Adventüden 2021 16-12 | 365tageasatzaday

16.12. – Stille Nacht | Adventüden

CN: Diese Adventüde geht nicht gut aus. Gar nicht gut.

 

Klaus legte die Aktentasche nahezu liebevoll auf den Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer. Ab jetzt würde er seine freien Tage bis zum Jahresende genießen. Sich in die Geborgenheit seiner eigenen Wohnung zurückziehen, sich nicht länger mit stundenlangem Kopfzerbrechen herumplagen, sondern einfach alles um sich herum vergessen.

Manchmal wünschte er sich einen Doppelgänger, den er statt seiner hinausschicken könnte in die Welt, um sich vor all den Menschen zu verkriechen, die nicht seine Sprache zu sprechen schienen.

Es blickte versonnen aus dem Fenster. Das Sturmwolkenblau des Himmels kündigte ein Wetter an. Doch er nahm es gar nicht richtig wahr. Sein Herz quälte eine unbändige Sehnsucht: Bratapfel mit Marzipan als Füllung, Kekse auf dem Weihnachtsteller und Mutters Kartoffelsalat nach der Bescherung. DAS war für ihn Weihnachten.

Früher.

Schneeregen setzte ein.

Er bemerkte, dass er immer noch am Fenster stand, und gab sich einen Ruck.

Schritt zum Kühlschrank. Nahm sich einen Eistee. Hielt sich die kalte Plastikflasche an den Kopf.

Er hatte das Gefühl, innerlich zu brennen.

Dann ging er in den Abstellraum und holte den Weihnachtsbaum aus Plastik, den er jedes Jahr verwendete, und den alten Weihnachtsschmuck seiner Eltern, der eigentlich der seiner Großeltern war, hinüber ins Wohnzimmer und begann, das Zimmer mit ein wenig Glitzer zu verschönern.

Mit jedem Stück, das er in die Hand nahm, flossen Tränen über sein Gesicht. Erinnerungen drangen empor und die Gewissheit, dass mit ihm diese Geschichte, die Geschichte seiner Familie endete. Mit über sechzig hatte er keine Hoffnung mehr, dass er dies noch verhindern konnte.

Er legte Dvořáks Achte auf – eine Partitur, die er früher oft studiert hatte –, ging in sein Schlafzimmer, nahm die Tabletten mit hinüber, löste sie in dem Tee auf und trank ihn aus.

Von fern läuteten Kirchenglocken.

Jemand sang mit glockenklarer Stimme »Stille Nacht« auf dem Gehweg unter seinem Fenster.


Autor*in: Kain Schreiber                             Blog: Gedankenflut

 

Adventüden 2021 16-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

107 Kommentare zu “16.12. – Stille Nacht | Adventüden

    • Falls du im Reader liest, weiß ich nicht, wie ich das hinbekommen soll. Ich habe sie jetzt größer gemacht, die Schrift rot und gelb hinterlegt.
      Tut mir echt leid 😩😢 – kann ich was für dich tun? (Ich warne dich vor: Diese Woche kommt noch eine, an der ich schwer trage, seit ich sie gelesen habe.)
      Du bist nicht die Einzige, die schlecht durch die hektischen Vorweihnachtstage kommt, aber dass sie dich so von den Füßen holt …
      Dieser Mann könnte bei uns allen in der Nachbarschaft wohnen, und wir wüssten es nicht …
      Morgenkaffeegrüße dennoch aus der erwachenden Stadt 😏☁️☕🍪👍

      Gefällt 3 Personen

      • Ja, dieser Mann könnte überall sein. Es ist alles okay, ich hatte das nur nicht erwartet. Und gestern war ich für Fotos im Hospiz und hab an dem dort geführten Gespräch hart zu beißen. Einer geht freiwillig und einer kann es nicht verstehen, dass er noch nicht einmal mehr ein letztes Weihnachten mit seiner Familie hat. Das setzt mir zu, zusammen mit dem ganzen anderen Mist da draußen und in meinem Leben, wo ich gerade hadere. Zeit gut nutzen, nichts wegwerfen, aber auch sehen, wenn sich was ändern muss. Ich bin heute sehr porös, wahrscheinlich hätte sie mich sonst nicht so getroffen. Gutenmorgengrüße

