Der gute Ton | abc.etüden

Hör mal, ich muss dich mal was fragen.

Ja, Papa?

Also, es ist ein bisschen ein kitzliges Thema. Ich gehe doch immer in dieser Schrebergartensiedlung spazieren.

Ja?

Na ja, da ist eine ältere Dame, etwa mein Alter, mit der unterhalte ich mich gelegentlich.

Und?

Gestern auch wieder. Und als ich weitergehe, keift es lautstark hinter mir: »Kommst du wohl sofort wieder her, du Satansbraten!« Ich bin richtig zusammengezuckt!

Äh, Moment, sie hat doch bestimmt nicht dich gemeint?

Nein, sie hat einen Hund, so einen großäugigen, schnaufenden Pinscherspitzmops, ungefähr so breit wie hoch, der kläfft viel und haut wohl gerne mal ab.
Ich drehe mich um und sage scherzhaft: »Also, Verehrteste, wenn Sie mich derart liebreizend rufen, dann würde ich auch nicht zu Ihnen kommen wollen, egal, ob ich Mann oder Hund wäre.«

Oho! Mein Vater!

Und sie stiert mich an, mit einem so bösen Blick, dass ich mich frage, ob sie gleich mit einem ihrer Zierkürbisse nach mir schmeißt oder mich lieber direkt zur Schnecke macht.

Und der Hund?

War weg, und sie ist ihm dann hinterher. Aber ohne ein Wort. Glaubst du, ich sollte hingehen und mich entschuldigen?

Du meinst, du klingelst bei ihr und sagst: »Liebe Frau –« Wie heißt sie eigentlich?

Weiß nicht. Irgendwas mit Sch… Ich kann das Namensschild ohne Lesebrille nicht gut lesen, das ist so ein hingekrakeltes Töpferding, sieht teuer aus. Und einander vorgestellt haben wir uns bisher noch nicht.

Papa?

Ja?

Seit wann magst du Hunde?

Hm.

Willst du dich eigentlich wirklich entschuldigen?

Na ja, ich wollte echt nicht unhöflich sein, du kennst mich doch, aber eigentlich fand ich das unmöglich. Du hättest sie mal hören sollen! Dieser Tonfall! Der Hund tut mir leid.

Du solltest eine andere Strecke nehmen. Zumindest nächste Woche.

Du bist eine kluge Tochter. Gibt es noch Kaffee?

 

abc.etüden 2021 44+45 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Bee Felten-Leidel on Unsplash, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 44/45.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Christian mit seinem Blog wortverdreher. Sie lautet: Kürbis, kitzlig, krakeln.

Ein bisschen Wahrheit ist drin: Ich habe gestern tatsächlich auf meiner Teichrunde eine Frau ihren Hund so ankeifen gehört – ohne »Satansbraten« allerdings, weiß der Himmel 😉, wo der herkam – und der Hund hat sie souverän ignoriert. Das ist ohne Leine am Teich möglicherweise ein Problem wegen der Enten und so, aber ich war trotzdem auf der Seite des Hundes, und er hat sich auch tadellos benommen …

 

61 Kommentare zu “Der gute Ton | abc.etüden

  1. Ja, ich habe seit langem das Gefühl, dass wenn „die Welt“ von steigenden Sorgen umspült wird, steigen die „Hundedeiche“.
    Es gibt einen deutlichen Trend zum Zweit und Dritthund. Dabei zentrieren sich die Sorgen auf den Hund. Schon in den Super- oder Baumärkten wachsen die Hundeabteilungen und die Supermärkte „nur für den Hund“ werden auch immer größer.
    Ganz abgesehen von dem Gestank der Hunde/Katzenfutter produzierenden Fabrik in meiner Nähe. Aber wehe Sie sagen etwas: dann sind sie wahlweise ein Hundehasser, ein Katzenfeind oder gleich ein Schwein. Ja es wird echt tierisch.

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    • „Katzendeiche“ steigen auch, heißt es, vermutlich sind Hunde nur auffälliger. Übrigens sitzt ein bedenkenswert trauriger (weil großer) Teil davon schon wieder in den Tierheimen ein, wie man hört 🤬😭.
      Und ja, Nassfutter stinkt zum Himmel, ich erlebe das selbst, da mein Fellträger nicht nur Trockenfutter bekommt – wobei ich nicht weiß, ob das bei der Herstellung besser riecht. Aber ich möchte auch nicht in der Windrichtung von Schweine-/Rindermastanlagen leben … 🤔
      Ja, die Aggression/Aggressivität steigt, nicht erst seit der Pandemie, aber seitdem besonders stark.
      Morgenkaffeegrüße dennoch 😏🌥️🍁☕🍪🍂👍

