Von Rosen und Sommer

Sommergarten

Die Vögel sprangen von den Winden auf den Garten
Und fielen auf die hellen Rasenbeete,
Betäubt vom Duft der blühenden Stakete
Am weißen Haus mit vierzehn Rosenarten.

Die gelben Steige, die den Rasen masern,
Kommst du in Weiß, berieselt von den Winden,
Und deine Augen duften noch den Blinden –
Die warmen Blumen an den Nervenfasern.

Freude der Tropen wächst. Im blauen Raum
Zünden die Wolken, leuchtende Phantome.
Und du, in deines Blutes Aura und Arome,

Nimmst Sonne mit – in eine Liebesnacht.
Gleich goldnen Bienen hängt das Licht im Baum,
Das deinen Mund wie eine Frucht benagt.

(Paul Boldt, Sommergarten, aus: Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 33 (14. Aug.), Online-Quelle)

Sommer

Sieh, wie sie leuchtet,
Wie sie üppig steht,
Die Rose –
Welch satter Duft zu dir hinüberweht!
Doch lose
Nur haftet ihre Pracht –
Streift deine Lust sie,
Hältst du über Nacht
Die welken Blätter in der heissen Hand …

Sie hatte einst den jungen Mai gekannt
Und muss dem stillen Sommer nun gewähren –
Hörst du das Rauschen goldener Aehren?
Es geht der Sommer über’s Land …

(Thekla Lingen, Sommer, aus: Am Scheidewege, 1898, Online-Quelle)

Glaube nur

Wenn im Sommer der rote Mohn
Wieder glüht im gelben Korn,
Wenn des Finken süßer Ton
Wieder lockt im Hagedorn,

Wenn es wieder weit und breit
Feierklar und fruchtstill ist,
Dann erfüllt sich uns die Zeit,
Die mit vollen Maßen mißt,

Dann verebbt, was uns bedroht,
Dann verweht, was uns bedrückt,
Ueber dem Schlangenkopf der Not
Ist das Sonnenschwert gezückt.

Glaube nur! Es wird geschehn!
Wende nicht den Blick zurück!
Wenn die Sommerwinde wehn,
Werden wir in Rosen gehn,
Und die Sonne lacht uns Glück.

(Otto Julius Bierbaum, Glaube nur, aus: Irrgarten der Liebe, 1901, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ja, mir ist klar, dass wir offiziell noch keinen Sommer haben. Aber ich habe mich in der vergangenen Woche so gefühlt, ich möchte dieses Gefühl feiern, und ich glaube nicht, dass ich allein damit bin …

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

28 Kommentare zu “Von Rosen und Sommer

  1. Ich habe mir den „Hagedorn“ ergoogelt (Weißdorngebüsche im weiteren Sinn) und schon duftete und klang mir die Bilderwelt von Bierbaum voller Um die vorige Jahrhundertwende gedichtet: welch schöner Optimismus. „Glaube nur! Es wird geschehn!
    Wende nicht den Blick zurück!“
    Nun, egal, jetzt ist Sommer! Das weiß auch Thekla Lingen, die am Ende des 19. Jahrhunderts zu spüren scheint, wie die hohe Blüte schnell in den Verfall übergehen kann.
    Warum bei Boldt der unreine Reim Nacht-benagt? ist auch ihm schon bewusst, dass etwas im Busche lauert – Rosen und Liebesnacht hin und her?
    Verrückt, aber mir setzen sich diese unschuldigen Rosengedichte mit dem Zeitgeschehen in Verbindung, und ich denke: immer, ohne dass wir es wüssten und bemerkten, schwingt die große Zeit im Kleinen wie ein Grundton mit.

    Gefällt 3 Personen

    • „… ohne dass wir es wüssten und bemerkten, schwingt die große Zeit im Kleinen wie ein Grundton mit.“
      Ja, und bei Gedichten, die so alt sind, bemerken wir es ganz deutlich. Natürlich ist das so: Je nachdem, wie stark es uns beschäftigt/betrifft/einschränkt, spiegeln unsere Texte die aktuelle, persönliche und/oder zeitpolitische Situation. Geht das anders? Kaum. 🤔😉
      Boldt: Ich wage alternativ mal die Theorie, dass dort, wo er aufwuchs (Westpreußen), das „g“ in „benagt“ mehr in Richtung „ch“ gesprochen wurde – denk an Goethe, der ursprünglich ja auch Hessisch gereimt haben soll. WISSEN tu ich es natürlich auch nicht, aber ich liebe manchmal simple Erklärungen 😉
      Morgenkaffeegrüße! 😁☁️🌼🐝☕🍩👍

      Gefällt 2 Personen

    • Und es sind keine, die man gefühlt ständig irgendwo liest, jedenfalls kommt es mir nicht so vor … 🤔😉
      Danke dir, freut mich, wenn du sie magst! 😁
      Vormittagskaffeegrüße 😁☁️🌼🐝☕🍩👍

      Gefällt mir

  2. Danke für den Mohn!!! Bin den Rosen gerade nicht besonders grün, denn ich habe mir mit Rosenwasser getränkte Gesichtsreinigungstücher gekauft und mag sie überhaupt nicht, bin aber wieder einmal fasziniert davon, wie lange man mit etwas auskommt, was man nicht mag.
    Herzliche Dienstagsgrüße! 🍒🍒🍒🍒🍒🍒🍒…

    Gefällt 1 Person

  3. Wundervoll mal wieder ausgesucht, liebe Christiane!
    Thekla Lingen kannte ich gar nicht, aber ihre Zeilen

    *Streift deine Lust sie,
    Hältst du über Nacht
    Die welken Blätter in der heissen Hand …*

    fielen mir sofort auf und verdrängten die der anderen Dichtenden.
    So ist das manchmal und andere wundervolle Worte, Formulierungen und Wendungen beachtet man dann nur noch am Rande.
    Aber beim nächsten Mal Lesen, da kommen sie wieder zum Vorschein und strahlen uns an…

    Liebe späte Grüße von Bruni an Dich

    Gefällt 1 Person

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