Adventüden 2021 05-12 | 365tageasatzaday

05.12. – Marzipanschweine | Adventüden

Der Schneeregen wich einem windigen, aber sonnigen Morgen, und selbst die ewigen Wetternörgler fanden nichts auszusetzen an dem hellen Licht, das sich in den glitzerfeuchten Zweigen brach und winzige Regenbögen auf das kalte Weiß malte. Schnuppernd streckten die Wintermüden die Nasen in die Luft, wohl wissend, dass er gerade erst angefangen hatte und das Schlimmste noch bevorstand.

Der alten Frau war das egal. Vor ihren Fenstern hingen dunkle Vorhänge, die die verräterische Sonne draußen hielten. Sie arbeitete bei Kerzenschein und machte das, was sie am besten konnte, nämlich Schweine aus Marzipan kneten.

Seit dem Herbst saß sie hier, mahlte die Mandeln von ihrem eigenen Baum, verknetete sie mit Zucker, bis das Öl ihre Haut schimmern ließ, und färbte die betörend duftende Masse rosarot. Sie formte den runden Kopf, den dicken Bauch, trieb die breite Steckdosennase und die tief angesetzten Ohren heraus, drückte schwarze Zuckerkugeln als Augen hinein, formte schmale Beine, um das prächtige Gewicht zu tragen, und rollte zum Schluss eine dünne Wurst, ringelte sie, um sie als Schwanz an das runde Hinterteil zu setzen.

Überall in ihrem dunklen kühlen Raum standen sie herum, guckten gegenseitig Wände an, stapelten sich auf Regalen und Tischchen, standen Ringelschwanz an Ringelschwanz und Rüsselnase an Rüsselnase auf schmalen Absätzen, belagerten selbst die schmale Stiege nach oben und hatten zuletzt sogar vom Boden Besitz ergriffen, sodass nur noch ein schmaler Pfad übrig blieb.

Als das Wetter umschlug und der Kalender vorwärts zählte, klebte sie auf ihrem Stuhl und wartete voll Sehnsucht. Als Wind aufkam, an ihrem Kamin ruckelte und feiner Ruß herabregnete, dabei gerade die Tiere verfehlte, seufzte sie lächelnd, verpasste dem letzten Schwein den letzten Schwanz und schloss die Augen.

Als sie sie öffnete, war die Schweinerei verschwunden. Nur ein zarter Duft nach Bittermandel und etwas Glitzer hingen in der Luft.


Autor*in: Alice                 Blog: Make a Choice Alice

 

Adventüden 2021 05-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

66 Kommentare zu “05.12. – Marzipanschweine | Adventüden

  1. Einfach schön! Ein Text mit einem Hauch von Magie, schließlich weiß doch jeder, dass Erwachsene den Weihnachtsmann nicht sehen dürfen, oder? Und das abrupte Ende des Textes gefällt mir dabei richtig gut.
    Wobei ich ja immer dachte, dass die Marzipanschweine als Glücksbringer an Silvester zum Jahreswechsel verschenkt werden, aber anscheinend gibt es auch Weihnachtsschweine. Eine rundum gelungene Adventüde. ☺️
    Morgenkafeegrüße aus dem Nordosten Hamburgs zum 2. Adventssonntag. Ha! Endlich mal die Erste mit den Morgenkaffeegrüßen! 😆

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  2. Pingback: 05.12. – Marzipanschweine | Adventüden – Make a Choice Alice

  3. …und nun sind sie auf dem Weg zu Kindern und Erwachsenen…, die zuckersüßen, heißgeliebten Marzipanschweinchen ♥
    Wie schön, daß sie abgeholt wurden. So können sie pünktlich bei den Empfängern mit den sehnsuchtsvollen Augen ankommen 🙂
    Ich hoffe sehr, auch bei mir wird eines ankommen, denn ich gehöre seit Kindertagen zur Marzipanfraktion und ohne Marzipan an Heiligabend wäre ich untröstlich gewesen.

    Liebe Grüße von Bruni am Abend des zweiten Adventssonntags

    Gefällt 4 Personen

  4. Gaaanz wunderbar! Ich liebe die kleinen rosa Pummelschweine auch, aber ich tue mich sehr schwer damit, sie aufzuessen, vor allem, wenn sie einen so angucken und lächeln. Ich überlege ja gerade, wo sie wohl hin verschwunden sind… fliegen sie rosa Schweineformationen? Stürmen sie ein Seniorenheim? Suchen sie das Ende der Welt und kommen als Glücksschwein zurück, wenn sie es gefunden haben? Soviele Möglichkeiten! Und was macht die alte Frau, wenn sie fertig ist? Noch eine ungelöste Frage. Ich mag diese Geschichte. 😊

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  5. Wie schön, eine Versicherung zu haben, dass es die alte Lady immer noch gibt, manche Dinge bleiben wie sie sind und ich bange um jedes Jahr… es soll ihr nicht so gehen, wie meiner reizenden Kräuterfee, deren Lädchen auf einmal die Türen nicht mehr aufsperrte, oder die herzliche Dame vom PilzStandl, die Woche um Woche immer noch nicht auftauchen mochte und manche Marktbesucher sich nach dem Stand verzehrten. Veränderungen dieser Art sind nicht mein Favorit und sollte mir dies Jahr ein solches MarzipanSchwein besonderer Güte begegnen so feiere ich, dass es sie noch gibt!
    LG Doro

    Gefällt 1 Person

  6. Pingback: Weihnachtspause | Irgendwas ist immer

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