Vom Wald und Bäumen

Meer und Wald

Draußen das bewegte Meer,
Ruheloses Tosen, Schäumen,
Hier im Walde ringsumher
Tiefer Frieden unter Bäumen.

Liebst Du Kampf und Streiteslust,
Mußt Du an dem Strand verweilen,
Gram und Sorgen in der Brust
Werden in dem Wald verheilen.

(Otto Bauer, Meer und Wald, aus: Sommerfrische, Online-Quelle)

Nur eine Stunde im grünen Wald

Nur eine Stunde von Menschen fern,
Nur eine einzige Stunde!
Statt der tönenden Worte des Waldes Schweigen,
Statt des wirbelnden Tanzes der Elfen Reigen,
Statt der leuchtenden Kerzen den Abendstern,
Nur eine Stunde von Menschen fern!

Nur eine Stunde im grünen Wald,
Nur eine einzige Stunde!
Auf dem schwellenden Rasen umhaucht von Düften,
Gekühlt von den reinen balsamischen Lüften,
Wo von ferne leise das Echo schallt,
Nur eine Stunde im grünen Wald!

Nur eine Stunde im grünen Wald,
Nur eine einzige Stunde!
Wo die Halme und Blumen sich flüsternd neigen,
Wo die Vögel sich wiegen auf schwankenden Zweigen,
Wo die Quelle rauscht aus dem Felsenspalt,
Nur eine Stunde im grünen Wald!

(Auguste Kurs, Nur eine Stunde im grünen Wald, aus: Epheublätter, 1854, Online-Quelle)

Blühende Bäume

Was singt in mir zu dieser Stund
Und öffnet singend mir den Mund,
Wo alle Äste schweigen
Und sich zur Erde neigen?

Was drängt aus Herzensgrunde
Wie Hörnerschall zutag
Zu dieser stillen Stunde,
Wo alles träumen mag
Und träumend schweigen mag?

An Ästen, die sich neigen,
Und braun und dunkel schweigen,
Springt auf die weiße Blütenpracht
Und lacht und leuchtet durch die Nacht
Und bricht der Bäume Schweigen,
Daß sie sich rauschend neigen
Und rauschend ihre Blütenpracht
Dem dunklen Grase zeigen!

So dringt zu dieser stillen Stund
Aus dunklem, tiefem Erdengrund
Ein Leuchten und ein Leben
Und öffnet singend mir den Mund
Und macht die Bäum erbeben,
Daß sie in lichter Blütenpracht
Sich rauschend wiegen in der Nacht!

(Hugo von Hofmannsthal, Blühende Bäume, aus: Die Gedichte 1891–1898, Online-Quelle)

Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz

Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz,
an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen;
du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen,
du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen,
du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen,
du dunkles Netz,
darin sich flüchtend die Gefühle fangen.

Du hast dich so unendlich groß begonnen
an jenem Tage, da du uns begannst, –
und wir sind so gereift in deinen Sonnen,
so breit geworden und so tief gepflanzt,
daß du in Menschen, Engeln und Madonnen
dich ruhend jetzt vollenden kannst.

Laß deine Hand am Hang der Himmel ruhn
und dulde stumm, was wir dir dunkel tun.

(Rainer Maria Rilke, Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz, aus: Das Buch vom mönchischen Leben, in: Das Stundenbuch, 1899, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt gut und leicht in und durch die neue Sommerwoche! 😀

 

38 Kommentare zu “Vom Wald und Bäumen

    • Ich kenne beides. Dass ich ganz ruhig werde, weil ich in der Bewegung in dem „Tosen und Schäumen“ oder der glatten See aufgehe, oder in der Stille und Majestät des Waldes, dem ruhigen Rauschen und dem gedämpften Licht. 🤔🙂
      Ich kann nachvollziehen, dass er das Meer „streitlustiger“ findet, glaube aber, ehrlich gesagt, dass er da etwas nach außen projiziert 😉
      Hier regnet es auch immer wieder mal. Der Fellträger schläft drin 🐈
      Morgenkaffeegrüße zurück 😁💦🌼🌳☕🍪👍