        Gefällt 4 Personen

    • Dankeschön!
      Ich danke auch Christiane für die Triggerwarnung!
      Es tut mir leid, dass es „kein guter Morgen“ für dich war!
      Ich wollte der Menschen gedenken, die einsam sind in dieser Zeit. Die oft vergessen werden.

      Ich gestehe, dass ich zu wenig an die gedacht habe, die eine persönliche Betroffenheit mit diesem Thema haben – jede/r auf ihre/seine Art und Weise.

      Dennoch denke ist, dass dies ein Thema sein darf.
      Niemand sollte vergessen werden…

      Gefällt 7 Personen

  1. Hoffnung auf Weihnachten!

    typisch
    einer solls richten
    papa mama schaut ich
    ich bin doch noch kind
    ich muss doch erst lernen
    ihr wollt zuviel von mir
    schaut mich nicht so süß an
    das halte ich nicht aus
    da türmt sich zuviel
    verantwortung vor mir auf
    und ihr
    gebt unhaltbare versprechen

    ach mein kleiner
    wirf das alles weg
    lauf nackt durch den schnee
    vergiss dich
    lauf doch einfach über
    dann läuft du über
    lass alles sinnen über fremde wegelast
    lauf auf deiner eigenen seidenstraße
    die nur vom winde verweht war
    und dann…
    nur weil du noch immer nicht weisst
    wer du bist
    zu lang nun schon die geschichten von
    anfänglicher schuld erster sünde
    hilflosigkeit abhängigkeit
    hörtest
    dass du einen benötigst
    der jungfräulich geboren
    dich erlösend an die hand nähme
    nur wenn du allem und allen entsagst
    das war der wahnsinn nicht du

    nun geh in deine eigene zelle
    schließ die tür und häng zuvor daran ein schild:
    „ich bin zu mir übergelaufen
    ich liege hier in meiner krippe
    und neben mir das leben
    lasst mich in ruhe
    mit diesen zu großen geschichten
    der mir tränen in augen treiben möchten
    mich in hilflosigkeit größer machten
    mich in überflüssige reue treiben
    nur für scheingeschäfte mit seelen
    nur um nicht in ungezündele feuer zu landen
    nein
    ich geh zurück auf los
    da gab es doch
    meinen anfang
    in wunderschönen stillen nächten
    und alles sah verheißungsvoll aus
    die welt war ein gedicht
    nichts reimte sich
    und das war so süß
    da reimte ich mich selber

    Gefällt 3 Personen

    • Dein Protagonisten-Ich hat ein Problem, das ich auch kenne: Mit welchem Recht redet man mir ein, dass da jemand für mich geboren/gestorben ist, macht mir Schuldgefühle und nutzt die aus …
      Da ist radikaler Entzug vielleicht wirklich das Mittel der Wahl … denn es gibt das Geheimnis des Glaubens, man findet es nur nicht im Außen, es erschließt nicht leicht und man kann es nicht lehren … (Also, ich kann es nicht, aber ich bin eh protestantisch, denen fehlt der katholische Glamour.)
      Guten Morgen, hab herzlichen Dank für deinen bereichernden Kommentar! 👍
      Morgenkaffeegrüße 😉☁️☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

      • Ja, ein jeder hat das Recht zu reden. Den Kern sehe ich in der je eigenen, individuellen Protest- u n d Verführbarkeitssucht. Wir alle sind für beides Empfänglich/Bedürftig. Insofern folge ich gerne Nietzsche und dichte „mit dem Hammer“, denn i c h muss „Schlingeln“ mit „Schlingen“ begegnen. Da hilft für m i c h kein Wattbällchenwerfen. Aber bitte: dies gilt für mich!

