Adventüden 2021 12-12 | 365tageasatzaday

12.12. – Weihnachtskonzert | Adventüden

Vergiss die Partitur nicht!«, die Stimme seiner Frau klang aus der Küche hinaus in den Flur. Er war nicht unglücklich, das kulinarische Schlachtfeld für eine Weile verlassen zu können – überall roch es nach Marzipan und Keksen, im Ofen meinte er Bratäpfel gesehen zu haben. Für ihn wären die obligatorischen Würstel mit Kartoffelsalat am Heiligabend, die er aus seiner Kindheit kannte, vollkommen ausreichend. Raus aus all dem Glitzer, Weihnachtsschmuck und Trubel! Er schnappte sich seine Aktentasche mit den Noten und trat hinaus in den Schneeregen.

Es waren nur wenige Schritte bis zur Kirche – seinem Arbeitsplatz –, und trotz des nasskalten Wetters genoss er die frische Luft, den kurzen Blick hinauf in den Himmel: Sturmwolkenblau.

Die letzte Probe vor dem Konzert – das Weihnachtsoratorium von Bach. Jedes Jahr freute er sich darauf und seine Begeisterung war längst auf die Sänger seines Chores übergeschwappt. Die Musik war sein Anker und gab ihm Geborgenheit.

Wenn er die ersten Takte dirigierte, das Orchester und der Chor einsetzten und die festlichen Töne erklangen, fiel alles andere von ihm ab. Kein Kopfzerbrechen mehr über Alltagsdinge, dann lebte er nur in diesem Moment, in der Musik, im Hier und Jetzt. Dann begann für ihn der Weihnachtsfriede in die Welt Einzug zu halten. Im letzten Jahr hatten er, der Chor und die Orchestermusiker auf dieses Erlebnis verzichten müssen, um so größer war die Sehnsucht und die Freude, in diesem Jahr wieder gemeinsam musizieren zu dürfen.

Und so steckte in diesem ersten „Jauchzet, frohlocket“ in diesem Jahr unbändige Freude, Dankbarkeit und Hoffnung, die sich beim großen Konzert in der festlich geschmückten Kirche sicherlich auch auf das Publikum übertragen würde.

»Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage,
rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!«

(aus: Johann Sebastian Bach: »Weihnachtsoratorium«)


Autor*in: Barbara                           Blog: Kulturbowle

 

Adventüden 2021 12-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

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50 Kommentare zu “12.12. – Weihnachtskonzert | Adventüden

  1. Wo sind wir eigentlich, wenn wir Musik hören?
    Versunken in sich selbst? Zur Abwehr der uns überfordernder Welt? Aber immer ist Musik auch der KnotenKreuzungspunkt in dem die „Lunte“ lockt – „in uns“, an dem sich die Grundrichtung entscheidet: Bei uns bleiben wollen oder in die Welt hinaus gehen. Nicht umsonst wird so vieles mit Musik „umhüllt und „lebbar „-geformt: Fromm Still Fröhlich Frei bis Dramatisch Traurig Grausam.
    Bei bestimmten Klängen weint ja sogar die scheidende Kanzlerin.

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  2. Pingback: 12.12. – Weihnachtskonzert | Adventüden — Irgendwas ist immer – Kulturbowle

  3. Eine stimmungsvolle Geschichte, liebe Barbara, und ich musste schmunzeln, weil du darin neben den vorgegebenen Begriffen auch ein weiteres „Stichwort“ gabst, zu dem ich schon einen Beitrag vorbereitet habe. Das hatten wir doch kürzlich schon einmal, liebe Barbara.
    Hallo Christiane, eine nette Kalenderidee.
    Herzliche Grüße zum dritten Advent aus Italien!
    Anke

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    • Guten Morgen, liebe Anke, wir/ich machen die Adventüden jetzt schon das dritte Jahr, wenn du ein bisschen lesen möchtest, hast du also genug „Stoff“ (schau mal rechts in die Kategorien in meiner Seitenleiste).
      Einen schönen Adventssonntag wünsche ich dir! 👍
      Sonntagmorgenkaffeegrüße aus Hamburg 😁🌧️🕯️🕯️🕯️☕🍪👍

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    • Liebe Anke, dankeschön! Es freut mich, dass Du mich zu meinem Adventsausflug begleitet hast. 🙂 Jetzt hast Du mich neugierig gemacht – ja, manchmal scheinen wir ähnliche Gedanken zu haben 😉 – und ich bin schon gespannt, welches „Stichwort“ ich wohl gegeben habe, das ich dann bald bei Dir wiederfinden werde. Ich freue mich jetzt schon darauf. Dir auch einen wunderbaren dritten Advent! Buona giornata, Barbara

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      • Ja, leider wird es für viele – auch Laienchöre und -gruppen – gerade wiede sehr schwierig bis unmöglich mit dem Musizieren. Als ich den Text im August geschrieben hatte, war ich noch voller Hoffnung, dass es diesen Winter anders aussehen könnte. Aber wenn bei Euch Konzerte möglich sind, freut mich das sehr für die Musikerinnen und Musiker, die geprobt und sich auf den Auftritt vorbereitet haben. Adventssonntagkaffeegruß nach Hamburg! ☕🍪

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  4. Vielleicht war ihm nur der Trubel in der Küche gerade zu viel. Nach der Probe oder dem Konzert in Ruhe… dann wird er die Kekse – oder Plätzchen, wie es hier bei uns heißt – sicherlich auch zu schätzen wissen. Herzliche Adventsgrüße und guten Appetit! ☕🍪

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  5. Wie feierlich – eine tolle Einstimmung in die Zeit. Konzerte in der Kirche, das Weihnachtsoratorium, da breitet sich in mir mit jedem Ton ein Frieden und eine Stille aus. All die Gedanken, unerledigte Dinge, vergessene Sachen, Wortwechsel, Listen, Sequenzen die immer wieder im Kopf herumgeistern kommen zum Verstummen. Der Körper entspannt. Die Augen fallen zu – ich gestehe, im höchsten Genuss eines Konzertes, im hellsten Frohlocken der Instrumente oder Stimmen fällt alles von mir ab. Es gibt nichts Schöpfenderes als solch feierliche Momente, die Musik trägt mich fort….. Welch eine Glückseligkeit – herrliche Geschichte!
    LG Doro

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  6. Pingback: Weihnachtspause | Irgendwas ist immer

  7. Pingback: Dezemberbowle 2021 – Sterne und Weihnachtsruhe – Kulturbowle

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