Ein Geschenk | abc.etüden

Ich kenne den Blick. Er soll mir suggerieren, dass ich etwas unglaublich Wertvolles übersehe. Ich kenne aber auch den, der so guckt. Hm.
Außerdem ist es früher Morgen. Also, ziemlich früh.

Ein Geschenk? Bestimmt. Ist hier irgendetwas anders als sonst? Nein. Dann muss er es versteckt haben.

»Soll ich suchen?«, frage ich und sehe diesen erwartungsvollen Glanz in seinen Augen. Okaaaaay. Also mustere ich das Regal – nichts – und umrunde das sperrige Sofa. Bingo!

Da liegen sie: DREI Leichen in, äh, unterschiedlichen Zuständen der Vollständigkeit. Ich wusste es doch. Wahrscheinlich haben sie nicht geschmeckt.

Und das vor dem ersten Kaffee.

»Oha, da hast du heute Nacht ganz im Verborgenen aber eine ordentliche Strecke gemacht, mein Geheimkünstler«, lobe ich ihn. Schnurrend kommt er an, stößt seinen Kopf gegen mein Bein und streicht daran entlang. Ich kraule den getigerten Pelz. Ohne jeden Zweifel ist jetzt eine Belohnung fällig.

»Na, dann komm mal mit in die Küche, dann gebe ich dir was«, seufze ich und nehme auch gleich die Utensilien mit, um die Spuren der Großwildjagd zu beseitigen. Ich muss dran denken, fürs Erste die Katerklappe zu verriegeln, das war schon das dritte Mal in zwei Wochen, dass er etwas hereingebracht hat, und man weiß nie, ob nicht doch eine nur halb tote Beute dabei ist und demnächst in einer Ecke vor sich hin rottet.

Den Schrecken der Mäuseschaft (Vögel sind zum Glück meist zu schnell, er wird ja auch älter) interessiert das alles freilich nicht mehr. Er hat sich den Bauch vollgeschlagen und schläft auf dem Sofa den Schlaf des Gerechten.

 

abc.etüden 2021 40+41 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by krakenimages on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 40/41.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Yvonne mit ihrem Blog umgeBUCHt. Sie lauten: Geheimkünstler, sperrig, suggerieren.

Jaaaa, eine Kattitüde mal wieder! Die könnte sich sogar hier abgespielt haben, wenn 1. ich eine Katzenklappe hätte (aus den in der Etüde erwähnten Gründen nicht) und 2. der Herr Fellträger tatsächlich in einer derartigen Frequenz Mäuse erbeuten würde, aber momentan ist es nachts draußen eher ruhig und morgens steht nur ein hungriges Pelztier vor der Tür, das kräftig anfängt, Winterfell zu entwickeln.
Schlafen kann er allerdings wie gemalt.

Kleine Zwischendurch-Etüde ohne größeren Anspruch, ich hab einfach zu viel um die Ohren.

 

53 Kommentare zu “Ein Geschenk | abc.etüden

  1. Ich auch!!!!!! -:))) meiner hat schon lange nichts mehr erbeutet, jede Schmetterling, jede Fliege ist ihm wahrscheinlich zu anstrengend und Fledermäuse gab es dieses Jahr wenig -:)) Aber Winterfell und dickes Bäuchlein – das nimmt täglich zu und ich bin froh nach seiner Magersucht im Frühjahr.
    Ich wünsche Euch beiden einen gemütlichen Vormittag – er wahrscheinlich faul und Du fleissig – lieber Gruß vom kühlen Dach, Karin

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    • Genau 😉 Ich mache gerade Multitasking – kraulen und tippen 🐈
      Hier liegt in unregelmäßigen Abständen etwas vor der Tür, aber es war recht wenig dieses Jahr, und zum Glück keine Vögel.
      Morgenkaffeegrüße auf das kühle Dach, hier ist es auch frisch 😁🐈⛅☕🍪👍

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  2. Dem Schrecken der Mäuseschaft sei die wohlverdiente Ruhe gegönnt. Ich fühlte mich bei deiner Etüde an meine Stubentigerin erinnert, die mir immer ihren Stofftier-Igel als Beute vor die Füße legte. Unvergesslich, danke für die Erinnerung 🙂

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  3. Unsere Zulaufkatze legt uns auch regelmässig etwas vor die Tür: Mäuse-Galle und -Magen, Vögel wie Kleiber und Meisen und gestern zum zweiten Male einen Hermelin.
    Aber rein darf sie bei uns nicht. Aber sie kommt regelmässig, um ihr Futter zu holen und ab und zu „dankt“ sie es denn mit den kleinen Geschenken.

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  4. Göttlich, hätte ich fast gesagt, aber ganz soooo weit möchte ich nicht gehen 🙂 . Spaß beiseite, Deine Kattitüde ist einfach bildschön, liebe Christiane. Ich sehe die drei Leichen in *unterschiedlichen Zuständen der Vollständigkeit* *g* genau vor mir. Da ist meine Fantasie sehr lebhaft und ich erinnere mich, aber das Schlimmste waren die armen doch noch Lebenden.

    Mein allererster Kater mit dem schönen Namen Fritz, ein echter Prachtkerl, brachte wirklich große Beute. Jeden Morgen eine wohlgenährte Maus und mausetot. Daran gab es nix zu rütteln 🙂 Immer auf der Fensterbank, nie irgendwo anders…
    Viel Freude gab es mit den Katzen, aber auch tatsächlich viel Leid. Langweilig war es nie. Ich vermisse sie alle, jede in ihrer eigenen Eigenart.
    Liebe Grüße zum späten Abend von Bruni an Dich

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  5. Ach weiß schon, warum ich KEINE Katze habe 😉
    (Bin ich eigentlich die einzige Etüdenschreiberin ohne?)
    Andrerleuts Katzen kann ich schon gern haben.
    Als mein Sohn noch sehr klein war, haben wir mal für die Katze meiner Mutter eingekauft. Ich las ihm die verschiedenen Geschmacksrichtungen auf den Dosen vor und er fragte „Und wo ist mit Maus?“

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    • Dein Sohn ist genial 😉🐁
      Gute Frage, du bist auf jeden Fall in der Minderheit, glaube ich. Myriade hat auch keine, glaube ich. Bei einigen weiß ich es nicht …
      Meiner würde „Maus“ bestimmt auch vorziehen, vorhin habe ich ihn schwer beleidigt, weil ich ihm kein Huhn (gewürzt!) abgeben wollte. Er schmollt immer noch. 😾😼
      Nachtgrüße 😉🍷✨🐈🧀👍

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    • Ja, Geschichten mit und über den Fellträger gehen immer ziemlich einfach. Ich hatte letzte Woche einfach zu viel um die Ohren, um tief graben zu können. Und manchmal folge ich auch einfach so einem Schreibimpuls, über den ich stolpere …
      Danke fürs Folgen! 😀
      Nachmittagskaffeegrüße! 😁🐈⛅☕🍪👍

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