        Gefällt 2 Personen

        • Ich persönlich habe kein Problem damit, dass du deine eigene Form des Ausdrucks hast, speziell wenn ich dir grundsätzlich zustimme. 😉
          Wobei ich schon finde, dass bei manchen Themen Wattebällchen passender sein könnten. Aber das ist eine Frage laufender Kommunikation, und ich glaube durchaus, dass du da flexibel bist.

          Gefällt 1 Person

      • „Fast in der Wiege giebt man uns schon schwere Worte und Werthe mit: „gut“ und „böse“ – so heisst sich diese Mitgift. Um derenwillen vergiebt man uns, dass wir leben.“ (Nietzsche Zarathrusta III, Vom Geist der Schwere 2, KSA 4.242)

        Gefällt 1 Person

        • „Da jeder, der seine Ketten zerbrochen habe, zunächst in sehr verschiedener Weise an der „Ke t ten-Kr ankheit“ leide, müsse man sich nach der „Emancipation“ auch noch „von dieser Emanci
          pation emancipiren!“ (Nietzsche an Lou von Salomé,)

          Gefällt 1 Person

  2. Nach dem Eingangssatz hatte ich eher an einen etwas boshaften kleinen Weihnachtskrimi gedacht. Tja. leider nicht. Einen Entertainment-Toten kann man verkraften, aber diese Geschichte triggert mich auch, und ACHTUNG! ich antworte mit einem weiteren TRIGGER! weil ich schreibe, weshalb, und warum ich damit mit dem Adventüdenlesen durch bin, das hier meine persönliche Grenze dessen, was man gern tut, überschritten hat.

    Ich war vermutlich besser mental vorbereitet als Alice, weil ich beim ersten Hundemorgengang eh schon in Gedanken beim Thema war, nur dass meine Mutter in den Tagen vor Weihnachten versucht hat sich „davonzuschleichen“, was nicht so recht und nur sehr langsam bis Neujahr dann endlich gelungen ist. Dass man sich noch Jahre später damit beschäftigt, ist wenig überraschend.

    Fall es eine fiktive Geschichte war: auch ich hätte sie lieber nicht gelesen und empfinde Selbsttötungen in den Adventüden als unnötigen Überfall, weil man sich zwar seine Romane im Buchladen einzeln aussucht, aber dieses Projekt nicht nur wegen des persönlichen Geschmacks mitliest, sondern aus Solidarität mit der Etüdengemeinschaft und weil du es dir, Christiane, es verdient hast, am Ende des Jahres mit den Adventüden ein paar nette, weitgehend mühelose Wochen „ernten“ zu können.

    Gefällt 2 Personen

    • Ich hoffe, dass es eine fiktive Geschichte war, und erwarte dazu später die Kommentare von Kain. Ich finde aber, dass die dunkle Seite, wie Christian es eben genannt hat, unbedingt auch zur Vorweihnachtszeit gehört, denn es gibt sie, und sie wird nicht kleiner, wenn niemand sie wahrnimmt und keiner darüber spricht.
      Es tut mir leid, dass du persönlich negative Erinnerungen an die Vorweihnachtszeit hast. Ich lebe nicht in einem Familienverbund, mir ist die spontane Verzweiflung dieses Menschen sehr nahe, und auch, wenn ich finde, dass er sich falsch entscheidet, ist das Realität.
      Und ebenso ganz ehrlich: Ich bin nicht weniger bereit, mich in den Kommentaren über dieses Thema auseinanderzusetzen, wie ich es bin, mich gemeinsam mit allen Leser*innen über herzerwärmende, mutmachende oder alberne Adventüden zu freuen. Das Leben ist groß!
      Triggerwarnung für dich und alle Mitlesenden: Es kommt noch eine, die an die Substanz geht, weil sie, auch das sei schon verraten, auf einem tatsächlichen Geschehen basiert.
      Ich danke dir für deine Offenheit und dein Vertrauen in die Etüdenrunde. Ich hoffe, ich verliere dich dadurch nicht. 🧡 Nichts für ungut. 😩
      Morgenkaffeegrüße mit Nieselregen 😏🌧️☕🍪👍

