Von Rosen (2)

Als Mahl beganns

Als Mahl beganns. Und ist ein Fest geworden, kaum weiß man wie. Die hohen Flammen flackten, die Stimmen schwirrten, wirre Lieder klirrten aus Glas und Glanz, und endlich aus den reifgewordnen Takten: entsprang der Tanz. Und alle riß er hin. Das war ein Wellenschlagen in den Sälen, ein Sich-Begegnen und ein Sich-Erwählen, ein Abschiednehmen und ein Wiederfinden, ein Glanzgenießen und ein Lichterblinden und ein Sich-Wiegen in den Sommerwinden, die in den Kleidern warmer Frauen sind.

Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde rauschend in den Traum der Nacht.

(Rainer Maria Rilke, aus: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, Erzählung, 1899, Online-Quelle, [22])

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
und greife scheu nach seiner Rosen Röte –
und ahne eine Angst in seiner Flöte
vor Tagen, welche lautlos sind und lang.

Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen;
in meinem Armen schlafen Wälder ein, –
und ich bin selbst das Klingen über ihnen,
das anhebt wie aus welken Violinen …

(Rainer Maria Rilke, Nenn ich dich Aufgang oder Untergang, aus: Mir zur Feier/Im All-Einen, 1899, Online-Quelle)

Das Rosen-Innere

Wo ist zu diesem Innen
ein Außen? Auf welches Weh
legt man solches Linnen ?
Welche Himmel spiegeln sich drinnen
in dem Binnensee
dieser offenen Rosen,
dieser sorglosen, sieh:
wie sie lose im Losen
liegen, als könnte nie
eine zitternde Hand sie verschütten.
Sie können sich selber kaum
halten; viele ließen
sich überfüllen und fließen
über von Innenraum
in die Tage, die immer
voller und voller sich schließen,
bis der ganze Sommer ein Zimmer
wird, ein Zimmer in einem Traum.

(Rainer Maria Rilke, Das Rosen-Innere, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1918, Online-Quelle)

Grabspruch

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

(Rainer Maria Rilke, Grabspruch lt. testamentarischer Verfügung v. 27. Oktober 1925, Online-Quelle, Interpretation, Foto v. Rilkes Grabstein)

 

Quelle: Photo by John Thomas on Unsplash, klicken macht groß!

 

Ja, genau, das ist dieses Mal nur Rilke. Darf auch mal sein. Mir ist gerade so.

Kommt gut und leicht in und durch die neue Woche!

 

41 Kommentare zu “Von Rosen (2)

  1. Liebe Christiane, wie Du gesehen hast, bin ich noch bei den Tulpen (die mir sowieso die liebsten sind in ihrem seidigen Kleid und mit ihrer sich verneigenden Anmut). Aber die Rilke-Weise (bin Deinem Link nachgegangen) steckt voller schöner Sätze und ersetzt einen ganzen Roman.
    Liebe Morgenkaffeegrüße ☕🌷😊

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Christiane,
    vielen Dank für deine tollen Texte – nur Rilke – ein Genuss.
    Besonders haben es mir die beiden Sätze „Da war ein
    Wellenschlagen in den Sälen“ und „In die Tage, die immer voller sich schließen“ angetan.
    Ich kannte übrigens keinen der Texte, was mir nur zeigt, dass es noch vieles zu entdecken gibt.
    Liebe Grüße
    Judith

    Gefällt mir

  3. Oh du Rilke mein… das war gerade ein echtes Geschenk zu später Abendstunde – erst ein Stündchen mit Fräulein Honigohr verbracht, dann eins mit Herrn Miesling, darauf Rilke – besser gehts kaum. 😊 Ich liebe sie alle, aber das erste, das ist heute meins. Ein unerwartetes rauschendes Fest, ein echtes, das hätte ich gerne. Vielleicht ja diesen Herbst, wir werden sehen. Nun noch Herrn Adorf und dann wünsche ich gute Nachtgrüße! 😊🥱😴

    Gefällt 1 Person

    • Rilke hat seinen ganz eigenen Zauber. Ich freue mich, dass dir der Cornet gefällt: Ich habe ihn verlinkt, wenn du ihn ganz lesen magst, er ist kurz … Und auch Mario Adorf ist großartig, und Otto Sander, den Bernd verlinkt hat. Ich finde zwar, dass sein verlinkter Eisermann zum Gedicht nicht passt, aber das kann auch nur mein Geschmack sein …
      Guten Morgen! 😁🌤️☕🍩👍

      Gefällt 1 Person

      • Ich hab gerade mal „Cornet“ gegoogelt – aha! Mal sehen, ob ich ihn lesen werde, solche Geschichten, seien sie auch noch so schön, deprimieren mich immer gewaltig. Bei Otto Sander dagegen kann ich auch den traurigen Dingen nicht widerstehen, er adelt einfach alles.
        Einen schönen guten Morgen bei Sonnenschein und Regenduft! 😊☕🥐

        Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Das innere Reich der Rose – Kopf und Gestalt

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