Nachruf | abc.etüden

Man vergleicht Erinnerungen mit einem Museum – und für mich fühlt sich das falsch an. Museum, das sind für mich hübsch kuratierte Ausstellungen, vielleicht gespickt mit Kärtchen mit biografischen und sonstigen Details, und mit viel Glück beschränken sie sich nicht nur auf ein Medium. Audioguide nicht zu vergessen.

Aber niemand hat mich auf den wirren Haufen Gefühle vorbereitet, in den ich trete: deine Klugheit, deine Wärme, deinen Humor, deine brüske Schale, die das berühmte große Herz verbarg. »Schwierig« nannten dich viele, aber du hättest dein letztes Hemd für deine Freunde gegeben, obwohl du nie Geld hattest. Ich habe deine Stimme im Ohr aus vielen Stunden am Telefon, dein Lachen, gefürchtet und geliebt, das plötzlich aus dir herausbrechen konnte, ich kenne dich andächtig, wütend und schwelgerisch. Wir wussten voneinander, worunter wir litten, einiges zumindest, und ich werde darüber schweigen, es hat unsere Freundschaft vertieft, natürlich. Erinnerst du dich, dass wir gemeinsam unsere Mütter begraben haben, jede zu ihrer Zeit?

Du bist weg, und ich bin erschüttert. Die Frage überfällt mich immer wieder, ob ich mehr für dich hätte tun können, hätte tun müssen, ob ich versagt habe. Ich war an meinen Grenzen und du nicht nebenan, alles wahr, und trotzdem …
Leb wohl.
Möge dort, wohin du gegangen bist und woran du glaubtest, dein Los leicht sein.

 

abc.etüden 2021 46+47 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Muesli on Unsplash, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 46/47.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Heidi mit ihrem Blog Erinnerungswerkstatt. Sie lautet: Museum, biografisch, erinnern.

Autobiografisch? Ja und nein. Ich habe im Sommer wirklich eine Freundin verloren; aber getriggert wurde diese Etüde durch Gerda, die gestern auf ihrem Blog ebenfalls einen Verlust beklagt hat.

Ich finde es diesem Jahr angemessen, dass meine letzte »reguläre« Etüde einen Verlust beklagt. Möge das nächste wieder mehr Anlässe für fröhlichere Texte geben.

 

51 Kommentare zu “Nachruf | abc.etüden

  1. Als Etüde sehr gelungen und wirksam auf mich als Lesende, aber vermutlich auch beim Schreiben heilsam, sich in einem Moment mit Trauer bei schmerzlichem Verlust auseinanderzusetzen, in dem man nicht durch den konkreten Anlass verstummt wäre. Etwas man in Worte fassen zu können, hilft immer, finde ich.

    Gefällt 5 Personen

    • Ja, hilft immer, sehe ich auch so. Erstaunlicherweise habe ich sie einfach so herunterschreiben können. Okay, bisschen feilen tu ich immer …
      Scheint bis hierher über die letzten Monate gereift zu sein, ohne dass ich es bemerkt habe …
      Danke dir.
      Mittagskaffeegrüße 😁☁️🍁☕🍪👍

      Gefällt 3 Personen

  2. Liebe Christiane, ich stimme dir zu, auch für mich haben Erinnerungen nichts mit einem Museum zu tun, eher mit einem Labyrinth mit Wendeltreppen, mit Abgeschlossem und Offenem, so, wie du am Ende deiner Etüde die Frage stellst, ob du hättest mehr tun können …
    Herzliche Grüße
    Ulli unter dem grauen Nordhimmel mit Silberreiher im Garten

    Gefällt 6 Personen

  3. ein schöner Nachruf, Christiane . Ich empfinde, dass bei einem Verlust, also wenn ein Mensch endgülltig aus dem Leben geht, ein Riss in mir selbst entsteht, aus dem quellen so viele Erinnerungen hoch, die in irgendeiner Weise mit mir und diesem Menschen zu tun haben. In meinem Alter sind das ja schon sehr viele, ältere und auch jüngere. Das Gefühl, „mehr getan haben zu können“, habe ich eigentlich nie. Dafür aber ein anderes: dass ich diesen Menschen nicht tief genug gekannt habe, dass ich noch mehr hätte hinsehen müssen, damit ich seinen ganzen Reichtum erfasse. Das erzeugt dann dies Verlustgefühl.

    Gefällt 5 Personen

    • Was du einen Riss nennst, nenne ich eine Wunde, liebe Gerda … 🤔
      Das Gefühl, den Menschen besser gekannt haben zu wollen, kenne ich auch, und diese Frage nach „mehr getan haben zu können“ empfinde ich in diesem Fall als angemessen. Sonst bin ich damit auch eher zurückhaltend.
      Es ist, wie es ist. Danke dir. 🧡👍
      Ganz herzliche Nachmittagsteegrüße 😁☁️🍁☕🍪👍

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  4. Ein ehrlicher und guter Nachruf, liebe Christiane.
    Ich glaube, so kann man ihn erst schreiben, hier eben als Etüde, wenn eine Zeit vergangen ist und man viel über die Beziehung nachdenken konnte.
    Es ist gut zu merken, daß Du Dich damit auseinander gesetzt hast und nun genau weißt, wieviel Du wirklich verloren hast…

    Liebe Grüße von Bruni

    Gefällt 2 Personen

  5. Toll! | Museum. Ein Museum erreicht mich dann, wenn es ihm gelingt, die Exponate lebendig werden zu lassen, sie zu lebendigen Erinnerungen, kollektiven oder individuellen, werden. Wenn der Museumsbesuch Teil der eigenen Erinnerung wird. Und so leben auch die Verstorbenen in uns, in unseren Erinnerungen weiter, oft so lebendig, dass eine Zwiesprache möglich ist. Liebe Grüße, Bernd

    Gefällt 2 Personen

      • Vermutlich dasselbe wie vor unserem Tod!?Fraglich, was die Menschen auch vor unserem Tod über uns sagen 🤔
        Du regst meinen Gedanken oftmals an und unser reales Treffen hat bestätigt, dass du ein Mensch mit angenehmen Tiefgang bist und dabei sehr angenehm, warmherzig und freundlich zugewandt und und und 😀😉☕️
        Keks immer gern 😎 Danke dir

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        • Ach, liebe Annette, danke, du machst mich verlegen 😊🧡
          Aber glaubst du nicht, dass es auch drauf ankommt, wie nah man jemandem steht? Wenn man miteinander eher entfernter bekannt ist, dann ist es doch leichter, vor dem Tod dasselbe zu sagen wie danach – noch dazu sagt „man“ ja auch über die Toten nur Gutes. Aber ich denke, wenn z. B. jemand aus der Familie stirbt, dann fällt das Vorher/Nachher schon öfter unterschiedlich aus … 🤔😉
          Kekse sind da, nimm dir! 🍪🍩😁

          Gefällt 1 Person

  6. Ja, das spielt natürlich eine Rolle, wie nah sich die Menschen stehen. Für meinen Teil möchte ich so leben, lebe ich hoffentlich so, dass die Menschen meines Umfeldes unabhängig von familiären Verbindungen schon weit vor ihrem Tod wissen, wie sehr ich sie schätze
    Liebe Grüße, Annette

    Gefällt 1 Person

  7. Pingback: Fazit Textwochen 46.47.21, willkommen Adventüden 2021! | Irgendwas ist immer

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