Die Nachricht | abc.etüden

Er hätte alles erwartet. Alles, aber nicht das. Er zog an seiner Kippe, um seine zitternden Hände zu beschäftigen, starrte noch einmal zum Parkplatz, wohin die blonde Frau verschwunden war, und griff erneut nach seinem Handy.
Es war ein lauer Frühsommerabend, aber er hätte auch im Sturzregen an der Kneipenbaracke lehnen können, aus der die Musik dröhnte, es wäre ihm nicht aufgefallen. Seine Welt war kurzfristig auf das Display geschrumpft, auf dem das Foto eines blauäugigen Babys zu sehen war.

Dein Sohn, Sebastian. Er heißt Jan. Melde dich, wenn du reden willst. Julia.

»Alter, was ist los?«

Das war Niklas, sein bester Freund. Wortlos hielt er ihm das Handy entgegen.

»Nicht dein Ernst.« Stocken. Schweigen. »Julia? Diese hübsche Blonde, mit der du so vor einem Jahr kurz was laufen hattest?«

Er nickte.

»Erzähl.«

»Ich weiß doch auch nichts. Ich war mit den anderen hinten, weil wir was dampfen wollten, als sie reinkam. Also bin ich hin und hab sie gefragt, ob sie mit mir was trinken würde, um bei der Gelegenheit zu erklären, warum ich mich bei ihr nicht mehr gemeldet hatte, und ihr von der ganzen Scheiße zu erzählen, die mir da passiert ist, Umzug und alles. Wir waren ja auch immer nur bei mir gewesen, ich weiß nicht mal genau, wo sie wohnt!
Eigentlich hab ich erwartet, dass sie mich voll fertigmachen würde, aber sie hat nur wissen wollen, warum ich sie nicht angerufen hätte. Da hab ich ihr dann noch schnell die Story mit der neuen Nummer gebeichtet und warum ich eine brauchte. Und sie, sie hat mich ganz komisch angelächelt und höflich gefragt, ob sie jetzt vielleicht meine Nummer haben dürfte. Wir haben die Nummern ausgetauscht, sie hat ›Danke‹ gesagt, sich umgedreht und mich stehen lassen. Und plötzlich krieg ich das Foto.«

»Ich mein, sorry, ich will nichts Falsches sagen, aber Vaterschaftstest und so? Nicht, dass du hinterher für irgendwas der Dumme bist.«

»Die ist nicht der Typ zum Rumvögeln, da ist die viel zu gut für. Glaub nicht, dass die schon mit vielen im Bett war.«

»Ach. Und wie man verhütet, dass wusste sie nicht?«

»Sie hat gesagt, dass sie die Pille nimmt«, verteidigte er sich, wohl wissend, dass er auf verlorenem Posten stand. »Lass mich. Ich muss nachdenken.«

»Seh schon, du hattest sie unterdessen nicht vergessen.«

»Hatte ich nicht.«

»Soll ich dir was mitbringen? Ich geb einen aus.«

Er nickte, in Gedanken immer noch ganz woanders. Ihm war leicht schwindlig zumute, als ob seine Welt durch jene Nachricht abrupt stillgestanden hätte und wieder durchgestartet wäre – und ob links- oder rechtsdrehend war ihm dabei ganz egal. Er war Vater!

Niklas kam zurück und balancierte zwei Schwenker mit einer dunklen Flüssigkeit, von denen er ihm einen in die Hand drückte.

»Trink, Alter, auf den Schock«, sagte er. »Da gibt es doch diesen Uralt-Spruch: Wenn einem so viel Gutes widerfährt …« Er prostete ihm zu. »Ist es das?«

»Gut? Weiß nicht.« Er kippte den Weinbrand auf ex und hustete. »Doch«, keuchte er. »Glaub schon.«

 

Extraetüden 22.21 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden (Extraetüden), Woche 22.2021: 5 Begriffe, maximal 500 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Nina (Das Bodenlosz-Archiv) und Bernd (Red Skies over Paradise). Die möglichen Wörter lauten: Korsett, rechtsdrehend, dampfen, Baracke, lau, widerfahren. Ich habe nur das Korsett nicht untergebracht.

Seit meiner letzten Kattitüde gehen mir die Protagonisten nicht mehr aus dem Kopf, und plötzlich entsprang der Vater des Zwergs, der letzten Endes dafür verantwortlich ist, dass Leo ausgerückt ist, meinem Kopf und wollte erklären, dass er sehr wohl einen Grund hatte, spurlos zu verschwinden, und kein kompletter Vollpfosten ist. Nun ja. Bitte schön.

 

43 Kommentare zu “Die Nachricht | abc.etüden

  1. „Ja, Schatz, dann kriegen wir ein Baby“, sagte jemand, der inzwischen seit fast sechs Jahren tot ist, zu meinem damals viel jüngeren Ich, bevor er, der sonst fast nie Alkohol trank, sich einen Schnaps einschenkte und ihn auf Ex trank. Muss schon schockierend sein für die Kerle! (Für werdende oder stillende Mamas ist Hochprozentiges ja eher kontraindiziert, Schock hin oder her, grins.)
    Sehr nette Geschichte, die Erinnerungen weckt.

