Adventüden 2021 10-12 | 365tageasatzaday

10.12. – Seine Mutter | Adventüden

Wissen Sie schon? Mein Baby heiratet. Er traf sie auf seiner Firmenweihnachtsfeier. Der Klassiker, oder? Nun, mit 35 wird es vielleicht allmählich Zeit.

Trotzdem, es kommt etwas plötzlich.

Er bringt sie heute zu uns mit, ich will gleich noch Kekse backen.

Ach so, Sie wissen das ja nicht, Konrad lebt noch bei mir. Ja, was soll ich machen? Sein Kellnerjob bringt doch nichts ein, wie soll er denn … Nein, er studiert noch, aber bald hat er sein Dipl… Jaja, das weiß ich doch alles.

Wo war ich? Ach, richtig. Ich mache Kartoffelsalat, den mag mein Baby so gern.

Ich freue mich.

Ich freue mich wirklich.

Obwohl mir die Sache auch Kopfzerbrechen bereitet, was denken Sie denn? Ich bin seine Mutter.

Konrad war immer sehr zart, wissen Sie? Schon auf dem Spielplatz musste ich ihn gegen die Sandschaufelattacken der anderen Kinder verteidigen.

Vor mir hatten sie immer Angst, diese kleinen Monster.

Ihre Mütter auch, eine wich sogar mal erschrocken vor mir zurück und bekreuzigte sich.

Das fand ich übertrieben.

Dann die Schulzeit, Sie machen sich keinen Begriff. Mein Baby wäre untergegangen, wäre ich nicht gewesen. Einmal hörte ich seine Klassenlehrerin einer Kollegin zuraunen: Was für eine böse Hexe.

Böse? Nein, böse bin ich nicht.

Auch nicht eifersüchtig auf Konrads Verlobte, falls Sie das denken. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu seinen Freundinnen, wirklich.

Bis auf eine. Die tauchte eines Tages unangemeldet bei mir auf, können Sie sich diese Dreistigkeit vorstellen? Und dann ging das Gewitter los. Was mir einfiele, mich zwischen Konrad und sie zu drängen, er sei erwachsen, sie liebe ihn und überhaupt sei ich eine untervögelte alte Vettel. Das waren ihre Worte, unfassbar, oder?

Ich muss zugeben, das ärgerte mich.

Ich sah sie glücklicherweise nicht wieder, Konrad auch nicht.

Niemand sah sie je wieder, wissen Sie?


Autor*in: Bettina                            Blog: Wortgerinnsel

 

Adventüden 2021 10-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

74 Kommentare zu “10.12. – Seine Mutter | Adventüden

        • Ja, aber meist lassen sie sie ziehen, wenn „der Richtige“ kommt, denn das ist ja üblich, dass die Töchter die Eltern verlassen und „dem Manne anhangen“, oder? 🤔
          Ich sehe ziemlich schwarz für Konrad, und das macht mich unendlich wütend. 🤬
          Hier ist es trüb und kalt, aber es soll wärmer werden und ich habe verpennt 🥱
          Grüß mir den Waschbeckenschläfer! 🐈

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      • Leider.
        Wie ich mir das erkäre? Hhm, gute Frage. Wahrscheinlich gibt es viele Gründe dafür, und wahrscheinlich sind es häufig doch die gleichen. Zum Beispiel: Spezielle Familiengeschichte, Angst, Kontroll- und Machtbedürfnis … . Das sind zumindest einige, die ich in meinem näheren Umfeld in solchen Fällen beobachten konnte.
        Liebe Grüße zurück!

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        • Danke! Wenn es so viele Frauen sind, die betroffen sind, was in der Gesellschaft, in der gesellschaftlichen Entwicklung hat das begünstigt, dass es individuell zu derartigen Ausprägungen gekommen ist? Mir ist „der Krieg“ hier zu allgemein – ist das deiner Meinung nach überhaupt eine Kriegskinder-/Kriegsenkel-Thematik? 🤔😉

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        • Kann sein, dass der Krieg in diesem Zusammenhang eventuell eine Rolle spielen könnte. Vielleicht könnte es aus dieser Zeit kommen, dass sich manche Menschen nicht gerne mit ihrer Seele beschäftigen. Dennoch ist er aus meiner Sicht definitiv nicht allein „schuld“. Denn auch unabhängig vom Krieg kann es in Familien Schicksalsschläge geben: zum Beispiel Eltern(-teile), die zu früh versterben. Mütter, die ihren Kindern ins Grab nachschauen müssen. Wobei sich für mich darauf aufbauend auch die Frage stellt, wie der Einzelne mit solchen Schicksalsschlägen umgeht.
          Ein spezielles Thema.

