Adventüden 2021 14-12 | 365tageasatzaday

14.12. – Auf der Bank | Adventüden

Der Mann verstorben, die Kinder im Ausland – Elisabeth zog mit ihrem vierzehnjährigen Zwergpudel aus dem zu groß gewordenen Eigenheim in eine Zweizimmerwohnung stadteinwärts, nahe einem Park. Sie schätzte die Freundlichkeiten mit Gassigängern oder anderen Personen, denen man wiederholt begegnete.

Im Oktober waren die Parkbänke kaum noch besetzt, außer einer. Vormittags saß dort ein Herr, stets ordentlich gekleidet, wie Elisabeth es nannte, die Hände ruhig auf einer Aktentasche, nicht einmal die Daumen kreisten umeinander.

Dafür kreisten Elisabeths Gedanken um ihn.

Bald würden ihn die nasskalten Monate von der Bank vertreiben. Der jüngste Wetterbericht hatte schon irgendwo Schneeregen angekündigt. Darum buk Elisabeth: Spritzgebäck, an den Enden in Schokolade getaucht, paarweise mit Marmelade zusammengefügt, in eine Vorratsdose gelegt, in Geschenkpapier mit Schleife verpackt und mit Weihnachtskarte anbei in ein Postpäckchen verwandelt, adressiert an die in Kanada lebende Tochter.

Weil der Zwergpudel am nächsten Vormittag ständig um Elisabeths Beine herumtänzelte, sah Elisabeths Stolpern vor der Bank mit dem gewissen Herrn täuschend echt aus. Sie dankte freundlich für die gereichte Hand und setzte sich ebenfalls auf die Bank, um alles Zubodengefallene zu ordnen und »spontan« den Schaden im Paket zu besehen.

»Linzer Stangen«, sagte sie und bot die offene Dose an. »Nehmen Sie nur, diese reisen ohnehin nicht mehr nach Kanada.«

Der Herr stellte sich als Erwin, pensionierter und verwitweter Musiklehrer, vor und fragte, was es mit Kanada auf sich habe. Elisabeth erzählte von ihrem Alleinsein, dann gestand Erwin, dass er seine Vormittage auf der Parkbank oder im Café verbringe, um weniger zu Hause zu sein. An Weihnachten mochte er gar nicht denken.

Nach kurzem Schweigen äußerte Elisabeth: »Dass sich Kartoffelsalat für eine Person nicht lohnt, das ist richtig schade.«

Als sie sich mit einer Verabredung für Erwins Café verabschiedeten, dachte jeder für sich, dass es mit dem Kartoffelsalat vielleicht noch etwas werden könnte.


Autor*in: Heide                              Blog: Puzzle❀

 

Adventüden 2021 14-12 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

63 Kommentare zu “14.12. – Auf der Bank | Adventüden

  1. Eine herzerwärmende Geschichte, die mir Hoffnung gibt. Ich bin ja schließlich auch schon ein sogenannter Best-Ager und werde beim nächsten Spaziergang im Park mal nach einem älteren Herrn auf einer Bank Ausschau halten – Weihnachten ist schließlich schon in zehn Tagen – die Zeit drängt! 😉

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  2. Hat dies auf puzzle ❀ rebloggt und kommentierte:
    Bereits im Sommer hat Christiane die „Etüdenverrückten“ zum Schreiben von sogenannten „Adventüden“ aufgerufen: das sind Adventskalendergeschichten nach dem vertrauten Etüden-Muster, die eine nach der anderen während der Adventszeit auf Christianes Blog ‚Irgendwas ist immer‘ erscheinen.
    Auch wenn ich zur euphorisierten, glöckchenbimmelnden Weihnachtszeit nur ein distanziertes Verhältnis habe, das sich erst am Vormittag des 24. Dezembers auflöst, und meine Anteilnahme sich in Grenzen hält, bis ich mit dem Schmücken des Baums für die Familie beginne, habe ich mir die Aufgabe einer Adventüde Ende August ganz bewusst vorgenommen.
    Das sommerliche Entgrinchungs-Experiment hat zwar nicht meine Einstellung geändert, aber einen für mich gangbaren Weg zu finden, hat mich zum Schreiben motiviert, aber ich war bis heute unschlüssig, ob ich Monate später meine Adventüde auch auf meinem PUZZLE ❀-Blog reblogge.
    Als Christiane heute meine Geschichte als „Türchen“ vom 14. Dezember 2021 freigeschaltet hat und ich sie nach den vergangenen Wochen zum ersten Mal wieder las, war ich ganz froh und erleichtert, dass sie mir immernoch gefällt und ich allen damit auch auf diesem Blog eine schöne Adventszeit wünschen möchte:

