Adventüden 2021 17-12 | 365tageasatzaday

17.12. – Das Wesentliche | Adventüden

Weihnachten, das Fest der Liebe und des Fressens«, pflegte ihr Vater zu sagen.

Sie sehnte sich zurück in die Unbeschwertheit und Geborgenheit ihrer Kindheit. Diese schönste Zeit des Jahres, besinnlich, voller Überraschungen und Vorfreude, voller Glauben, Liebe, Hoffnung. Jahr für Jahr jagte sie diesen Erinnerungen nach. Sie einzufangen, sie noch einmal zu spüren, das wäre so schön.

Doch auch wenn mit jedem Jahr ihre Kekse perfekter wurden, der Weihnachtsschmuck im ganzen Haus Tannenduft verbreitete, ihre Sehnsucht nach dem Vergangenen erfüllte sich nie. Es war ihr nie wirklich gelungen, dieses Glück ihrer Kindheit zu reproduzieren oder anderen zu vermitteln. Dem Sohn nicht, dem Mann nicht, sich selbst nicht. Sie hatte die Partitur des Weihnachtsglücks verlegt.

Wo war das kleine Mädchen, das aufgeregt jeden Tag die Bilder im Adventskalender betrachtete? Wo das Mädchen, das den Kater auf dem Schoß, den Hund zu ihren Füßen in den Weihnachtsbaum blinzelte, bis die Lichter der Kerzen scheinbar in einen einzigen wunderschönen Stern aus Glitzer verschmolzen?

Sie blieb Vergangenheit. Und kein noch so leckerer Bratapfel, kein Marzipan, kein nach altem Rezept gemachter Kartoffelsalat konnten ihr das Gefühl von Frieden und Hoffnung, wiederbringen.

Weihnachten war mit jedem Jahr mehr zu einem Beamten geworden, der in seiner Aktentasche eine wachsende To-do-Liste mit sich führte:

Weihnachtsdeko – check,
Plätzchen backen – check,
Geschenke – check …

Wann war aus glitzernder Wärme drohendes, einsames Sturmwolkenblau geworden?

War es die Hektik im Job, die gerade zum Jahresende hin einen Höhepunkt erreichte: dringender Projektabschluss hier, Jahresplanung da? Waren es familiäre Probleme?

Nein. Es würde nie mehr so werden, einfach, weil sie selbst nicht mehr so war wie das kleine, vertrauens- und hoffnungsvolle Mädchen unterm Weihnachtsbaum.

Es wurde endlich Zeit, einen neuen Anfang zu finden.

Weihnachten: das Fest der Liebe? Ja!

Die wichtigste Frage ist aber nicht, wer dich liebt, sondern, wen du liebst.


Autor*in: Donka                             Blog: onlybatscanhang

 

Adventüden 2021 17-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

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53 Kommentare zu “17.12. – Das Wesentliche | Adventüden

  1. Die Diktatur der Gegenwart überspielt das Vergangene. Wir sind Sklaven des Augenblicks und deshalb immer an einem Ort „HierJetzt“. Und doch blitzt im selben Augenblick etwas auf, so als hätte uns jemand oder etwas einen Ausgang verschafft.
    „Du musst Dein Leben-Denken ändern“
    klingt es von nah und von fern. Denn wo das Bindende agiert, muss es einen Freiraum geben.
    Das, was uns als Last erscheint, ist offensichtlich gleichzeitig die totale Chance, das große Los neben den enttäuschenden Nieten. Lose gibt es nur zu Zweit. Wo Deine Wunde ist, dort ist Deine Aufgabe. Denn dann, wenn ich anfange Bindung und Freiheit in einen Raum zu stellen – nicht wie die Schatten in der platonischen Höhle hinter mir, sondern Auge in Auge, Hand in Hand als das, was sie sind, dann plötzlich explodiert mein Raum. Nicht ins unendliche, aber – als hätte ich Fenster in die Höhle gestemmt – zu einer wohltemperierten Bühne. Dann erwärmen meine guten Erinnerungen den Raum, dann setzen sich Eiszapfen ans Fenster und spielen ein Schaudern in die Ecken. Dann ziehen die Sonnentage am Meer ein und meine Melancholie folgt ihnen eine Weile. Plötzlich bin ich alleine zu Hause und darf den Weihnachtsbaum zum ersten Mal selber schmücken. Kann für Stunden nur meine Musik ins Radio und auf den Plattenteller legen. Kann dekorieren wie ich möchte. Endlich passen Rocksongs und Weihnachtskugel, Tradition und Moderne zusammen: wie neugeboren aber direkt erwachsen.

