Schreck in der Abendstunde | abc.etüden

[Es klingelt. Sie reißt die Wohnungstür auf.]

Wo warst du? Ich versuche schon seit Stunden, dich zu erreichen! Ich habe schon geglaubt, ich müsste die ganze Stadt nach dir absuchen. Und das, wo in deiner Gegend alles abgesperrt ist!

Nun lass mich doch erst mal rein! Außerdem hast du eine Weinfahne, es ist bestimmt besser, dass du nicht mehr gefahren bist.

Na und? Ich weiß genau, wie viel ich vertrage. Trotzdem hättest du dich melden können! Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht!

Was glaubst du denn, wo ich war? Ist ja nicht gerade ein lauer Frühlingsabend, an dem man zu Fuß in den übernächsten Stadtteil spazieren möchte, oder?

Und warum bist du nicht geblieben? Die Nachbarn hätten sich doch bestimmt um dich gekümmert!

Du glaubst doch nicht ernsthaft, ich würde mich mit den Roths oder den Schneiders in eine überfüllte Baracke setzen und warten, bis es geknallt hat? Um diese Uhrzeit? Bestimmt nicht. Außerdem hast du für alle Fälle eine gemütliche Couch, und warm ist es bei dir auch.

Dir hätte sonst was passieren können, wenn du so allein im Dunkeln durch die Stadt rennst. Ich habe wie bescheuert versucht, dich anzurufen, aber du bist ja mal wieder nicht rangegangen. Wo hast du eigentlich dein Handy?

Weiß ich nicht.

Typisch. Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du dich darum kümmern musst, dass du dann auch erreichbar bist, wenn du jemanden brauchst. Oder ich dich.

Jaja.

Lass mich raten: Der Akku ist leer?

Kind, mir ist schon Schlimmeres widerfahren als so eine Evakuierung wegen einer läppischen Bombenentschärfung. Kann ich nun reinkommen oder nicht?
Ehe ich es vergesse: Ich muss sowieso noch mal raus, das Taxi bezahlen, der Fahrer wartet auf mich. Ich wusste ja nicht, ob du da sein würdest.

MUTTER!

 

abc.etüden 2021 20+21 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 20/21.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Bernd mit seinem Blog »Red Skies over Paradise«. Die Wörter lauten: Baracke, lau, widerfahren.

Nein, nicht autobiografisch, nichts davon. Aber natürlich wird hier in Hamburg bestimmt jede Woche einmal irgendwo eine Bombe entschärft und dafür die umliegende Gegend geräumt …

 

64 Kommentare zu “Schreck in der Abendstunde | abc.etüden

  1. Hier in Köln ist es ähnlich, speziell in unserem Stadtbereich, da muss man immer gucken, ob man weit genug weg ist. Aber wenigstens war die Betroffene mutmaßlich doppelt geimpft und fiel somit nicht unter die Ausgangsbeschränkung? Oder gibt es die im inzidenzschwachen Hamburg eh nicht mehr? Nette Geschichte, danke dafür!

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    • Die Ausgangssperre ist in Hamburg seit einer guten Woche oder zwei (?) aufgehoben, danke, die hätte ich auch noch einbauen können, genau 😉. Und ob die Dame geimpft ist, darum habe ich mir keinerlei Gedanken gemacht 😁
      Mir war mehr nach einem innerfamiliären Aufreger 😉
      Morgenkaffeegrüße, liebe Elke! 😁🌦️☕🍩👍

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  2. Gerade vorgestern haben sie in Frankfurt 25.000 Leute evakuiert, weil die eine Bombe vor Ort sprengen müssten. Passiert hier auch alle Nase lang. Und manchmal wollen einige partout ihre Wohnung nicht verlassen.
    Ich freue mich, dass ich auf dem Dorf lebe.

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  3. Bei der letzten Evakuierung hier, von der Werner spricht. mußte ein ganzes Krankenhaus geräumt werden und im Moment häufen sich diese Bombenfunde. In Hanau liegen sie auch noch überall als tickende Zeitbömbchen in der Erde herum – zum Glück sind es wunderbare Spezialisten, die etwas von ihrem Fach verstehen, die an die Entschärfung gehen. Ich wollte nicht mit einem Mann verheiratet sein, der beruflich immerzu sein Leben auf’s Spiel setzen muß.
    Liebe sehr windige mit Wolkenbrüchen durchsetzte Grüße in den Norden zu Dir und……die Mutter hätte ich sein können -:))) , Karin

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    • Ich weiß, liebe Karin, meine Frankfurter Freundin hat mir detailliert geschildert, wo die Grenze gewesen sein muss, und auch von dem Krankenhaus gesprochen.
      In Hamburg gibt es alle Naslang Bombenentschärfungen, meistens bekomme ich das zum Glück nur wegen der Straßensperrungen mit.
      Bei Männern und Bombenentschärfungen denke ich an den „Englischen Patient“, ich weiß nicht, ob du den je gelesen hattest … 😉
      Ich hatte aus meinem Leserinnenkreis so einige potenzielle Mitwirkende im Auge, du gehörtest dazu, freut mich 😉❤️
      Morgenkaffeegrüße auf dein Dach, auch von dem Schoßschläfer 🐈, es soll später regnen 😁🌦️☕🍩👍

