Biedermeier beichtet (fast) | abc.etüden

Eine Kaffeetafel am Morgen.

»Wir müssen reden.«

»Müssen wir?«

»Ja. Ich halte es nicht mehr aus. Wenn ich sehe, wie unnormal fröhlich du in den letzten Wochen hier rumflötest, dann denke ich, dass du mir etwas verschweigst. Und ständig diese Treffen mit dieser ARBEITSGRUPPE! Ich wüsste gern, was es damit auf sich hat.«

Er denkt nach.

»Sag mal, kann es sein, dass du Angst hast, ich würde dich stinknormal niederträchtig betrügen?«

Sie schweigt.

»Schatz! O Gott, wirklich? Hey, das sollte ein Witz sein! Ich liebe dich!«

Sie lehnt sich zurück. Er glaubt, Tränen in ihren Augenwinkeln zu sehen.

»Okay. Heute ist unser Hochzeitstag. Das heißt, wir gehen später bei deinem Lieblingsonkel vorbei und gratulieren ihm zum Geburtstag, danach gehen wir schick essen, ich habe eine Überraschung für dich.«

Sie starrt ihn an.

»Du hast recht, da ist was im Busch, ich freue mich schon darauf, dir alles zu erzählen! Aber ich schwöre tausend Eide, es hat nichts mit dir zu tun! Es ist eine Überraschung zu unserem Firmenfest am Samstag, und ja, die Arbeitsgruppe ist nicht halb so langweilig, wie ich behauptet habe. Kannst du vielleicht noch zwei Tage durchhalten und mir glauben, dass ich immer noch derselbe Trottel bin, den du geheiratet hast, jedenfalls, was eheliche Treue angeht? Wir haben nämlich alle versprochen, auch privat zu schweigen. Okay, ich würde eine Ausnahme machen, weil du so unglücklich bist, aber …«

Sie nickt zögerlich und er bricht auf, nachdem er ihr noch tausendmal versichert hat, dass kein Grund zur Sorge bestünde. Vermutlich wird sie ihn nicht mal erkennen, wenn er kostümiert und geschminkt ist: Ihn hat der Tanzvirus erwischt, die Arbeitsgruppe probt unermüdlich. Historische Tänze in echten Biedermeier-Damenroben aus dem Theaterfundus. Er hat sich neu entdeckt, und er fühlt sich verwandelt, lebendig und höchst verrucht. Was sie wohl sagen wird?

 

abc.etüden 2021 42+43 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 42/43.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Heide mit ihrem Blog Puzzle❀. Sie lautet: Biedermeier, niederträchtig, flöten.

Fortsetzung von Die Lüge 😉

Ich habe wirklich lange gegrübelt, ob Olaf bei Hinterzimmer-Pokerpartys Haus und Hof verspielt hat oder bei seinen Kolleginnen den wilden Hengst gibt. Aber dann bin ich bei dem geblieben, was ich für wahrscheinlicher halte: Ja, ihm ist langweilig, er ist auf der Suche, aber das hat mit seiner Ehe nichts zu tun, und als ein Kollege diese Tanzgruppe auf die Beine gestellt hat, hat er sich überreden lassen mitzumachen und Feuer gefangen. Wir sind in Meiningen, erinnert euch an Biedermann aus der letzten Etüde, Meiningen ist für sein Theater (mitsamt Fundus) bekannt. Bisschen Crossdressing darf für das bürgerliche Prickeln da gerne rein.

Ilona hat mitgekriegt, dass sich was bei ihm verändert, dass etwas anders ist als sonst, und hat aus ihren eigenen Ängsten Gewissheiten geformt: Es kann nur daran liegen, dass sie zu »schlecht« ist und dass er eine andere hat. Wahlweise ist er niederträchtig, kennt man ja.

Euch ist aufgefallen, dass ihm sehr wohl bewusst ist, dass sie am Geburtstag eines ihrer Lieblingsmenschen geheiratet haben, weil man sich das so wunderbar merken kann? 😉

Schlechte Aussichten für die Beziehung? Na ja, ja und nein, denke ich. Auf jeden Fall sollten beide sehen, dass sie mehr miteinander als nebeneinander her leben, und auch ja, das ist viel leichter gesagt als getan.

Wem das zu leicht und zu geschwätzig geraten ist: Mein Leben ist gerade wenig heiter, ich bin froh, wenn ab und an mal ein Lächeln durchbricht und sich als Etüde manifestiert.