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    • Keine Sorge, Leo kommt noch zu seinem Recht 😀
      Sie ist nicht „sehr reif“, sie ist ebenso überfordert mit der Situation wie er und hat es lediglich geschafft, cool zu reagieren … Stell dir vor, du hast das Kind eines Typen bekommen, von dem du die ganze Zeit denken musstest, dass er ein Arsch* (sorry) ist, weil er sich ohne Nachricht abgesetzt hat, und dann triffst du ihn endlich wieder, und er schwallt dich voll, dass alles ganz anders war?
      Auch wenn sie ihm glauben will, und das will sie, ist es viel. Also tut sie, was sie kann, um ihn ihrerseits auf den neuesten Stand zu bringen, und wartet jetzt ab, was er tut und ob er überhaupt reagiert … 🤔😉
      Du hattest die Vorgängeretüden gelesen, ja? 🤔😁
      Mittagskaffeegrüße 😁🌞🌼☕🍩👍

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    • Ich glaube, die sind beide norddeutsch und von daher schon mal mal ein bisschen unaufgeregter 🤔😉
      Außerdem scheinen sie beide krassere Zeiten hinter sich zu haben. 😁
      Nachmittagskaffeegrüße, ich hoffe, es geht schon besser 😁🌞🌼☕🍩👍

      Gefällt 1 Person

  2. Schööööön und total spannend, liebe Christiane, ich habe sehr gespannt gelesen und fand die Geschichte ringsum gut.

    Wegen des kleinen Jan büxte der Kater aus? *schmunzel*
    Dann ist sie nicht so cool, wie sie bei der unerwarteten Begegnung wirkt… 🙂

    Ganz herzlich zum Feiertagsabend von Bruni

    Gefällt 1 Person

    • Als du sie in der allerersten Etüde getroffen hast, liebe Bruni, war der Typ ohne Ansage verschwunden und sie ungewollt schwanger und komplett mit der Situation überfordert. Das steckt man nicht mal so eben weg.
      Nein, sie war nicht cool. Und Katzen sind auch nur Menschen. 😉
      Bis sie sich eingekriegt hat, hat es gedauert. Und sie hat sich mit Sicherheit genau überlegt, was sie sagt und tut, wenn er ihr noch mal über den Weg läuft. 😁
      Übrigens gibt es morgen eine Fortsetzung 😉
      Abendgrüße nach Regen ohne Feiertag 😁🌦️🍷🥨🧀👍

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      • Ahaaa, morgen schon die Fortsetzung. Da muß ich aufpassen
        🙂 Sie hat total gut reagiert und ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht, liebe Christiane.
        Kein Feiertag? Aber Regen? Bei uns war alles anders.
        Viel Sonne, so gut wie kein Regen, Feiertag 🙂
        Liebe Grüße zur Nacht von Bruni

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        • Hamburg ist doch ein evangelisches Bundesland, liebe Bruni, da haben wir so was wie Fronleichnam nicht 😉
          Regen gegen Abend, aber nicht viel, dafür mächtig mächtig dunkle Wolken und bisschen Lärm am Himmel ⛈️
          Ja, die Fortsetzung habe ich gerade für morgen geplant.
          Nachtgrüße zurück 😉✨🌟🍷🥨🧀👍

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  3. Irgendwie eine traurige Geschichte.
    Bei durchaus vorhandenem guten Willen durch eigene Dödeligkeit, die Schwangerschaft, die Geburt und die ersten Tage des eigenen Kindes zu verpassen. Auch wenn es noch gut werden kann,,ein so belasteter Anfang.
    Kennst du „Brüder“ von Jackie Thomae? Ich habe es gerade gelesen, der eine Protagonist dort treibt das Problem des Verdödelns lebensentscheidender Dinge auf die Spitze.
    Unabhängig davon ein sehr empfehlenswertes ungewöhnliches Buch!

    Gefällt 2 Personen

    • Ich bin durchaus nicht der Meinung, dass das eine rundherum positive Geschichte ist, dazu geht mir persönlich bei den jungen Leuten zu viel schief. 🤔 Mein Gedanke war, dass Sebastian (allerdings aus Dummheit) in eine ernsthaft nicht mehr ganz legale Geschichte geraten ist, in deren Verlauf es ihm geraten wurde, Wohnort und Telefonnummer zu wechseln und die Füße SEHR still zu halten, weil es hätte schiefgehen können. Dödeligkeit war das also nicht. 🤔😉
      Nein, ich weiß, dass ich von Buch und Autorin gehört habe, als es rauskam (musste suchen), aber ich habe es nicht gelesen. Danke für die Empfehlung! 👍
      Übrigens gibt es eine Fortsetzung zu meiner Geschichte, ich habe sie heute früh online gestellt.
      Strahlende Morgenkaffeegrüße! 😁🌞🧡☕🍩👍

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