      Gefällt 5 Personen

    • liebe puzzleblume!
      es tut mir sehr leid, eine solch persönliche Grenze bei dir überschritten zu haben!
      Ich gestehe, dass ich darüber zu wenig nachgedacht habe; aber ich habe eine minimale klitzekleine kleine Hoffnung – denn das wollte ich -, dass es ein wenig zeigt wie es dazu kommen kann.
      Einsamkeit ist ein Gefängnis, aus dem der Einzelne manchmal keinen [anderen] Ausweg findet [vielleicht nicht einmal sucht] und eine eigene (=einsame) Entscheidung trifft.
      Ich glaube sogar: niemand ist daran „schuld“.

      Doch egal, was ich jetzt schreibe: es wird deine Gefühle nicht ändern können.
      Es tut mir leid, dich verletzt zu haben!

      Gefällt 4 Personen

  3. Darf ich „brilliant“ schreiben? Berührend, treffend, großes Kino… meine Tränen dürfen fließen, für den, der da wie viele Andere sein Ende sieht und macht. Realität ist ernüchternd, Tatsachen sind es auch. Ich kann mich der Logik nicht entziehen, die zu den Konsequenzen führt. Ein Drama – kein Drama – eine Frage der Perspektive. Tieftraurig Doro

    Ich wünschte, es bliebe immer ein Funke Illusion übrig, dann würde sowas nicht passieren.

    Gefällt 3 Personen

  4. Das ist wundervoll geschrieben. Intellektuell kann man verstehen, dass dies auch zur Weihnachtsstimmung gehört, gefühlt ist man betroffen.
    Zudem ist es bei so manchen auch durch einen einfachen Vitamin D Mangel ausgelöst.
    Will sagen, traurig aber leider Realität!
    Guten Morgen, Christiane 🥯☕️⭐️🌞⭐️

    Gefällt 3 Personen

  5. Warum gesteht man den Menschen keine Selbsttötung zu, wenn das Leben ihnen total sinnlos erscheint, eine Qual aus welchem Grund auch immer, ist. Es gibt keine „Verpflichtung“ zu leben und er scheint ganz allein da zu stehen –
    Zwar ist 60 noch kein Alter, hoffnungslos zu sein, was die Zukunft anbelangt, aber für ihn ganz allein besteht sie nicht mehr.
    Ich selber muss nicht nur heile Welt in den Adventüden lesen, die Welt ist alles andere als heil, ich lasse mich gern auch auf solche ein.
    Für mich bedarf es auch nach wie vor keiner Triggerwarnung – die Realität hält schlimmere Nachrichten für uns bereit, diese hier sind fiktiv und das ist ein grosser Unterschied. Seelisch langsam an Einsamkeit zu sterben, ist grausamer als so ein Ende.

    Gefällt 9 Personen

    • Liebe Karin, danke. Das Recht auf Selbsttötung (prinzipiell stimme ich zu) möchte ich hier und heute nicht diskutieren, unter anderem auch, weil ich die Zeit dazu nicht habe. Ich weiß, wie es sich anfühlt, Hinterbliebene zu sein, und ich vermute, dass es für mich selbst noch mal was anderes wäre, wenn die*der Tote freiwillig gegangen ist.
      Wie gesagt, bitte nicht heute.
      Ich finde allerdings, dass der Text triggern kann, siehe die anderen Kommentare, und was würdest du sagen wenn er nicht fiktiv wäre, siehe meinen Kommentar zu einer noch ausstehenden Etüde?
      Uneingeschränkt recht gebe ich dir, was deinen letzten Satz angeht, Empfinden ist zwar subjektiv und von daher für Außenstehende nicht leicht nachvollziehbar, aber ja, es ist so, wie du sagst. 🧡👍
      Sei ganz herzlich gegrüßt 😁🌥️☕🍪🕯️👍