 

57 Kommentare zu “Biedermeier beichtet (fast) | abc.etüden

  1. Na dann hoffen wir mal, dass sie sich für ihn freut und ihn in seiner Tanzbegeisterung unterstützt, sobald sie davon erfährt. Eine sehr schöne Etüde und Dir wünsche ich hellere, freundlichere Tage mit viel Lächeln und gerne auch „geschwätzig-leichten“ (würde ich nie so bezeichnen 😉 ) Etüden, denn die machen nicht nur Dir, sondern auch Deine Lesern definitiv gute Laune! Herzliche Morgengrüße in den Norden! Barbara

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  2. Pingback: Die Lüge | abc.etüden | Irgendwas ist immer

  3. Walzer und Kontertänze also – soweit, so brav. Aber du hast recht: Menschen, die sich neu entdecken, begleitet man entweder, oder bleibt auf der Strecke. Auch die Anhänger der Mittelalter- und Steampunk-Szenen empfinden, dass sich ihre Persönlichkeit im Kostüm facettenreicher, wagemutiger und letztendlich erotischer fühlt. Dann wäre es wirklich gut, wenn seine Frau bald mit einbezogen wird, und Gelegenheit bekommt, ihre vielleicht etwas in Vergessenheit geratenen Reize ebenfalls im Stil des 19. Jhs. präsentieren zu können.
    Da wäre noch Luft für Teil 3, aber ich finde es gut, dass der weitere Verlauf an diesem möglichen Scheideweg hängenbleibt. So kann sich jeder nach eigener Phantasie den Fortlauf ausdenken.

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    • Hab Dank, das war die Richtung, in die meine Gedanken auch gingen. Die Krise, wenn man sie denn so bezeichnen will, geht nicht nur von ihr aus, primär reagiert sie, wenn auch falsch … 👍
      Ich plane keinen dritten Teil 😁
      Herzliche Morgenkaffeegrüße 😁🌄☕🍪👍

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      • Findest du? Ich würde mal die Hypothese aufstellen, dass Männer mehrheitlich relevante Veränderungen im Verhalten ihrer Frauen gar nicht wirklich mitbekommen und deshalb weiterhin glauben, alles wäre gut. Ich mag mich aber irren. Und allgemeingültige Aussagen sind ohnehin unzulässig. 🙂

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        • Die gibt es, klar. Es gibt aber auch die Kontrollettis, die wollen, dass alles nur um sie kreist. Das mag bei Männern anders ausgeprägt sein als bei Frauen, ist aber definitiv nicht nur Männer- oder Frauensache 😩
          Ja, ich weiß, wovon ich spreche. 😉

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  4. Männer und ihre Begeisterungen -;))), aber es wird neuen Wind in ihre Beziehung bringen, weil sie ihn so noch nicht kennt, sie sollte sich mit ihm zusammen neu erfinden, wenn sie Mut hat und nicht in ihrem Mißtrauen gefangen bleiben will.
    Habe das Bild von ihm geschminkt und biedermeierlich gedresst vor mir – irgendiwe wunderbar erheiternd und liebenswert.
    Herstsonnige Grüße ohne Nebel zu Dir – habe vorgestern mein Handy zerstört und musste in neues mit allem neu programmieren, war alles weg -:((((

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    • Ja, liebe Karin, das sollte sie tun, mitgehen, auf jeden Fall, wenn sie klug ist. Ich würde das zu gerne selbst sehen. Ich wäre bestimmt dabei 😉
      Dein Handy – auch alle Daten weg, Fotos etc.? Das ist sehr ärgerlich 😩😫
      Morgenkaffeegrüße auf dein Dach 😁🌄☕🍪👍

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  5. Liebe Christiane,
    ich wünsche dir, dass du trotz der schweren Zeit, die du andeutest, heute viele Gründe zum Lächeln finden kannst, und dass das Lächeln dann auch den Weg in dein Gesicht und zu deinen Mitmenschen findet. Und dann wieder zurück zu dir.
    Die Etüde ist zwar nicht dramatisch, aber ich finde, sie spricht ein wichtiges Paar-Thema ab: Sich Entwicklungsspielraum nehmen, einander diesen Raum zugestehen und sich wechselseitig daran teilhaben lassen. Ein schwieriger Balance-Akt…
    Stefan

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  6. Ganz schön raffiniert, Dein Schlenker zur Aussprache der beiden 🙂
    Na, dann ist es ja gut; er hat ein wundervolles Heilmittel gegen das gefühlte Altern entdeckt und es ist nichts, was sie weiter ängstigen müßte. Mißtrauisch sollte sie nun auch nicht mehr sein, er hat genug erklärt, damit sie ihm Glauben schenken kann.
    Ich bin zufrieden, obwohl doch ziemlich erstaunt, daß ich mich sooooo irren konnte 🙂 mit meiner Negativprognose.
    Ganz herzlich Bruni mit lieben Grüßen an Dich

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  7. Die Etüde ist leicht, aber keineswegs oberflächlich. Die Frau nervt mich dabei ungemein. Anstatt zu reden, schlussfolgert sie aus ihrem eigenen Gedankenkarrussell.
    Mir hat diese Etüde gefallen und ich hoffe, dass Du bald wieder rosigere Zeiten hast. Liebe Grüße, B.

