Adventüden 2021 01-12 | 365tageasatzaday

01.12. – Eistee statt Glühwein | Adventüden

Es gab Tage, da hatte sie wirklich Sehnsucht nach ganz normalem Vorweihnachtsstress. Kekse backen, zu viel Marzipan naschen, einen Bratapfel auf dem Weihnachtsmarkt genießen. Der Gedanke daran weckte in ihr ein Gefühl der Geborgenheit, und die Sehnsucht nach zu Hause ließ sich nicht verdrängen. Sie seufzte hörbar auf.

»Was ist los?«, fragte Tom, der in dem Moment von draußen hereinkam, verschwitzt und eingestaubt, weil er den Vormittag auf den Weizenfeldern verbracht hatte und gerade von einem Kollegen für seine Pause abgelöst worden war.
»Ach, alles gut … Daheim würde ich jetzt auf Weihnachtsmärkte gehen«, antwortete Lisa.
»Traurig?« Tom blieb auf dem Weg ins Bad am Tisch stehen, wo sie die Schilder für den Hofladen beschriftete. Mangos, Trauben, Tomaten, Melonen – Lisa liebte diese Fülle.
»Ach, traurig nicht unbedingt. Aber in dieser Hitze kann ich einfach keine Plätzchen backen. Dort trinkt man Glühwein, hier ist mir eher nach Eistee«, antwortete sie lächelnd. »Und ehrlich gesagt fehlt mir der eklige Schneeregen überhaupt nicht. Den gab es nämlich viel öfter als richtigen Schnee.«
»Da bin ich ja beruhigt«, antwortete Tom. »So ein langes Jahr auf einer australischen Farm ist vermutlich das krasse Gegenteil zu deinem Bürojob von früher, so mit Aktentasche durch Schnee und Regen.«
»Ich bin freiwillig hier und ich genieße es, das kannst du mir glauben!«, erwiderte Lisa. »Wir werden schon unsere richtige Christmas Party haben, nicht wahr? Ohne Kartoffelsalat, aber mit viel Glitzer und Weihnachtsschmuck.«
»Und ziemlich viel Alkohol vermutlich«, ergänzte Tom zwinkernd.
Lisa zog die Augenbrauen hoch. »Was an Bier weihnachtlich sein soll, kann ich ja nicht nachvollziehen. Heute Abend höre ich mir jedenfalls das Weihnachtsoratorium von Bach an. Du wirst es nicht glauben, aber ich habe die Klavier-Partitur hierher mitgebracht. Die Chöre konnte ich mal auswendig …«
»Ich kann es kaum erwarten«, flachste Tom. »Die anderen sicher auch.«


Autor*in: Ellen                 Blog: nellindreams

 

Adventüden 2021 01-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

53 Kommentare zu “01.12. – Eistee statt Glühwein | Adventüden

  1. Hallo Ihr Beiden, ich genieße diesen Adventskalender auch 🙂 sehr sehr! Ich war auch Weihnachten schon anderswo, aber sein Weihnachten nimmt man überall hin mit, wenn auch ohne die äußerlichen Rituale, aber das wirklich wichtige, das hat man dabei.
    LG Doro

    Gefällt 3 Personen

  2. Oh verdammt Lisa. Ausgerechnet soweit von zu Hause. Und dann dieser immer und überall schwelende Abgleich zwischen Dort und Hier, Damals und Heute. Dort die Schwebe hier die Last, dort Entscheidungslosigkeit, hier jede Sekunde eine Entscheidung… Manche sagen zu Recht: Wir nehmen uns immer mit!. Weil??? Das alles steckt „gezündet initiiert“ im „tätowierten Nerven-Organ-Muskel-Magen-Leib-Synapsen-System“ der ersten neun Monate. Vielleicht zuerst über das Ohr: wir konnten wohl früh „Geräusche“ “Töne“ hören. Unter den tausenden die wir 24/7/ 280 Tagelang hörten, gab es dann die besonderen, die uns als angenehm in „den Knochen der Erinnerung“ stecken blieben. Später sagen wir: diese Melodie geht mir besonders nah, sie geht mir „zu Herzen“ sie tut meiner „Seele“ gut, „aber ich kann absolut nicht sagen warum“. Darum flüchten wir bei Unpässlichkeiten besonders gerne in Musik. Wollen etwas vertreiben, stillen. Suchen Geborgenheit (da könnt ich mich reinlegen!) oder Aufbruch,(nur weg von hier) Kämpfen (putschen uns auf) oder Flüchten „im entspannt-tragenden Geist der Musik“.

