Vom Sein in der Stille

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind,
Weit hinaus in die freie Einsamkeit,
Wo dir Wolken, Berge, Bäume und Wind
Großes reden von Später und Ewigkeit.

Und dort schöpfe, fasse und füll dir die Brust,
Daß – kommt einst die Stille zu dir als Braut –
Daß du die Hand ihr gibst in tiefster Lust,
Weil du schon lange mit ihr vertraut.

(Joachim Ringelnatz, Dorthin geh, wo die Andern nicht sind, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

Nachts in der träumenden Stille

Nachts in der träumenden Stille
Kommen Gedanken gegangen,
Nachts in der träumenden Stille
Atmet, zittert ein Bangen,
Nachts in der träumenden Stille,
Ratlose quälende Fragen.
Weit über alles Sagen
Kommen Gedanken gegangen,
Atmet, zittert ein Bangen
Nachts in der träumenden Stille.

(Gustav Falke, Nachts in der träumenden Stille, aus: Tanz und Andacht. Gedichte, 1893, Online-Quelle)

Die Stille

Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände –
hörst du: es rauscht …
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider
und auch das ist Geräusch bis zu dir,
hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder …
… Aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Athemzügen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.

(Rainer Maria Rilke, Die Stille, aus: Das Buch der Bilder, 1906, Online-Quelle; gesprochen im Rilke-Projekt von André Eisermann, hört rein, wenn ihr könnt!)

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt heil und heiter in und durch die neue Sommerwoche!

 

30 Kommentare zu “Vom Sein in der Stille

  1. Liebe Christiane,
    Ringelnatz und Rilke gefallen uns fast immer. Witziger Weise kennen wir Gustav Falke von den Stollwerk-Sammelbildern. Dieses sein Gedicht kannten wir jedoch nicht.
    Schön hast du die Texte und das Bild kombiniert. Danke fürs Teilen
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    Gefällt 1 Person

    • 😉 Du meinst, dass die Tatsache zu selten betont wird, dass Rilke (auch) ein begehrender Mann war, nicht nur ein Dichter? Rilke hat häufig Damen bedichtet, und sein Verhältnis zu ihnen war mit Sicherheit nicht immer nur platonisch 😁
      Kommt vielleicht auch darauf an, welche Ebene des Gedichtes man liest. Dass es sie gibt, würde ich nie bestreiten 🤔😉😁
      Morgenkaffeegrüße aus Hamburg 😁⛅🌼🐦☕🍪👍

      Gefällt 2 Personen

  2. (Ohne Begehren gäbe es nur wenige Liebesgedichte *lächel*)
    Der Rilke, ach ja, wie zweischneidig ist mein Verhältnis zu ihm, wenn ich nur diese eine Zeile lese oder höre:
    Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände
    dann weiß ich schon, das kann NUR Rilke sein,

    aber da ist auch der Ringelnatz mit seinem Titel
    Dorthin geh, wo die Andern nicht sind
    Wie sehr spricht er mir da aus dem Herzen und er weiß, nicht einsam ist es dort, denn dort ist die Stille, aus der er schöpft …, die er kennt und die ihm innig vertraut ist.

    Falke ist aber auch noch da und ich mag ihn sehr.

    Liebe Grüße von Bruni an Dich

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Der Dienstag dichtet, Stille – wortverdreher

  4. Liebe Christiane,
    Falke kenne ich nicht und zwischen Ringelnatz und Rilke kann ich mich nicht entscheiden.
    Was mir heute aufgefallen ist (bei Rilke): schon als ich die zweite Zeile las, dachte ich „das ist Rilke“. Für diese ERkenntnis danke ich dir – du hast mir so viel mehr TExte von ihm nahegebracht, als ich kannte.
    Liebe Grüße
    Judith

    Gefällt 1 Person

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