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    • Mich nervt sie auch, ich habe aber auch Mitleid mit ihr. Eins ist allerdings sicher: Ich würde nie so lange warten und mich derartig selbst sabotieren.
      Wobei ich immer wieder höre, dass Männer den Satz „Schatz, wir müssen reden“ fürchten wie der Teufel das Weihwasser 😉
      Nachmittagskaffeegrüße 😁🌞🌳🍁🍂☕👍

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    • Feel free! 😉 Ich schreibe nicht mehr weiter, nicht vor den neuen Wörtern jedenfalls, du kannst also, wenn du magst.
      Bedingung, falls du auf seinen Auftritt eingehst: 1. Er hat Talent, soll heißen, er fällt nicht dumm auf, weil er derjenige ist, der sich immer falschherum dreht etc. 2. Er ist auch körperlich eher unauffällig, also weder ein Wrestler noch ein Würfel mit Kantenlänge 1,60 😉
      Bin gespannt! 😀
      Abendgrüße 😁✨🍷🧀👍

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  8. Der Schwiegersohn von unserer Nachbarin tritt schon seit Jahren in einer Männer-Bauchtanzgruppe auf. Geboren als Schnapsidee zur Faschingszeit werden sie immer wieder angefordert. Und das Publikum ist begeistert. Und er, der Willi, ist glücklich in seinem Tanzclub und bezeugt, dass ihm das außer Spaß auch viel in Richtung Selbstbewusstsein gebracht hat. Und seine Frau ist glücklich dabei, weil sie dann auch eigenen Dingen nachgehen kann, zu denen er wiederum weniger Begeisterung entwickeln kann. Win-win-Situation also.

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    • Finde ich klasse. So soll es sein, und Bauchtanz ist verdammt noch mal nicht so easy, wie man gerne denkt.
      Wenn der Kerl glücklich ist, ist die Frau glücklich, und wenn die Frau glücklich ist, ist der Kerl glücklich, denn dann hängt der Haussegen gerade … Win-win-Situation, wie du schon sagtest. 😁👍
      Herzlichen Dank!
      Morgenkaffeegrüße 😁🌄🌳🍂☕🍪👍

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  9. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 44.45.21 | Wortspende von wortverdreher | Irgendwas ist immer

    • Richtig! Da könnte durchaus noch das eine oder andere schlummern, wenn ein Mann plötzlich derartige Vorlieben entdeckt. Oder natürlich auch noch sehr viel anderes, völlig abseits davon 😁
      Abendgrüße 😁✨🍵🍪👍

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  10. Wie oberköstlich – wie spannend das Leben sein kann, wenn man die leisen Töne hört. Ich liebe Deine Weise zu betrachten und den Positionswechsel sehr. Sehr lebendig Deine Gedanken, die hinter der Geschichte stattfinden dürfen und dazwischen auch.
    LG Doro

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    • Danke dir! 🧡 Ich habe einfach die Geschichte aufgelöst, die ich in der Vorgänger-Etüde angerührt hatte. Und da ich keine Lust auf Drama hatte, habe ich mich für eine plausible, aber etwas abgedrehtere Auflösung entschieden. Freut mich sehr, dass du sie magst 😁
      Abendgrüße 😁✨🍵🍪👍

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  11. So, nun habe ich auch hierher gefunden. Keine schlechte Lösung und mbMn auch nicht unreal. Leben und leben lassen, ein jeder sollte seine individuellen Themen und Beschäftigungen haben, und dass sich Dinge entwickeln können, manches Mal auch überraschend, ist auch nicht neu.
    Warum kann das so sein? Ich würde dies als positive Entwicklung in einer Beziehung deuten wollen. Sagen wir mal, er kommt aus reglementiertem Elternhaus und findet in der Beziehung neue Freiheiten, traut sich und macht neue Dinge, die früher nicht möglich waren. Sie findet das dem Grunde nach klasse, hat ihn aber zurückhaltend kennengelernt. Da kann man weit zurückgehen und immer ist der Wechsel vom Elternhaus in eine Beziehung eine Sollbruchstelle, die man aktiv angehen sollte. So meine Spontananalyse…
    Aber jetzt hab ich zumindest mal Kopfkino….
    Schönen Nicht-Feiertag! 😉

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    • Und dann muss man vermutlich noch fragen, wie es um die Ehen der Eltern bestellt war, da die vermutlich die ersten Muster für Beziehungen abgegeben haben.
      Alles nicht so einfach, aber lohnend. 😉👍
      Danke! Schönen Feiertag weiterhin! 😁🧡⛅🍂☕🍪🍁👍

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