Vom Lesen und dem Buch

Schrifften.

Man schilt die schwartze Kunst: Ich halte viel von jhr;
Dann durch die schwartze Schrifft kümmt Kunst auff weiß Papier/
Und vom Papier ins Haupt/ und so fort für und für.

(Friedrich von Logau, Schrifften, aus: Salomons von Golaw deutscher Sinn-Getichte drei Tausend, Desz andren Tausend achtes Hundert, 49., entstanden 1650, Online-Quelle, Online-Quelle)

Das Bilderbuch

Von der Poesie sucht Kunde
Mancher im gelehrten Buch,
Nur des Lebens schöne Runde
Lehret dich den Zauberspruch;
Doch in stillgeweihter Stunde
Will das Buch erschlossen sein,
Und so blick ich heut hinein,
Wie ein Kind im Frühlingswetter
Fröhlich Bilderbücher blättert,
Und es schweift der Sonnenschein
Auf den buntgemalten Lettern,
Und gelinde weht der Wind
Durch die Blumen, durch das Herz
Alte Freuden, alten Schmerz –
Weinen möcht ich, wie ein Kind!

(Joseph von Eichendorff, Das Bilderbuch, Erstdruck 1837, aus: Gedichte (Ausgabe 1841) / 2. Sängerleben, Online-Quelle)

Der Leser

Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
das nur das schnelle Wenden voller Seiten
manchmal gewaltsam unterbricht?

Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,
ob er es ist, der da mit seinem Schatten
Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis

er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
was unten in dem Buche sich verhielt,
mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend
anstießen an die fertig-volle Welt:
wie stille Kinder, die allein gespielt,
auf einmal das Vorhandene erfahren;
doch seine Züge, die geordnet waren,
blieben für immer umgestellt.

(Rainer Maria Rilke, Der Leser, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1918, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt alle gut und heil in und durch die neue Woche! 😀

Update Adventüden 2021: Höchst erfreuliche 11 Etüden haben mich bisher erreicht! Bitte gerne weiter so!

 

42 Kommentare zu “Vom Lesen und dem Buch

    • Ich bin noch auf der Suche nach mehr, und das erweist sich als schwieriger als erwartet. Ich hätte gedacht, dass Poeten sich mehr mit ihren Lesern beschäftigen würden. 😁
      Guten Abend, Barbara! 😁☁️🍷🥨🧀👍

      Gefällt mir

  1. Ich hab nun alle drei mehrmals gelesen und tat mich mit allen dreien schwer, aber dann las ich den Herrn Logau noch einmal und siehe da, hier fand ich das, was ich auch empfinde und deshalb so gerne lese. Vom Papier in den Kopf und da bleibt es ein Weilchen oder auch für länger und manchmal sogar für immer…
    Ich hab eben mal nachgesehen und stelle fest, ich habe mindestens 5 x über das Lesen geschrieben 🙂 und ich bin verblüfft *g*
    Liebe Grüße in die Navht von Bruni

    Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Christiane,
    ja, eine sehr andere Auswahl, da hast du recht.
    Mir hat es der Logau sofort angetan – kurz und knackig und auf den Punkt. Also das, was jede Leserin und jeder Leser kennt.
    Beim Rilke bin ich – vor allem – von der ersten Strophe fasziniert. Dieses Ein- und wegtauchen in ein Buch, das nur vom Blättern unterbrochen wird, das kenne ich gut.
    Danke dir für die spannende Auswahl.
    Liebe Grüße
    Judith

    Gefällt 1 Person

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