Von der Sehnsucht

Ich sehne mich den ganzen Tag

Ich sehne mich den ganzen Tag
Nach einer Stunde Müßiggang,
Nach einem kleinen Winkelchen
Fern allem Lärm und Tagesdrang;

Nach einer Stunde, da mein Herz
Die schönen Worte ungestört
Und Alles, was du mir gesagt,
Süß im Geheimen wieder hört.

(Frieda Port (Info), Ich sehne mich den ganzen Tag, aus: Tagebuchblätter, in: Gedichte, 1888, Online-Quelle)

Erwacht

Warum hast du’s angerufen –
Schlief es doch so fest und still!
Da es nun in mir erwachte,
Weiß ich nicht, was werden will!

Mit den großen Sehnsuchtsaugen
Schaut’s in jeden Tag hinein …
Lieder sing’ ich, müde Lieder,
Doch es schläft nicht wieder ein!

(Anna Ritter, Erwacht, aus: Es grub der Tod ein Kämmerlein, in: Befreiung, 1900, Online-Quelle)

Abendstimmung

Glühendrot der Sonnenball
will ins Meer versinken,
und die Fluren überall
Tau und Frieden trinken;
leise wiegt die Knospe sich
an dem braunen Zweige . . . .
Traumhaft kommt sie über mich,
Sehnsucht tief und wunderlich,
geht der Tag zur Neige.

(Clara Müller-Jahnke, Abendstimmung, aus: Alte Lieder, in: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

Meine Sehnsucht …

Meine Sehnsucht ist ein dunkles Boot,
Löst vom Strande sich im Abendrot.

Deine Sehnsucht ist ein weißer Schwan,
Mondenschimmer ruht auf seiner Bahn.

Einmal finden auf der blauen Flut
Sich die beiden. Dann ist alles gut …

(Ernst Goll (Wikipedia), Meine Sehnsucht …, aus: Im bitteren Menschenland: Das gesammelte Werk, 1914, 2012, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Stimmungsding, kein konkreter Anlass. Kommt gut und heil in und durch die neue Woche! 🙂

 

48 Kommentare zu “Von der Sehnsucht

    • Ich finde absolut nicht, dass man Gedichte in Bausch und Bogen mögen muss. Ich bewege mich mit meiner Auswahl meist auf dem schmalen Grat zwischen gefühlt unerträglich, was die Formulierungen/Wortwahl angeht und verboten, weil das Urheberrecht greift. Von daher freue ich mich immer, wenn „meine“ Gedichte auf Gegenliebe stoßen 😁🧡👍
      Ingwer ist fein!
      Trotzdem Mittagskaffeegrüße 😉🌥️☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

  1. Ein genuin weibliches Gefühl scheint da mitzuschwingen. Außer dem Goll sind es Dichterinnen, die sprechen, und auch Goll kennt ein weibliches Gegenstück zu seinem „dunklen Boot“. So ist es wohl erlaubt, das altbekannte Sehnsuchtslied der Mignon (aus Goethes „Willhelm Meisters Lehrjahre“) mitklingen zu lassen:

    Nur wer die Sehnsucht kennt
    Weiß, was ich leide!
    Allein und abgetrennt
    Von aller Freude,
    Seh ich ans Firmament
    Nach jener Seite.

    Ach! der mich liebt und kennt,
    Ist in der Weite.
    Es schwindelt mir, es brennt
    Mein Eingeweide.
    Nur wer die Sehnsucht kennt
    Weiß, was ich leide!

    Gefällt 2 Personen

  2. Goethe ist zu anders 🙂
    So ähnlich hätte ich mich auch aus der Affäre gezogen, liebe Christiane, aber eigentlich hat Gerda vollkommen recht, er war größer, nicht vollkommener, aber eben anders 🙂
    Tja, wer die Sehnsucht nicht kennt …
    Zu beschreiben ist sie eigentlich nicht, aber wie oft zu fühlen, diffus und im Hintergrund und dann wieder brennend heiß und schon fast im Hals steckend… und wir schlucken…

    Von den vieren mag ich zwei am allerliebsten, Frieda Port, weil ich so gut nachvollziehen kann, was sie sagt und dann Erich Goll, weil er haargenau den richtigen Punkt trifft und wunderschön formuliert.

    Liebe Grüße zum Abend von Bruni an Dich

    Gefällt 2 Personen

    • Die Zeit war zu anders 😉
      Goethe war/ist ein Platzhirsch, neben ihm besteht sehr wenig. Das ist ein bisschen wie mit Rilke, dagegen kommt auch wenig an – in meinen Augen. Leider finde ich es nicht fruchtbar, sie nebeneinander zu stellen.
      Frieda Port war meine Entdeckung für diese Woche; und ich glaube, bei Anna Ritter müsste ich auch mal weiterlesen.
      Liebe Grüße zurück und einen schönen Abend, liebe Bruni! 😀

      Gefällt 1 Person

  3. Frieda Port schreibt vom In-Ruhe-sein, füllt diese IHRE Stunde dann auch gleich im Geiste mit den Worten ihres Liebsten.
    Nun denn, in dieser Stunde klingen die dann nochmal nach…der Urheber der Worte hat sie vielleicht schon vergessen, aber was kümmert es die Autorin.
    Einmal in die Welt gesetzt, sind sie fest und eisern und vergehen nie.
    Vielleicht sogar 50 Jahre später tauchen sie wieder mal auf und bestärken das Gefühl, … dass man nicht umnsonst gelebt hat.

    Gefällt 1 Person

  4. Liebe Christiane, mir gefällt besonders, dass du dieses Mal drei Frauen hast zu Wort kommen lassen, die mir unbekannt sind.
    Gestern sah ich zwei Teile einer Doku über Künstlerinnen, die in Vergessenheit geraten sind, bis auf wenige Ausnahmen kannte ich die meisten nicht.
    Kunstgeschichte, wie vielleicht auch Literaturgeschichte wurde von Männern geschrieben.
    Und ja … auch die Sehnsucht kennt viele Verse und Lieder, wohl der und dem, die zufrieden sind.
    Herzliche Abendgrüße, Ulli 💫

    Gefällt 1 Person

    • Frieda Port kannte ich selbst nicht, aber sowohl Anna Ritter als auch Clara Müller-Jahnke sind schon in den Montagsgedichten zu Wort gekommen, liebe Ulli. Aber du hast schon recht: Auf eine bekannte Frau kommen zwanzig oder mehr bekannte Männer. Es heißt, dass die Geschichte von den Siegern geschrieben wird, warum soll das in diesen Disziplinen anders sein? 🤔
      Gibt es Links zu der Doku, oder kam sie im TV? 😁
      Herzliche Abendgrüße zurück! 😁☁️✨🍷🍪👍

      Gefällt mir

Mit der Nutzung der Kommentarfunktion erklärst du dich mit der Verarbeitung deiner Daten durch diese Webseite bzw. WordPress (Wordpress.com, Gravatar, Akismet) einverstanden. Weitere Informationen findest du in meiner Datenschutzerklärung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.