    ABER nicht mit jeder – sondern nur in MEINER – meinem Lied, meiner Melodie, meinem Klang – die in uns etwas verkrampftes wieder entfaltet, verborgenes nun hervorlockt und es damit „stillt“: vielleicht ja diese ewig unstillbare WunderWunde – Geburtlichkeit mit all dem drum und dran. Wir können mit UNSERER Musik Ärger vertreiben, gute Stimmung anlocken. UND sie kommt „auf Knopfdruck“. Meistens. Wenn nicht…ja was dann? Dann sehen wir in ein „schwarzes Loch“, fahren „blind“ umher, sehen keine Grauschatten mehr, am Ende des Tunnels kein Licht -verfahren uns in Finsternis. Es kann dann vielleicht nur noch die kuschelige Bettdecke helfen, die dieses WunderWunden Gefühl hervorlockt, das die Unpässlichkeiten des Tages in selige Träume wiegt.
    Das alles liegt nicht (nur) an etwas konkret Fassbarem, keinem speziellen Defizit in dir, sondern das, was du spürst, ist das Schicksal aller Innenbrüter, die als geburtliche Säugetiere alias Mensch -immer zu früh- zur Welt und zur Sprache kommen. So mahnt Nietzsche zu Recht „Amor fati“. Er ging deshalb so gerne Wandern und traute keinem Gedanken, der im Sitzen kam. Jeder hat so seine Stillmittel. Glühwein oder Bier, oder oder.
    „Das Unbehagen in der Kultur“ (Freud) oder hier „Das Unbehagen in einer anderen/fremden/ ungewohnten Gegend und Situation“, ist so normal wie Kopfschmerzen nach einer Flasche schlechtem Rotwein. Aber wir tranken sie, „mussten“ sie trinken, weil „die WunderWunde“ schmerzte und der Rotwein –wie Musik- eine Sprache spricht die „Stillung“ versprach. Am nächsten Morgen höre ich mich dann sagen: „Ich konnte nicht anders. Sie simulierte einen kurzen Abend lang ein seliges Schweben. Alles um mich wurde so leicht und weich“. Der harte Tag versank in einem Schaumbad und wurde „lachhaft“.

    Apropos Advent und Weihnachten: vier lange Wochen, vier wärmende Kerzen, die alten, Kindheits-Gerüche, gewohnte Geräusche und Geschmäcker, heimelige Lieder die fröhlich-traurig machen, eine Herbergssuchende Kleinfamilie, immer wieder abgewiesen, an den Rand gedrückt, auf Felder, in einem Stall, und dann die WunderWunde: ein kleines, hilfloses Kind, in einer engen Krippe. Und dann sing mal ein Lied, vielleicht: „Stille Nacht Heilige Nacht“. Dieses Lied sangen ja Soldaten im Schützengraben und es vermittelt ihnen mitten im grausamen Krieg -wie durch einen Zauber- eine Geborgenheit.

    Ich habe mir erlaubt, zur Einstimmung das Lied mal zu zerlegen und die zum Herzen gehenden Worte herausgestellt: Es schaukelt uns (fast alle) un-verweigerlich in selige, schwelgende Gefühle.. Für Minuten… Bis wir zum Laptop greifen und die Kommentare lesen.
    Also:
    Stille Nacht!! Alles schläft; einsam wacht trautes heiliges Paar.,
    Schlafe in himmlischer Ruh! Liebe aus göttlichen Mund
    uns schlägt die rettende Stund’ in deiner Geburt! der Welt Heil gebracht, der Gnaden Fülle alle Macht Väterlicher Liebe
    als Bruder umschloß aller Welt Schonung verhieß
    Hirten erst kundgemacht Durch Engel Alleluja, Tönt es laut
    Von Ferne und Nah