    Gefällt 8 Personen

    • Geht mir auch so. Ich habe oft den Eindruck, als ob Männer diesbezüglich etwas unbeholfener seien als Frauen. Wenn sie also die richtigen Wegweiser aufstellt, dann steht einem gemeinsamen Kartoffelsalat vermutlich nichts im Wege … 😉
      Danke dir!
      Morgenkaffeegrüße 😁☁️🐩☕🍪👍

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  3. Sehr schöne Geschichte. Aber ich frag mich mal wieder, wieso es eigentlich nötig ist, Päckchen zu packen und Stolperer zu fingieren. Wieso wird es als ungehörig und distanzlos empfunden, wenn man einfach hingeht und sagt: „Sie sind mir schon seit Wochen aufgefallen und ich finde Sie Sympathisch. Darf ich mich dazu setzen?“

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    • Weil mensch sich nicht aufdrängt. Weil mensch nicht offenkundig Interesse äußert.
      Warum? Positiv gesehen: Um den jeweils anderen nicht in Verlegenheit zu bringen und das Gesicht zu wahren. Stell dir vor, der Mann verabscheut Pudel oder findet die Frau extrem unsympathisch. Was soll er sagen? „Nein, danke, ich wollte eh gerade gehen.“ „Besser nicht, ich kann Pudel nicht ausstehen.“ Okay, das wird wohl nicht vorkommen, wäre aber denkbar.
      Außerdem ist sie vielleicht schüchtern, auch dann ist so eine Aktion leichter. Vielleicht ist es ja auch eine Altersfrage.
      Und last but not least: Dies ist Norddeutschland, hier fällt man mit der Tür anders ins Haus als im Süden 😁
      Mittagskaffeegrüße 😁☁️🐩☕🍪

      Gefällt 2 Personen

    • Fein, dass sie dir gefällt.
      Die Frage nach dem Weshalb kann man im richtigen Leben natürlich stellen und mit „Muss man nicht“ beantworten.
      In der Geschichte bleibt es der Interpretation überlassen, welche Gründe Elisabeth dazu motiviert haben, es umständlicher anzugehen, aber wenn schon nicht romantisch, kann man es ganz pragmatisch erklären:
      im Sinne einer Aufgabe, mit 300 Worten Persönlichkeiten und eine Situation zu beschreiben, die speziell genug ist , ohne Fortsetzung auskommt und dabei im Sinne einer Adventüde bestimmte Themen wie Gebäck, Weihnachten, Plätzchen brauchte, hat Elisabeth einfach backen und stolpern müssen, um einen Grund zu haben, über die Weihnachtszeit zu sprechen. 🙂

      Gefällt 2 Personen

  4. Man muss nur findig sein, allein die Tatsache, dass sich irgendwann jemand in die Gedanken einschleichen kann wirkt tröstlich und romantisch zugleich. Wie schön, dass die „Bemühungen“ auf so fruchtbaren Boden fallen. Ich bin absolut Vertreter davon, dass ohne ein gewisses Zutun – natürlich nur mit Würde und vertretbar – gar nichts in Gang kommt und das Schmachten endlos oder ins Nichts läuft. Man muss sich einfach trauen…. Das viele „Hätte können, wenn…“ kann man sich sparen, das Leben ist zu kurz. Charmant und mit Geschwindigkeit erzählt möchte ich jetzt neben dem kleinen Happyend gerne auf das Große hinlesen. Wunschgedanke – meine Phantasie hat Futter…
    LG Doro

    Gefällt 3 Personen

  5. Was den Kartoffelsalat angeht, wusste ich bis ich Mitte zwanzig gar nicht, dass das so eine große Tradition sein soll – bei uns gab es an Heiligabend immer Fisch. Später hat es in dem Teil der Familie, der noch übrig war, jedes Jahr etwas anderes gegeben.

    Aber nun zu der Etüde. Die finde ich ganz wunderbar, wie sich unverhofft neue Kontakte knüpfen können, einfach schön.

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  6. Eine feine Geschichte, gerade so, wie ich sie gerne mag.
    Eine Geschichte, die wirklich passieren könnte und die ganz sicher schon oft in ähnlicher Weise tatsächlich passiert ist.

    Einsam sein mag keiner und gemeinsam essen und einander erzählen, ist ein wunderschöner Gedanke, aus dem mehr entstehen kann, wenn es passt…

    Liebe Grüße von Bruni

    Gefällt 4 Personen

  7. Parkbänke scheinen im Advent wirklich außergewöhnlich wichtige Lokaltäten zu sein, man findet dort Weisheit und Liebe.
    Und wahre Damen lassen keine Taschentücher mehr fallen, sondern Linzer Stangen.
    Eine herzwärmende Geschichte,die man nur mit einem großen Lächeln zu Ende lesen kann.

    Gefällt 2 Personen

  8. Pingback: Weihnachtspause | Irgendwas ist immer

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