Von Abgründen

Verwandte

Ihr seid beleidigt, weil ich nicht
Gerührt in Eure Arme stürze
Und das Verzeihungs-Arangement
Mit keiner Reuescene würze.
Ich flehte nicht, Ihr selber seid
Nun plötzlich gnädig mir gewogen;
Doch legt die Gnadenmienen ab,
Schaut, welche Kluft Ihr einst gezogen.
Setzt nur herüber kühnen Sprungs,
Seid einmal menschlich-unbesonnen. …
Brecht Ihr auch das Genick dabei,
Hat Welt und Hölle nur gewonnen.

(Ada Christen, Verwandte, aus: Aus der Asche (Neue Gedichte), 1870, Online-Quelle)

König David

Lächelnd scheidet der Despot,
Denn er weiß, nach seinem Tod
Wechselt Willkür nur die Hände,
Und die Knechtschaft hat kein Ende.

Armes Volk! wie Pferd und Farr’n
Bleibt es angeschirrt am Karr’n,
Und der Nacken wird gebrochen,
Der sich nicht bequemt den Jochen.

Sterbend spricht zu Salomo
König David: »Apropos,
Daß ich Joab dir empfehle,
Einen meiner Generäle.

Dieser tapfre General
Ist seit Jahren mir fatal,
Doch ich wagte den Verhaßten
Niemals ernstlich anzutasten.

Du, mein Sohn, bist fromm und klug,
Gottesfürchtig, stark genug,
Und es wird dir leicht gelingen,
Jenen Joab umzubringen.«

(Heinrich Heine, König David, aus: Romanzero. Gedichte, 1851, Online-Quelle
Farre = junger Stier (mhd.))

Gewohnheit

Als Kain den Abel umgebracht,
Zum Himmel dampft das Blut.
Es ward ein starker Lärm gemacht,
Und Gott geriet in Wut.

Die Engel wurden watschelnass,
So haben sie geflennt.
Und Gott hat Kain im grimmen Hass
Ein Zeichen aufgebrennt.

Dann jagte man den Frevler fort;
Fluch folgte ihm und Hohn.
Man sieht, der erste Brudermord
Erregte Sensation.

Doch man gewöhnt sich jetzt zuletzt
Auch an ein solches Ding;
Worüber man sich erst entsetzt,
Schätzt später man gering.

Man hat hernach im großen Stil
Die Menschen umgebracht.
Ein Tausend um das andre fiel.
Das wird noch heut’ gemacht.

Jedoch von oben hört man nichts,
Und keine Stimme tönt,
Die Stimme, die einst angesichts
Des ersten Mords gedröhnt.

Im Gegenteil, der Priester fleht
Und bittet Gott um Sieg,
Wenn es zum großen Morden geht.
Und heilig heißt der Krieg.

(Ludwig Thoma, Gewohnheit, aus: Peter Schlemihl, 1906, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt gut und heil durch die neue Woche!

Adventüden: 21 (fast 22, fragt nicht) sind bisher eingetroffen. Alle, die eine Adventüde zugesagt haben: Kommt mal so langsam in die Puschen, bitte! 😉

 

24 Kommentare zu “Von Abgründen

  1. Das sind ja schwere Kaliber diesmal, tolle Fundstücke, alle drei, und es schaudert einen vor den Abgründen, die sich da auftun – selbst wenn sie in so gefälligem Reim daherkommen. Wie Frömmigkeit erst mit familiärer Ausgrenzung, dann mit Mordlust und schließlich mit dem veralllgemeinerten Brudermord in Kriegen zusammengeht – das wird uns in deiner hervorragend angeordneten Dreierreihe vor Augen geführt.
    Mögen dir weniger abgründige Gedanken die Woche versüßen! Gerda

    Gefällt 3 Personen

    • Einmal ist es das Zwischenmenschliche, dann die Judikative (der König als Vertreter), schließlich die „Theokrative“ … 😒
      Nichts ist neu. Wirklich nicht. 🤔😏
      Auch dir wünsche ich eine friedliche Woche! 😁
      Montagmorgenkaffeegrüße 😁⛅🌻🌳☕🍪👍

      Gefällt 3 Personen

      • Dankee, ja, so hab ichs auch wahrgenommen: als Steigerung und Verallgmeinerung der menschlichen Abgründe. (Abyssos i anthropini psychi“ „Ein Abgrund die menschliche Seele“ sagte mal ein hier sehr bekannter Strafverteidiger. Kommt mir immer mal in den Sinn).

        Gefällt 3 Personen

  2. Uff, was hast Du denn da entdeckt. Abgründiges in Reimen und wenn ich mich so durch die Zeilen lese, dann bleibe ich beim Ludwig Thoma hängen und seiner letzten Strophe, zu der ich heftig nicke:
    Im Gegenteil, der Priester fleht
    Und bittet Gott um Sieg,
    Wenn es zum großen Morden geht.
    Und heilig heißt der Krieg.

    Schlimmer gehts doch nimmer…

    Verblüffend, was Du alles so findest, liebe Christiane.

    Schlaf trotzdem gut und trink jetzt keinen Kaffee mehr, lieber einen rubinroten Rotwein für die nötige Bettschwere 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Ja, und alles keine Erfindung von heute. Thoma = gut 100 Jahre alt, die beiden anderen noch mal gut 50 Jahre drauf. Was lernen wir aus der Geschichte? Düster.
      Übrigens hat sich Thoma in seinen letzten Jahren zu einem schlimmen Kriegsbefürworter gewandelt, um das Maß vollzumachen, lies mal bei Wikipedia.
      Da hilft wirklich nur Rotwein, und eigentlich nicht mal mehr der.
      Nachtgrüße 😏☁️🍷🥨🧀👍

      Gefällt 1 Person

  3. Uh, die sind aber rabenschwarz! Das erste gefällt mir, das ist sehr konsequent und man merkt, wie sehr die Ausgrenzung vorher geschmerzt haben muss. Und die anderen zwei… ach ja, Menschen können sehr gemein sein. Und ich fasse es immer nicht, wie schnell wir wieder nah an Kriege kommen, obwohl alle doch die Vorteile des Friedens sehen.
    Abendgrüße (mit Krähengekrächz)! 😊

    Gefällt 1 Person

    • Bei Kriegen denke ich inzwischen, dass man gezielt fragen muss, wem es nutzt. Finanziell. Müssen keine Staaten sein.
      Unsere Regierungen sind auch nicht besser als irgendwelche Verwaltungen in Science-Fiction-Filmen, das denken nur wir, hehr und gutmenschig wie wir sind. Ich ja auch. Böse sind immer die anderen.
      Ich war sehr beeindruckt, wie alt die Gedichte alle sind und wie aktuell trotzdem …
      Nachtgrüße! 😁🧡🍷✨👍

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