      Gefällt 3 Personen

      • Die Menschen haben ja auch lange dort gelebt wo es nach ihnen sehr stark roch, als „Duft“ noch Heimatbestandteil war.
        Jedes Tier erzeugt eben seins. Nur in Hundekot tritt man am Häufigsten, während die Katzen „schlauer“ sind und ihren Scheiß (oft bei mir im Garten!) gut verbuddeln. Wenn man auf diesen trifft, dann ..o weh. PS: Schwein stinken für mich schlimmer als Rinder oder Pferde. Aber da hat eben jeder „seine“ Nase.
        Ich fordere die Pflicht-Paffümierung aller Tiere!:-))

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        • Ich habe gestern (ungelogen) in der Beschreibung von Katzenfutter für Wohnungskatzen gelesen, dass dort etwas zugesetzt sei, damit der Kot nicht mehr so stark röche. Was es nicht alles gibt. Tja. 🐈😼
          Viel Gestank entsteht durch die Haltungsform, gerade Schweine Schweine sind eigentlich als reinlich bekannt … 🐖

          Gefällt 5 Personen

      • Stimmt nicht: das Nassfutter, was meine Haika – gemischt mit Trockenfutter – bekommt, riecht eigentlich recht angenehm. Ich spreche da von Dosenfutter, z.B. von dm oder auch von Lidl.
        Wie es bei der Herstellung zugeht, das weiss ich allerdings nicht. Aber Schlachthöfe riechen auch nicht angenehmer oder die Zuichtställe für Puter, Gänse etc.

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  2. Aha. Da warst du heute schon sehrsehr früh unterwegs – ich würde Hundebesitzern sowieso nur gestatten, ihre Würschtln ausschließlich im Dunkeln Dreck machen zu lassen, den diese nicht gelernt haben zu vergraben, das dumme Volk – damit die Katzen tagsüber ungestört Enterln jagen können 😉 … Der Papa hat im Stillen bereits die gleiche Entscheidung getroffen, wie ihm die Tochter rät, scheint mir: Dissonanzen zeigen sich häufig bereits in der Klangfarbe der Artikulation, wenn Menschen sich äußern – mann sollte bedenkenswerte Schrillen im Ausdruck nicht unbedacht wegwischen…

    Gefällt 2 Personen

    • Werter Herr Olpo, du könntest mich inzwischen gut genug kennen, um zu wissen, dass ich nicht ohne zwingende Gründe vor Sonnenaufgang meine Teichrunde drehe – danke für die Besorgnis, aber der Grund war ein Denkfehler, als ich die Etüde gestern Abend für heute schrieb und plante. Ich habe das „heute“ unterdessen durch „gestern“ ersetzt 😉.
      Ansonsten stimme ich dir zu: Wie Menschen sich stimmlich äußern bzw. auch, wie sie verbal mit Tieren umgehen, kann äußerst bezeichnend sein. 🤔😁
      Morgenkaffeegrüße 😁🌥️🍁☕🍪🍂👍

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  3. Also Respekt vor dem Alter ist ja das eine, aber ich fand seine Reaktion ja eher eloquent und humorvoll. Sollte man sich dafür wirklich entschuldigen oder gar seine Route ändern. Vielleicht ist die Dame beim zweiten Mal ja vorbereitet und lässt sich auf einen spitzzüngigen aber wertschätzenden Wortwechsel ein.
    Morgenkaffeegrüße 😊☕️🌻🌼

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  4. Getöpferte Türschilder mit lustig gekrakelten bunten Buchstabenbildern im Zusamenspiel mit Zierkürbissen – das sind so bestimmte herbstliche Klischees von Eingangsbereichen hierzulande, bei denen ich sofort Bilder zu deiner Etüde vor Augen habe, von all den „eigentlich netten Leuten“.

    Gefällt 3 Personen

  5. Hihi, wunderbare Geschichte, liebe Christiane. Die Parfümierung der Menschen ist da auch noch so ein Thema…mir sind es oft zu viele sehr aufdringliche künstliche Mensch-Aufwertungsgerüche durch übermäßig beduftete Waschmittel, Weichspüler, After Shaves, Deos oder Parfum jeglicher Art an Körper oder Nahrungsmitteln…..brrrrrr…
    Liebe Grüße – plus Kaffee?
    Annette 🙂

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    • Der Ton macht die Musik, pflegte meine Mutter zu sagen, und sie hatte recht. Natürlich kannst du deine Katzen Mistviecher heißen, solange du ihnen das ins Ohr säuselst, werden sie es souverän ignorieren. 😼
      Hier/Mir ging es um das Aus-der-Rolle-Fallen, um mehr oder weniger gut versteckte Aggressivität – und welche Schlüsse hier der Herr Papa daraus zieht 😁

      Gefällt 2 Personen

    • Du meinst, hingehen, die Leine nehmen, sie der Person um die Ohren hauen und sagen: Bitte recht freundlich, und zwar ab sofort?
      Ja, man ist manchmal versucht, das zu wollen. Auch ja: Rumschreien bringt nie was. Und? Wer hält sich dran? 😏
      Morgenkaffeegrüße, liebe Bruni 😁☁️🍂☕🍪🍁👍

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  6. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 46.47.21 | Wortspende von Erinnerungswerkstatt | Irgendwas ist immer

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