      Gefällt 2 Personen

  1. Deine Gedichtauswahl erinnert mich an den Wechsel, was Wald ist, als meine Eltern und ich 1953 aus dem Harz in den Taunus zogen. Das war doch kein Wald dieser Taunus: ich kannt ihn nur dunkel, still ,ohne Vogelgezwitscher, allenfalls ein Bächlein plätscherte und jetzt das: lichtdurchflutet, angefüllt mit Geräuschen und so hell mit Bäumen, die ich alle nicht kannte. Ein Bäumebuch mußte her und ich sammelte Blätter und preßte sie. Ein Wanderfreund bin ich nie geworden, meine Eltern liefen jedes Wochenende stundenlang mit mir durch den Wald, jeder gewachsene Zentimeter verschwand wieder, kein Wunder, dass ich nie über 1.60m hinaus kam -:)))
    Dir wünsche ich auch eine schöne Woche und es grüßt Dich herzich Karin vom Dach

    Gefällt 5 Personen

    • Das freut mich sehr, liebe Karin, dass meine Gedichtauswahl solche Erinnerungen hervorruft! 😁👍
      Ja, Wald ist nicht gleich Wald, der Charakter der Landschaft ist unterschiedlich, und das hängt nicht unbedingt nur davon ab, ob es Laubwald, Nadelwald oder Mischwald ist.
      Ich bin ja auch in einer Waldgegend aufgewachsen und bewege mich hier begeistert im Wald und am Fluss und freue mich über all die neuen Eindrücke 😁
      Regnerische Morgenkaffeegrüße auf dein Dach 😁💦🐈🌼🌳☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

    • Dann muss ich der Vollständigkeit halber unbedingt nachtragen, dass es auch im Rilke-Projekt vertreten ist (III – Überfließende Himmel), vertont/gesungen von Xavier Naidoo.
      Freut mich, dass es bei dir verfängt! 😉
      Abendgrüße 😁✨🍷🥨🧀👍

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  2. Eine überaus grandiose Auswahl, liebe Christiane!
    Das erste schon so gut und dann geht es weiter mit Auguste Kurs, deren Name mit so unbekannt ist wie ein tiefer dunkler Tannenwald, aber die Worte hell und klar und sehr fein formuliert.

    Hoffmannsthal – ich mag ihn einfach und dann Rilkes bekannte Zeile zum Ende seines durch das Rilke Projekt so sehr bekannten Gedichtes: Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz :

    Laß deine Hand am Hang der Himmel ruhn

    Ich höre diese eine Zeile, wenn alles still ist und ich die Augen schließe. Irgendwie hat sie sich mir eingebrannt.

    Begeisterte Grüße zum trüben Dienstag von Bruni an Dich

    Gefällt 1 Person

    • Der Rilke: Falls du das Gedicht erst durch das Rilke-Projekt kennengelernt hast, dann hast du jetzt vermutlich auch die Stimme im Ohr, richtig? 😉 Ich fand auch, dass sie sich einprägt.
      Auguste Kurs (von 1849!) ist ein echter Zufallsfund, Hofmannsthal spricht für sich, und Otto Bauer hat genau die Überlegungen hervorgerufen, die ich mir gewünscht hatte 😉
      Ganz herzliche Mittagskaffeegrüße aus dem regnerischen Hamburg 😁🌧️🌼🌳☕🍪👍

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  3. Die letzten zwei sind fast schon hypnotisch mit dem Zeilenrhythmus, da wird man fast in den Wald hineingesogen, um gleich mal beim unheimlichen Wald zu bleiben… 🙂 Ich kannte keines der Gedichte und mag sie bis auf das erste alle. Das erste ist mir zu….zu… moralisch irgendwie.
    Ich bin mit Wiesen aufgewachsen, der Wald kam erst mit einem Umzug in die Nähe eines Waldes. Jetzt mag ich ihn sehr, aber Wiesen sind auch etwas sehr schönes… und die Wiesen vor dem Wald, kurz bevor der Wald anfängt, die sind auch sehr schön. Um mal mit Pu zu sprechen. 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Pu ist sowieso der Größte! ❤️
      Und „schön“ ist eine völlig ausreichende Beschreibung 😁
      Ich mochte/mag diesen Sog auch. Rilke halt. Und Hofmannsthal kann wirklich was … 😉
      Müde Nachtgrüße 🥱✨🍷👍

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    • Ich empfinde den Hofmannsthal als stilistisch und rhythmisch am schönsten, und zugleich ungeheuer dicht und kraftvoll. Wundert mich nicht, dass du da mitschwingst, liebe Gerda, und freut mich. 🌳🧡🌼
      Nachtgrüße 😁🌧️🍷🥨🧀👍

      Gefällt 1 Person

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