Vom Heimkommen

Am Abend

Weisst du denn – wenn auf Baum und Strauch
Das Astwerk zittert und sich sträubt,
Und wenn der leicht gewellte Rauch
An einer Wetterwand zerstäubt –

Ein scheuer Vogel ohne Laut
An dir vorbei die Flügel schlägt,
Und Wolke sich an Wolke baut –
Wohin dein wilder Wunsch dich trägt?

Weisst du denn, wenn nun alle Welt
Sich eng an Hof und Heimstatt schmiegt,
Und deine Sehnsucht dich befällt, –
Wo deine eigne Heimat liegt?

(Hedwig Lachmann, Am Abend, aus: Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 7-8, Online-Quelle)

Am Meerufer

Und Welle kommt und Welle flieht,
Und der Wind stürzt sein Lied,
Schaumwasser spielt an deine Schuhe
Knie nieder, Wandrer, ruhe.

Es wälzt das Meer zur Sonne hin,
Und aller Himmel blüht darin.
Mit welcher Welle willst du treiben?
Es wird nicht immer Mittag bleiben.

Es braust ein Meer zur Ewigkeit,
In Glanz und Macht und Schweigezeit,
Und niemand weiß wie weit –
Und einmal kommst du dort zur Ruh,
Lebenswandrer, Du.

(Gerrit Engelke, Am Meerufer, aus: Rhythmus des neuen Europa, 1921, Online-Quelle)

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht
und sagt: Ich bin.
Ein Gott, der seine Stärke eingesteht,
hat keinen Sinn.
Da mußt du wissen, daß dich Gott durchweht
seit Anbeginn,
und wenn dein Herz dir glüht und nichts verrät,
dann schafft er drin.

(Rainer Maria Rilke, Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht, aus: Die frühen Gedichte (Gebete der Mädchen zu Maria), 1909, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Auf welchen Wegen ihr auch unterwegs seid: Kommt gut und heiter (und sicher) in und durch die neue Woche!

 

30 Kommentare zu “Vom Heimkommen

    • Warte, warte, warte: „Und meine Seele breitet“ (das heißt „spannte“, aber ich sage auch immer „breitet“) ist aber nicht von Rilke, du meinst den Eichendorff, oder?

      Vom Sommer und dem Fliegen

      Ja, aufbrechen und zurückkommen ist toll, aber ständig wandern zu müssen, weil es einen nirgendwo hält, ist sicher nicht leicht, in jeder Hinsicht … 😉
      Vormittagskaffeegrüße 😁🌞🌼🐝🐦☕🍩👍

      Gefällt 1 Person

        • Spricht eigentlich für das Gedicht bzw. für seinen Autor, dass die Sprache so modern ist, dass wir sie problemlos mit jemandem verbinden, der erheblich später gelebt hat, oder? Hab gerade nachgeschaut, die „Mondnacht“ ist ca. 1835 entstanden, Rilke ist 1926 gestorben … 🤔😉

          Gefällt mir

  1. Ja, schön sind sie alle. Besonders verzaubert mich diesmal die zweite Strophe des zweiten Gedichts. Und weißt du, warum? „Es wälzt das Meer zur Sonne hin…“ ist das erste Mal, dass mir in dichterischer Sprache die Ahnung entgegenkommt, dass die Erde sich unter der Sonne wegdreht. Immer ist sonst von Sonnenuntergängen die Rede: da steht die Erde still und die Sonne „versinkt“ etc. – Freilich ist es nicht so, dass sich das Meer abends zur Sonne hinwälzt, sondern es wälzt sich von ihr weg, in den Schatten. Am Morgen aber …. Und Gerrit Engelke spricht vom Mittag… Schön ist es auf jeden Fall, zusammen mit dem „Und aller Himmel blüht darin“.

    Gefällt 2 Personen

    • Das ist genau das, was ich an dem Gedicht so mochte, liebe Gerda, nämlich, dass sich das Meer bewegt, nicht ruht, nicht passiv ist, und auch nicht durch den Wind etc. aufgewühlt, sondern (wie) ein großes Lebewesen, an/in dem wir Menschen irgendwann zur Ruhe kommen. Mir gefällt die Vorstellung. 🌊⛵⛲⛱️😁
      Danke dir, freut mich! 😁❤️
      Nachmittagskaffeegrüße 😁🌞🌼🐦☕🍩👍

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Christiane,
    heute hast du Gedichte, in deren Rhythmus ich mich fallen lassen kann.
    Und ja, ich gestehe: Der Rilke, der Rilke! Ich mag dieses Gedicht sehr: „Dass Gott dich von Anfang durchweht“ das ist ein Bild, das mich unmittelbar trifft. Ich finde, da ist etwas Schweres leicht ausgedrückt.
    Mittagsgrüße, ganz ohne Kaffee,
    Judith

    Gefällt 1 Person

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