      Gefällt 3 Personen

    • Deine Worte … nun: ich fühle mich verstanden! Dankeschön!
      Es ist ein schwieriges Thema, mit dem sich viele Menschen nicht auseinandersetzen möchten. Das von Schuld-Gefühlen, Ratlosigkeit und viel Verzweiflung geprägt ist; dabei ist es doch die Frage, ob es für denjenigen, der geht, nicht einfach nur die richtige Entscheidung ist.
      Doch jede/r hat seine eigenen Hintergründe und Gedanken dazu.
      Es bleibt ein schwieriges Thema.

      Gefällt 5 Personen

      • Das geht mir auch manchmal so. Weihnachten ist ja eigentlich ein schönes Fest, aber es ist so aufgeladen mit Idealvorstellungen, dass es unter dem Ideal quasi sofort zur Katastrophe wird. Irgendwie müsste man es hinbekommen, dass das Ideallevel viel, viiiiel niedriger wird. Die Frage ist nur, wie man das macht.
        Abendgrüße! 🙂

        Gefällt 3 Personen

        • Achtung: Meine Meinung! Das kann nur jeder für sich bzw. mit denen zusammen, mit denen man feiert, von außen passiert das nie, und bei Leuten, die der Meinung sind, dass sie ein „angemessenes“ (sprich: teures) Geschenk „verdient“ haben, ist es eh problematisch. Ich nehme Kinder mal aus. Ansonsten ist die Frage: Bist du selbst das Problem (wie in Kains Etüde) oder sind es die Umstände. Die kann man diskutieren: Was hat dir gefallen, was nicht, was ist dir so wichtig, dass du nicht darauf verzichten kannst, was kannst du UNTER GAR KEINEN UMSTÄNDEN ertragen. Und dann muss man Absprachen treffen – und sich daran halten.
          Ja, Theorie und Praxis, und wenn man das zum allerersten Mal zu Weihnachten übt, ist das vielleicht auch nicht der richtige Zeitpunkt, aber ich schwöre dir, dass dann jemand sagt: Ach, echt, das wusste ich aber gar nicht von dir. Also machen wir doch …
          Abendgrüße zurück! 😀 ❤

          Gefällt 2 Personen

  6. Triggerwarnung!
    Dass an Festtagen mit ihren hohen Erwartungen an Harmonie und kindliche Seligkeit einsame Menschen besonders gefährdet sind, ist verständlich.
    Dieser Protagonist aber, der mit etwas über 60 durchaus sein Lebensruder rumreißen könnte, erstickt an seiner eigenen Sentimentalität. „Niemand liebt mich – Mama, Papa sind tot“. Wäre es nicht an der Zeit, selbst Liebe zu geben anstatt sich zu bemitleiden?

    Gefällt 6 Personen

    • Ja, danke, liebe Gerda, das habe ich mich auch schon gefragt, danke, dass du diesen Aspekt einbringst. Aber es ist seine Entscheidung: Man muss erst mal so weit kommen, dass man das hinter sich lassen kann, und wenn er es nie gelernt hat (warum auch immer) … Bestimmte Themen werden im Alter nicht gerade leichter.
      Mittagskaffeegrüße 🤔😏🌥️☕🍪👍

      Gefällt 3 Personen

  7. Ich sehe das auch ähnlich wie Gerda: das Leben ist halt mehr als Mama, Papa, Bratapfel und für Nachkommen sorgen. Und für einen, der vor seinem Tode noch die Aktentasche ordentlich ausrichtet ist dann wohl auch eine Partnerschaft schwierig. Aber selbst dann halte ich es immer noch in Abwandlung mit den Bremer Stadtmusikanten: etwas Besseres als den Tod kannst du immer noch auf die Beine stellen.
    Und ja, ich glaube auch die dunklen Seiten gehören in die Adventüden, um zu zeigen, dass nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen ist.