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      • Liebe Christiane, sowohl das Buch als auch den Film kenne ich und war tief beeindruckt, oft zu Tränen gerührt. Die damalige Rezension in der Zeit vom 8.10.93 von Ulrich Greiner trägt die Überschrift: Als Kip lernte, die Bombe zu hassen – sie liegt schon leicht vergilbt im Buch.
        Wir hatten heute Nacht Wolkenbrüche, es ist kalt, windig und ungemütlich draussen, keine Motivation zu frohe Pfingsten. Die Heizung läuft und ich werde mich in die Bücher verkriechen. Liebe Grüße und an Dein vierbeiniges Wärmfläschen einen Streichler., Karin

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        • Es ist hier nicht viel anders, liebe Karin, eigentlich ist es Sofawetter. Vielleicht ganz gut so, heute öffnen hier der Einzelhandel und die Außengastronomie. Ich mache es mir nett, der Fellträger pendelt trotz Regenschauer raus und rein und ist unruhig … 😧🐈🌦️
          Kraul mal deinen Katerherrn von uns! 😁🐈👍

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  4. Im Alter wächst die Gelassenheit gegenüber solch ‚läppischen‘ Dingen wie Evakuierung- aber auch das Unverständnis, dass sich die eigenen Kinder Sorgen machen könnten. Vor allem, wenn man als Senior noch so rüstig ist. Kommt mir sehr bekannt vor, ich kann mich gut in dir Tochter hineinversetzen …🙂

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    • Mhm. Ich mich auch. Ich hätte meine Mutter geschüttelt, wenn sie so was getan hätte 😉
      Aber vermutlich hätte mich ggf. ein Anruf erreicht: Ich will hier nicht bleiben, hol mich so schnell wie möglich ab 😁
      Morgenkaffeegrüße 😁🌦️☕🍩👍

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  5. Mitten aus dem Leben – um nicht zu sagen: Mitten aus dem verhinderten Bombentrichter. – Meine Mutter hasste es „Mutter“ genannt zu werden. Noch dazu mit einem Ausrufezeichen dahinter. Dass sie es hasste, lag daran, dass ich es natürlich trotzdem immer wieder tat.
    Liebe Grüße, und ich wünsche Dir ein pfingstliches Wochenende. 🌤🌷🌷🌷🌷😊

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    • Ich habe dieses empörte „MUTTER!“ ja auch mit voller Absicht verwendet 😁 Ich glaube, vielen Müttern geht das ähnlich 😁👍
      Auch dir ein entspanntes langes Wochenende, mit Pfingstgefühlen oder ohne 😉
      Erst mal Morgenkaffeegrüße 😁🌦️☕🍩👍

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    • Ja, das wünscht man sich dann, das ist hier auch nicht anders. Aber in Hamburg ist dermaßen viel runtergekommen, dass ich daran nicht glaube, wenn ich ehrlich bin. 🤔🙂
      Schön, dass du die Unterhaltung magst 😁
      Nachmittagskaffeegrüße 😁🌦️☕🍩👍

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  6. Eine außerhäusige Mutter und eine Tochter, die sich Sorgen macht. Man denkt an vertauschte Rollen und erinnert sich daran, wie man vor Jahren auf der Fensterbank im Wohnzimmer saß und wartete und wartete…. und dann endlich ein Motorengeräusch, das Kind war wieder da, gesund und munter und quietschfidel…
    Ich weiß nicht mehr, wieviele Nächte es bei zwei Töchtern im halbwüchsigen Alter waren, aber wenige waren es nicht…

    So kann es sich mit den Jahren ändern und die ehemals Kleinen übernehmen die Mutterrolle.

    Gute Geschichte, liebe Christiane, bei der ich auch den Fellträger suchte oder eine andere Katze 🙂

    Liebe Vorabendgrüße von Bruni an Dich

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    • Ich schreibe bestimmt auch wieder Fellträgergeschichten, liebe Bruni, aber dieses Mal bot es sich so an, diese Bombenentschärfung zu verbraten 😉 Und wenn die Idee trägt, schreibt die Etüde sich fast von allein …
      Ich dachte mir, dass sich einige Leser*innen wiedererkennen würden. Schön, dass du dazugehörst 😁
      Ganz herzliche Fast-schon-Abendgrüße 😁🌦️☕🥨🧀👍

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      • Mir fällt ein, liebe Christiane, als ich wegen diesem verflixten Virus im Krankenhaus war, konnte ich nachts höchst selten schlafen und wartete sehnsüchtig auf den Morgen. Zwischen 3 und 5 hielt ich es nicht mehr aus, mußte mit jemandem aus der Family reden. Die Uhrzeit war mir schnurzegal. Ich rief halt die älteste Tochter an und sie sagt heute, ich hätte lauter dummes Zeug erzählt, aber sie hörte sehr geduldig zu und meinte dann nur, Mama, Du kannst mich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen. Ich hör Dir immer zu.

        Da hatte sie schon die Mutterrolle übernommen und es was gut so. Ich brauchte es dringend.

        Liebe Grüße in den Abend von mir

        Gefällt 2 Personen

  7. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 22.21 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

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