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        • Auf jeden Fall. Aber seit ich beinahe mal eine (anders) toxische Schwiegermutter bekommen hätte, mache ich mir darüber auch oft Gedanken … Und Resilienz, wie es heute betitelt wird, ist auch so ein weites Feld.
          Danke dir für deine Antworten! 😁👍

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    • Genau. Und wer kennt das Leben besser als die Mutter und weiß, was für ihr Baby gut ist? 😏
      Begegnen ist eins. Wenn du aber ihren Sohn heiraten willst, dann würde ich mir das echt noch mal überlegen, ob du dir das wirklich zumuten willst, siehe die anderen Kommentare 🤔😉
      Mittagskaffeegrüße 😁☁️☕🍩👍

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  1. Liebe Christiane und liebe Adventüdenliebhaber:innen, ich bin hoch erfreut, dass euch meine Geschichte gefällt, obwohl sie nicht gerade besinnlich ausgefallen ist 🙈😉. Und ich entschuldige mich ausdrücklich bei all den vielen netten Schwiegermüttern dieser Welt, sie sind ganz sicher in der Mehrheit. Nur liefern sie nicht so viel Stoff für Geschichten, oder? 😉🙋🏻‍♀️

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    • Ich mag das Subtile an deiner Geschichte sehr, und ich finde, dass du absolut ein Händchen dafür hast. Ich muss dir nicht sagen, dass du hier frei kommentieren darfst, wenn dir danach ist, oder? Ist ja schließlich deine Adventüde 😉😁👍
      Nachmittagskaffeegrüße 😁☁️☕🍩👍

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  2. Schööööööööön bööööööööse, das schreit ja gerade nach einer Schwiegertochter die ihr nicht nur das Wasser reicht sondern….. Ich liebe solche Anreden sehr, ich werde ja direkt zur Komplizin und ehe man es sich versieht ist man selber dran…. Giftspritzen Grusel…. LG Doro

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      • Liebe Christiane,
        ich brauch sie auch nicht in meinem Leben – ich weiche schon bei geringer Ausstrahlung… aber alles in allem sehr verführerisch solange man es abstrakt wahrnimmt/liest und plötzlich geht es mit uns durch…. in der Phantasie… stellt Euch doch nur mal vor, Konrad mit den Genen seiner Mutter und immer im Schafffell…. noch gruseliger

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      • Liebe Bettina, das Leben erzählt Geschichten die in Sackgassen und Albträumen enden, einfach so. Manchmal geht es dann doch noch gut aus und manchmal wird es schlimmer als erwartet.

        Georg Orson Welles sagte: Wenn du ein Happy End willst, hängt das natürlich davon ab, wo du deine Geschichte aufhören lässt.

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  3. Hat dies auf Wortgerinnsel rebloggt und kommentierte:
    Obwohl es ansonsten um diesen Blog in letzter Zeit sehr still geworden ist, den ABC Etüden Adventskalender – von seinen Freunden und Freundinnen liebevoll Adventüden genannt, hätte ich nicht auslassen wollen.
    Hier also – unter Türchen Nummer 10 – mein Beitrag, ich hoffe, er gefällt euch.

    Alle bisherigen Türchen sowie die folgenden findet ihr bis zum 24.12. Tag für Tag bei Christiane. Schaut rein, es lohnt sich 🙂

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  4. Kennen wir doch alle und hatten Angst vor Strafe:

    „Konrad!“ sprach die Frau Mama,
    „Ich geh‘ aus und du bleibst da.
    Sei hübsch ordentlich und fromm,
    Bis nach Haus ich wieder komm‘.
    Und vor allem, Konrad, hör‘!
    Lutsche nicht am Daumen mehr; …..

    Meine Mutter hat auch geglaubt, Schwiegertochter No. 1 hätte meinen älteren Bruder, „ihren Manfred“ verführt (weil sie früh heiraten mussten).

    Bei mir und meiner Frau dagegen gab es kein „Böses-Schwiegermutter-Denken“.
    Lück habt

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    • Vermutlich war es demnach umgekehrt mit dem Verführen, was? 😉
      Das ist auch noch ein interessanter Aspekt, lieber Werner: Greift so ein Mechanismus gleichmäßig? Greift er beim ersten Sohn, weil er im eigentlichen Sinn der Stammhalter ist, greift er beim letzten Sohn, weil er das Nesthäkchen ist, greift er beim Lieblingssohn?
      „Sei hübsch ordentlich und fromm.“ Eben. Wenn man bedenkt, dass das mal deutscher Erziehungsstandard war! Puh! 😏
      Abendgrüße mit Tee 😁☁️🍵🍪👍

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  5. Pingback: Weihnachtspause | Irgendwas ist immer

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