    Gefällt 10 Personen

    • Ich würde gerne meine Antwort an Gerda an dich wiederholen, lieber Werner: Ich bin deiner Meinung, aber ich weiß auch, dass das schwer sein kann, und nicht alle bekommen ihr Leben so sortiert, dass sie alleine überlebensfähig sind. Da gibt es verdammt viele Abstufungen. 🤔😉
      Danke, dass auch du die Adventüden mit ihren dunklen Seiten siehst. 👍
      Herzliche Mittagskaffeegrüße 😁🌥️🕯️☕🍪👍

      Gefällt 4 Personen

  8. Eine wunderschön geschriebene Geschichte (mit allen Wörtern!), die dieselbe Ratlosigtkeit zurücklässt wie „echte“ Suizide.
    Warum hat er sich keine Hife geholt?
    Vielleicht war es ein Gefühlsstrudel, eine Depression, aus der er sich allein nicht mehr so freischwimmen konnte, wie Gerda es vorschlägt.
    Aber es gibt Hilfe, nicht mal die Telefonseelsorge ist ihm eingefallen..

    Wir stark Geschichten einen aus dem Hinterhalt anspringen, ist wohl sehr individuell. Marens Adventüde war deutlich aufwühlender für mich.

    Gefällt 2 Personen

    • Glaub mir, wenn es dir schlecht geht, ist die Telefonseelsorge das Letzte, was dir einfällt. Dazu musst dir bewusst sein/werden, dass du auf einer Kippe bist, und du muss da weg wollen. Davon lese ich hier nichts. 🤔
      Das ist individuell, ganz sicher. Ich reagiere mehr auf diese, und ich kann mir gut vorstellen, dass du auf alles, was mit Kindern zu tun hat, anspringst. Und ich zum Beispiel weiß auch von mir, dass mir alles mit Tieren sehr nahegeht.
      Nachmittagskaffeegrüße! 😁🌥️☕🍪🕯️

      Gefällt 1 Person

      • Natürlich glaube ich dir das Und trotzdem finde ich es wichtig, dass immer mehr ins Bewusstsein geholt wird, dass es in solchen Verzweiflungszuständen Hilfe geben kann, genau wie in körperlichen Notfällen
        Und je öfter es wiederholt wird (was ich hiemit tue), desto wahrscheinlicher ist es, dass sich bei Bedarf jemand dran erinnert.
        Bei marens Etüde war es gar nicht mal so, dass es allgemein um ein Kind ging, sondern den Aspekt des „Zurechtbiegens“, wenn man für sein Kind mit der Entscheidung für ADHS Medikamente, Förderschule und Schwerbehindertenausweis ringt, wo er einem doch nur ein bisschen crazy vorkommt.

        Gefällt 1 Person

        • Ich habe in die Triggerwarnungen auch ein paar Telefonnummern gepackt, die von der Telefonseelsorge ist auch dabei. Ich will gern mit dir glauben und hoffen, dass man sich dann eher und leichter daran erinnert, wie gesagt, das Hilfe-Wollen muss dafür gegeben sein …
          Mir war schon klar, warum du so auf Marens Adventüde reagiert hast, wie auch nicht …
          Einen schönen Abend dir und euch! 😁🕯️🌟🕯️🍷🥘👍

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  9. Pingback: 16.12. – Stille Nacht | Adventüden — Irgendwas ist immer – Gedankenflut

