Von Abschied, Liebe und Hoffnung

Abschied

Sag mir, daß du dich im Föhnwind sehnst
Und daß du trauern würdest,
Wenn ich ginge.
Sag mir, daß diese Tage schön sind
Und daß du weinen wirst,
Wenn ich nicht singe.

Sag mir, daß du dem Leben gut bist.
Sag meiner Stimme, daß sie nie verwehe …
Sag, daß du heiter und voll frohen Muts bist,
Auch wenn ich lange Zeit dich nicht mehr sehe …

Sag mir, daß ich ein töricht Kind bin,
Und streichle mich, wie eine junge Meise.
Sag mir, daß ich zu dir zurückfind,
Auch wenn die Nächte dunkel sind,
Durch die ich reise …

(Hugo Ball, Abschied, in: Band 1: Gedichte, aus: Hugo Ball Sämtliche Werke und Briefe, Online-Quelle)

Versöhnung

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …
Wir wollen wachen die Nacht,

In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht –
So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.

(Else Lasker-Schüler, Versöhnung, aus: Gesammelte Gedichte, 1917, Online-Quelle)

Liebeslied in böser Zeit

Warum trauern?
Noch ist nichts verloren.
Die weißen Mauern
der Berge bestehn.
Vor den Toren
der Stadt blühen die Wiesen.
Geschlechter kommen, Geschlechter gehn.
Immer gab es Hölle und Wüstenei
neben den Paradiesen,
immer über dem Abenteuer
die Heimatglocken.
Immer wieder wird Mai,
leuchten die Johannisfeuer,
wehn vor den Fenstern Schneeflocken,
schmecken dir Apfel und Nüsse,
macht ein Lied uns Mut.
Und wenn ich dich küsse,
endet das Märchen gut.

(Max Herrmann-Neiße, Liebeslied in böser Zeit, aus: Liebesgemeinschaft in der Fremde: Gedichte und Aufzeichnungen / Max Herrmann-Neisse ; Leni Herrmann. Hrsg. von Christoph Hacker (Nachweis), Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Eigentlich hätten jetzt hier mehr oder weniger launige Nikolaus-Gedichte stehen sollen, um, wie immer, auch dieses Mal die Adventüde zu unterstützen, die noch dazu heute von mir stammt 😉

Leider hat es mir in der abgelaufenen Woche (wie man so sagt) die Petersilie verhagelt, daraufhin habe ich beschlossen, mich wenigstens inhaltlich ein bisschen an das eigentliche Thema der Adventüde (Gemeinsamkeit, Geborgenheit, Zusammenhalt) anzunähern, und Friede, Freude, Eierkuchen (und/oder den grandios bösen Loriot, wann, wenn nicht jetzt?) außen vor gelassen. Ich hoffe, ihr mögt beides, Adventüde und Gedichte.

Kommt gut und wie immer heil und gesund in und durch die neue Woche – und ich hoffe, ihr hattet etwas Schönes in euren Stiefeln! Liebesgaben von Fellträgern zählen nur auf Wunsch! 😉

 

29 Kommentare zu “Von Abschied, Liebe und Hoffnung

  1. O meine Tiere, antwortete Zarathustra, schwätzt also weiter und laßt mich zuhören! Es erquickt mich so, daß ihr schwätzt: wo geschwätzt wird, da liegt mir schon die Welt wie ein Garten.
    Wie lieblich ist es, daß Worte und Töne da sind: sind nicht Worte und Töne Regenbogen und Schein-Brücken zwischen Ewig-Geschiedenem?
    Zu jeder Seele gehört eine andre Welt; für jede Seele ist jede andre Seele eine Hinterwelt. Zwischen dem Ähnlichsten gerade lügt der Schein am schönsten; denn die kleinste Kluft ist am schwersten zu überbrücken. Für mich – wie gäbe es ein Außer-mir? Es gibt kein Außen! Aber das vergessen wir bei allen Tönen; wie lieblich ist es, daß wir vergessen!

    Gefällt 2 Personen

    • Sind nicht den Dingen Namen und Töne geschenkt, daß der Mensch sich an den Dingen erquicke? Es ist eine schöne Narretei, das Sprechen: damit tanzt der Mensch über alle Dinge. Wie lieblich ist alles Reden und alle Lüge der Töne! Mit Tönen tanzt unsre Liebe auf bunten Regenbögen. –
      – »O Zarathustra«, sagten darauf die Tiere, »solchen, die denken wie wir, tanzen alle Dinge selber: das kommt und reicht sich die Hand und lacht und flieht – und kommt zurück. Alles geht, alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins. Alles bricht, alles wird neu gefügt; ewig baut sich das gleiche Haus des Seins. Alles scheidet, alles grüßt sich wieder; ewig bleibt sich treu der Ring des Seins. In jedem Nu beginnt das Sein; um jedes Hier rollt sich die Kugel Dort. Die Mitte ist überall. Krumm ist der Pfad der Ewigkeit.« –
      (Quelle: Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Dritter Teil, Der Genesende, 2. Online-Quelle)

      Danke dafür.
      Morgenkaffeegrüße! 😁🤶☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

    • Friedlich, ja, hoffentlich. Es ist, wie soll ich sagen, eine Nachricht hereingekommen, die mich ziemlich sprachlos gemacht hat, und ich habe eine Zeit gebraucht, um sie zu sortieren, inklusive meiner Reaktion darauf. Die Nachricht bezog sich auf etwas, woran ich völlig unbeteiligt bin, und meine Reaktion habe ich dann später auch verstanden. Aber bis dahin habe ich die Gedichte zusammengestellt, und so schlägt vermutlich durch, dass ich nicht so fröhlich war, wie ich gern gewollt hätte.
      Es ist, wie es ist. Wird schon wieder.
      Danke für die Nachfrage 🧡 und auch dir einen großzügigen Nikolaus! 🎅🤶
      Vormittagskaffeegrüße 😁🌥️🤶☕🍪👍

      Gefällt 3 Personen

  2. Liebe und Zärtlichkeit ziehen sich durch alle drei Gedichte, liebe Christiane, und ich genieße sie in vollen Zügen, Zeile für Zeile und Gedicht für Gedicht.

    Liebe Christiane, eine wundervolle Auswahl, und ich hoffe, die Petersilie hat sich vom Hagel einigermaßen erholt und wächst und grünt wieder, aber ich weiß, das dauert und ist mühsam.

    Ganz herzlich, Bruni am Abend, der auch scöner sein könnte bei mir…

    Gefällt 2 Personen

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