928/29, Online-Quelle)

Wellentanzlied

Ich warf eine Rose ins Meer,
eine blühende Rose ins grüne Meer.
Und weil die Sonne schien, Sonne schien,
sprang das Licht hinterher,
mit hundert zitternden Zehen hinterher.
Als die erste Welle kam,
wollte die Rose, meine Rose, ertrinken.
Als die zweite sie sanft auf ihre Schultern nahm,
mußte das Licht, das Licht ihr zu Füßen sinken.
Da faßte die dritte sie am Saum,
und das Licht sprang hoch, zitternd hoch, wie zur Wehr;
aber hundert tanzende Blütenblätter
wiegten sich rot, rot, rot um mich her,
und es tanzte mein Boot,
und mein Schatten auf dem Schaum,
und das grüne Meer, das Meer – –

(Richard Dehmel, Wellentanzlied, aus: Richard Dehmel – Eine Wahl aus seinem Werk, herausgegeben und eingeleitet von Ida Dehmel, Online-Quelle)

 

Rosen | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay

 

Ich weiß über Rosen nicht sonderlich viel, aber für alle, die es interessiert, habe ich hier einen Link zu der Rosensorte Hadley eingefügt.

Kommt gut und leicht und sonnig durch die neue Woche!

 

34 Kommentare zu “Von Rosen

  1. Meine Rosenmajestäten, die letztes Jahr um diese Zeit in voller Blüte standen, zieren sich noch, treiben zwar erste Knospen, aber vermutlich haben die Spätfröste ihnen zugesetzt. Schwermütig ist Dein Rosengedichtreigen und da ich ja als große Rosenliebhaberin schon im alten Garten, in dem es 72 verschiedene Rosen gab, viel Lektüre um sie habe, muß ich mal auf die Suche gehen, ob ich Deine Gedichte auch bei mir finde. Erinnern konnte ich mich eben beim Lesen nicht.
    Einen lieben Gruß zu Dir aus Regen drohendem Wochenbeginn – gestern Abend habe ich noch bis 23.00 Uhr draußen gesessen, Karin

    Gefällt 4 Personen

    • Und das sind alle keine unbekannten Dichter, liebe Karin, die ich da versammelt habe, ich war selbst überrascht. Okay, ich wollte (heute, aus Gründen) schon eher abseits der Liebeslieder bleiben, aber ich könnte mir durchaus eine Serie vorstellen, Rosen sind so ein dankbares Motiv!
      Hier droht der Regen auch, aber noch ist es warm (> 15°C), da kann ich damit gut leben. Gestern habe ich auch lesend draußen gesessen, bis es dunkel war … 😁
      Montagmorgenkaffeegrüße 😁🥱☁️☕🍩👍

      Gefällt 4 Personen

  2. Von Rosen höre und lese ich gerne. Deine Gedichte von heute klingen wehmütig und traurig, liebe Christiane, und ich blieb bei Richard Dehmel hängen
    Und weil die Sonne schien, Sonne schien,
    sprang das Licht hinterher…
    Sie wird wieder scheinen, die Sonne; einen schönen Vorgeschmack hatten wir am Sonntag und wie gut tat uns die Wärme.
    Die Knospen an meinen Rosen sind noch klein und geschlossen und ich erinnere mich auch, daß sie sonst um diese Zeit schon duftend blühten. Wir brauchen dieses Jahr ziemlich viel Geduld mit allem, mit uns selbst und der Natur um uns herum.
    Liebe Abendgrüße von Bruni an Dich

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, dieses Jahr ist alles später, liebe Bruni, es ist ungewöhnlich, denn in den letzten Jahren war es eher umgekehrt. Mal sehen, wie es weitergeht. Heute Nacht hat es wie blöde geregnet, der Fellträger trug Mittelscheitel und war ein schmächtiges Kätzchen 😉🐈
      Es sind halt nicht die üblichen Liebesgedichte, die man meist mit Rosen verbindet, auf die hatte ich keine Lust; und ich fand den Dehmel auch sehr beeindruckend. 😁👍
      Morgenkaffeegrüße 😁🌧️☕🍩👍

      Gefällt 3 Personen

  3. Nein, die üblichen lieben Rosengedichte sind es nicht, aber sie sind alle drei sehr beeindruckend und erinnern uns an das Vergehen, das dem Entstehen unweigerlich folgt…
    Die Zeitspannen sind unterschiedlich, aber dem Frühling und Sommer folgt immer auch der Herbst… da ist nix zu machen…

    Hat sich der Fellträger von der nassen Nacht wieder erholt?

    Liebe gutenmorgengrüsse von.mir

    Gefällt 1 Person

  4. Deine Montagsgedichte passen zu meinem gestrigen Rosenzögern, als ich am asiatischen Blumenladen vorbeiging, wo riesige Bündel langstieliger Rosen billigst angeboten wurden. Aber wie billig auch immer, so weit bin ich noch nicht, dass ich mir meine Rosen selbst kaufe.
    Liebe Dienstagsgrüße 🌹☀🌹☀🌹☀🌹☀🌹

    Gefällt 1 Person

    • Neeee, da trenne ich. Wenn ich zu meinem Glück ROSEN brauche, kaufe ich mir Rosen. Wenn ich Rosen GESCHENKT BEKOMMEN möchte, dann muss ich halt jemanden haben/finden, der mir welche schenkt … 😁🌹
      Grauhimmelige Dienstagnachmittagkaffeegrüße 😁☁️☕🍩👍

      Gefällt 1 Person

  5. Das sind wirklich ungewöhnliche Rosengedichte, allerdings. Und alle ganz wunderbar auf ihre Art und Weise. Das letzte hat was leicht Fantastisches, finde ich. Ich bekam gestern unerwartet einen riesigen Rosenstrauß mit ein paar Ranunkeln geschenkt und freue mich immer noch. 😊

    Gefällt 2 Personen

  6. Faszinierend, was du da zusammengetragen hast, liebe Christiane. Ich hatte so wenig Zeit in dieser Woche, und wollte mir Zeit nehmen für deine Gedichte. Drüber wurde es Samstag 😦
    Aber nun hat es sich gelohnt, ich sinne den merkwürdigen Bildern hinterher und denke: In der Art des Rosensterbens wird mir der Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Rosen-Assoziation bewusst. Die Dichterin Gertrud Kolmar ist mit der Rose im späten Stadium ihrer Blüte und dem letzten Erglühen identifiziert, Friedrich Rückert spinnt poetiche Nachtigallen-Gedanken um sie, und Richard Dehmel wird zum Täter und lustvollen Beschreiber ihres lichtumspielten Sterbens.
    Meine großen roten Rosen, die am besten zu deinen poetischen Rosen passen würden – sie blühen sehr sehr langsam auf und verblühen schließlich unschön – haben im Vorjahr Mitte April über und über geblüht, aber in diesem Jahr gibt es nicht eine einzige Knospe, geschweige enn Blüte. Blätter hat sie, vertrocknet ist sie nicht. Ich weiß nicht, was los ist.
    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

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