    Es vertrieb für viele Soldaten und für uns heutige mehr eine innere als eine äußere Finsternis. Es war eben „IHR“ und auch „DAS“ Lied. Ein Requiem an die Hoffnung aus Geburtlichkeit eben unserer eigenen „lebhaft-stillen Nacht“. Warum sonst ist es ein Kind dem wir uns „an den Hals werfen“, von dem wir Rettung erwarten die doch in uns liegt? An dem wir mit Tränen rütteln.
    So wurde 1818 daraus eine „Stille Nacht, heilige Nacht“. Der Lärm des Fortschritts klopfte schon an den Türen. Und immer mehr gaben dem und zu schnell und zuviel Einlass. Er erwies sich als „Krippenersatz“. Der Sternenhimmel ward bald immer mehr mit grauen Wolken verhangen, der leise rieselnde Schnee schon bald schwarz angefärbt, das wundersame Singen: verstummt. Weg war sie – die gnadenreiche Zeit.
    Aber die ist mit deinem „zur Weltkommen“ auch weg und bleibt – aber for ever in deiner „stillen Sehnsucht“. Amor fati Lisa! So wurden wir was wir sind: ErsatzdrogensucherIn! denen manches Mal der Unterschied zwischen guten und schlechten Drogen aus drängender Begierde nach Stillung abhandenkommt.
    So wünsche ich allen ein „gutes Händchen“ beim Drogenkauf.

    Gefällt 3 Personen

  3. Unsere ersten „eigenen“ Weihnachten haben wir in El Salvador und Nicaragua, also in den Tropen, verbracht. Aber wir waren da härter: wir haben einen Weihnachtsbaum aufgestellt und ganz eisern Glühwein getrunken. Natürlich nicht in voller Montur, dazu war es zu heiß. Deswegen nur in Unterhemd und Hose. Und der Schweiß lief und lief. Aber da wollten wir durch, war ja Weihnachtszeit.

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  4. Ein bissel oder ein bissel mehr Heimweh ist sicherlich immer dabei… an Weihnachten in einem sehr warmen Land…
    Ich habe mich immer gegen einen solchen Urlaub über Weihnachten entschieden.
    Ich brauche die Kälte (auch wenn ich sie sonst gar nicht mag) , einen Weihnachtsbaum, Schnee nach Möglichkeit und immer wieder einen Weihnachtsmarkt mit Buden und Eierpunsch… Den allerersten meines Lebens habe ich übrigens in HH getrunken *schmunzel*.
    Ich mag adventliche Rituale und Weihnachten zuhause..

    Liebe abendliche Grüße von Bruni

    Gefällt 1 Person

  5. Das weckt Erinnerung an meine Zeit in Chile.
    Ich hatte es erwartet, aber dann habe ich die Kälte und die Dunkelheit kein kleines bisschen vermisst.
    Und weil alles so anders war, noch nicht mal meine Familie
    Ich habe Plätzchen gebacken und die verschenkt.
    Habe die schwitzenden Weihnachtsmänner mit Lama an der Hand in ihren Anzügen bedauert.
    Nur bei StilleNacht, Heilige Nacht auf Spanisch während der Heiligen Messe habe ich vor Rührung geweint.
    Nach der Messe standen mitten in der Nacht alle draußen vor der Kirche und plauderten, nur in Kleid und Sandalen, der Pater schenkte lachend ein Getränk aus, dem ich wegen des Kinds in meinem Bauch nicht zusprach.
    Die Kinder spielten mitten in der Nacht mit ihren Geschenken auf der Staße.
    Und als wir nach Hause kamen, hatte eine Katze in meinem Bett Junge bekommen, aber das ist eine andere Geschichte…

    Gefällt 1 Person

    • Das eine ist, über Weihnachten nicht wegzuwollen, das andere, das Beste aus dem zu machen, was man vorfindet, wenn man unterwegs ist …
      Ich sehe dich völlig selbstverständlich vor Ort eintauchen, mit den anderen weinen und lachen und feiern – wie schön, so soll es sein! 🧡
      Ich hoffe, die Katzenkinder waren ein gutes Omen … 😁
      Morgenkaffeegrüße 😁⛅🕯️☕🍪👍

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  6. Pingback: Weihnachtspause | Irgendwas ist immer

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