  10. Liebe Adventüdelinge!
    Liebe Christiane!
    Ich bin schwer beeindruckt wie kontrovers und intensiv mein Beitrag hier diskutiert wird!
    Liebe Christiane! ich danke dir, dass du so intensiv und aufmerksam gegenüber jedem Einzenem moderierst! Danke!
    Die Geschichte ist reine Fiktion und gedenkt all jener, für die es – meiner Meinung – gerade in der Weihnachtszeit unerträglich wird, die eigene Einsamkeit auszuhalten; die in eine ganz persönliche Ausweglosigkeit umschlagen kann.
    Ich selbst bin im Leben selten allein gewesen und habe mich trotzdem schon oft sehr einsam gefühlt.
    Einsamkeit ist ein schlimmes Gefängnis.
    Ich wollte an diese Menschen erinnern.

    Natürlich macht es mich betroffen, dass es für jemanden das Ende der Adventüden bedeuten kann.
    Das tut mir sehr leid. Ich kann es verstehen/nachvollziehen und es tut mir trotzdem leid.

    Das Thema Freitod ist kein Thema, dass man jetzt (in der Vorweihnachtszeit) diskutieren möchte. Aber das ist es nie.
    Ich wollte aber auch zeigen: es ist eine ganz persönliche Entscheidung. Die jedem zusteht.
    Jemand schrieb hier: Es gibt keine „Verpflichtung“ zu leben…

    und so danke ich euch allen!
    für die rege Diskussion
    für die Anteilnahme
    für unsere gemeinsame Zeit!

    Danke!

    Gefällt 11 Personen

    • Lieber Kain, vielen Dank, ich komme gerade von dir. Ich finde, dass speziell Beiträge wie dieser sorgfältig beobachtet werden müssen, eben weil sie nicht nur Wohlgefallen auslösen. Wie du schon schreibst: Das ist kein Thema, über das man diskuitieren möchte – eigentlich wirklich nie. Von daher bin ich glücklich, dass du keinen konkreten Fall vor Augen hattest, denn auch das hätte ja sein können.
      Du hast meine Kommentare gelesen, deine Adventüde geht mir nahe. Ich danke dir, sie bleibt hängen, auch wenn ich sie ziemlich schlimm finde – aber realistisch ist sie. Danke.

      Gefällt 2 Personen

    • statt eines Kommentars ein Gedicht: remember Paul Celan
      und für alle die hier betrofffen waren

      how dare you
      du bitterböse absicht
      machst schwindelnd schwankend schwer
      wie wächst
      ein leben mit so dunklen schleiern
      wie so ein kampf zu dritt
      eins will eins trauert
      eines lauert

      was ist in mir gelegt
      dass wege gern nach unten gehn
      welch blitz
      hat grell in mir den platz gefunden
      mein aug bot wohl einlass dir
      verlor so mit der zeit den blick für buntes
      und riss ichs mir auch aus
      das außen bleibt bestehn und wächst

      mein kopf will
      drücken hämmern kämpfen
      doch braunes mich nur schmerzen
      ich gleite so ins leben
      nur nicht hierhin zu dir und mir
      nur meist ins innerste daneben

      was treibt
      die wunden aller menschen an mein magnetisch herz
      die lebenslast
      die allen aus den händen gleitet
      sie läuft
      zu mir und dringt ins tiefste tief und bleibt
      sie zieht mich stark auf eine seite
      seitem geh ich so schwer so hoffnungsleer

      die tausend jahre
      stachen spitze salven mir ins herz
      es reicht
      für alle ewigkeit und weiter weitest weit
      sie ziehn mich
      an des wassers rand und wollen von mir
      stürze
      sie stürzen
      auch mit mir nun werde ich so leicht

      dabei hätt ich so gerne
      so leicht gelebt geliebt gesungen
      doch gibt es schlingen
      die noch weicher sind als hart

      Gefällt 2 Personen

  11. Ein toller und leider auch ein realer Text, denn gerade um die Weihnachtstage herum steigen leider auch jedes Jahr die Suidzidraten gerade einsamer, depressiver Menschen an. Ich persönlich finde es wichtig, dass man auch traurige weihnachtliche Texte schreibt (Mache ich auch.), denn das Leben schreibt nun mal nicht nur rosarote Geschichten mit Happyend.

    Gefällt 5 Personen

  12. Eine der besten Adventüden überhaupt… Und ich frage mich grade, wie viele jener Mitleser:Innen, die vom Thema Selbstmord an Weihnachten auf unterschiedlichste Weise tief berührt sind, einen einsamen Menschen in ihrer Nachbarschaft zu sich einladen würden, um ihm ein schönes Weihnachten in Gesellschaft zu bescheren…

    Gefällt 5 Personen

    • Wenn man sich kennt, vielleicht. Wenn nicht, vermutlich auch nicht.
      Denn dann kommen solche Überlegungen wie: Ich bin zwar allein, aber ich möchte kein Fall für die Wohltätigkeit sein, sprich, dass sich jemand gut fühlt, wenn er mich einlädt und es gar nicht um mich geht usw. usw.
      Wie gesagt, kann anders sein, wenn man weiß, dass man ähnlich tickt.
      Müde Grüße 🥱😏🍷👍

      Gefällt 1 Person

    • Aber wäre es denn nicht die größte und schönste aller Weihnachtsgaben, wenn man einen einsamen und verzweifelten Menschen durch einen gepflegten Festabend, durch ein wenig Geborgenheit, Gemeinsamkeit, Freundschaft, Wärme, Harmonie davon abbringen könnte, sich das Leben zu nehmen?
      Für mich ist die Weihnachtsgeschichte auch ein bisschen eine Allegorie davon: Maria und Joseph werden überall abgewiesen, niemand öffnet ihnen eine Tür, niemanden kümmert ihr Los. Und dann finden sie diesen Stall, und die Hirten, ihnen völlig unbekannte Menschen, sind bei ihnen und geben ihnen das Gefühl: Ihr seid nicht allein, nicht einsam, nicht verlassen…

      Gefällt 2 Personen

      • Ja, wäre es. Aber da ist ein riesiger Unterschied zwischen Theorie und Praxis, und wenn du das nicht siehst, dass das nicht so einfach ist, deinen Vorschlag umzusetzen, klaffen unsere Erfahrungswelten so weit auseinander, dass ich nicht weiß, wie ich darauf reagieren soll. Ich denke seit gestern Abend darüber nach, was ich dir dazu antworten kann, sorry. 🤔😉
        Nachmittagsteegrüße 😏🌧️🍵🍪🕯️👍

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        • Wieso sollte ich nicht dazu fähig sein, zu sehen, dass mein Vorschlag nicht so leicht in die Tat umzusetzen ist? Wenn das deine Meinung von mir ist, und unsere Erfahrungswelten so sehr auseinander klaffen, dann ist es wohl das Beste, wenn sich unsere Wege hier in Bloggerhausen wieder trennen.
          Mach’s gut.

          Gefällt 1 Person

        • Dann lass uns darüber nachdenken, wie das bei jemandem wie Kains Protagonisten konkret aussehen könnte. Das sollte kein Angriff gegen dich sein, ich kenne dich einfach nicht gut genug und habe einfach nur deine Aussage interpretiert.

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  13. Es ist eine sehr sehr traurige Geschichte, die ich hier lese.
    Es wurde so viel dazu gesagt, daß ich es nicht auch noch tun möchte.
    Aus verschiedenen Gründen war es für mich von Anfang bis Ende eine fiktive Geschichte, und das war sehr gut so, sonst hätte sie mich nach meinem Telefongespräch, das ca. eine Stunde vor dem Lesen stattfand, doch zu sehr in ein tiefes Loch gezogen. So aber konnte ich mich gut abgrenzen.

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