    Dann schaue ich enttäuscht ob ihres frühen Wiederkommens in die staunenden Augen der Eltern und wische mir die Träne aus den Augen über die Vergänglichkeit dieser seligen Stunden. Und es dauert nicht lange, da lockte die Christmette und ich lief alleine durch die Nacht und den hohen Schnee in die Kirche, in der ich vor der ganzen Gemeinde die Weihnachtsgeschichte vortragen durfte. Zurück in die heimische Stube waren die Socken und Hemden nicht wirklich die Überraschung. Zu allem galt es schweren Herzens, ein Gedicht vorzutragen.

    Diese seligen und unseligen Stunden stehen nun neben den tragischen, traurigen in einem Raum. Wenn ich ganz stark bin, dann hole ich sie aus den verstaubten Kisten, vorsichtig wie zerbrechliche Kugeln. Manche sind Standard, andere Handbemalt. Sie alle wollen an meinen Lebensbaum und ich sehe, wie er unter dieser Fülle fast zerbricht. Aber nur fast! Denn ganz oben wachsen neue Zweige, an denen noch Platz ist. Und mitten in diesem Baum ganz unscheinbar steht meine Krippe und darüber in bunten Lettern: „La trahison des images“.

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    • Jeden Morgen bin ich gespannt auf deinen Kommentar.
      Du musst dein Leben ändern? Das ist ein guter Satz mit der Wunde und der Aufgabe, der verdient es, dass man darauf aufmerksam wird.
      O ja, wir machen uns unsere Vergangenheit selbst, indem wir manches erinnern und anderes verdrängen, und die Gegenwart auch. Es gilt, den Frieden mit dem Erlebten zu machen, dass es nicht überlagert, sondern stärkt, und mutig (und frei) nach vorn zu schauen. „Ceci n’est pas une pipe.“ Leben ist machbar.
      Übrigens denke ich, dass du einen Blog brauchst, in den Kommentaren gehst du unter.
      Morgenkaffeegrüße 🥱😁☁️🕯️☕🍪👍

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      • Sorry..„Du musst Dein Leben-Denken ändern“…
        Also wir leben immer ein bisschen „Blind und Leben“ also fast „automatisiert“. Aber zusätzlich Er-Denken wir uns Leben.
        Wir sind „Gleichzeitige (mal abgesehen von den Mails die ich dabei noch lese und beantworte)
        Z.B. Wir gehen, weil es sein muss automatisiert „Einkaufen und während des Einkaufens denken wir an „Ferien“. So kämpft der blöde lästige Einkauf gegen meine wunderbaren Ferien was dem Einkauf eine noch größere Qual zukommen läßt, auch wieder fast automatisiert. (Gefühle schlafen nicht) In diesen Abläufen liegt verborgen dann schon der nächste Gedanke: das Leben das ich führe ist eher eine Last. Diese „Last“ versuche ich -mangels Ferienzeit- dann als nächstes mit noch mehr Einkauf zu lindern, zu überdecken. Denn was ist das Leben wenn ich nur mit dem Nötigsten heimkomme? Leer…!!!. Das alles schreibe ich nicht als Moralist sondern aus reiner Erfahrung! Vielleicht gibt es da draußen ja Leidensbrüder und -schwestern. :-)))

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      • Ja und ja. (Wobei ich beim Einkauf an den Einkauf denke, sonst vergesse ich die Hälfte.) Was ist das Leben, wenn du nur mit dem Nötigsten heimkommst? Ja, leer (vielleicht), und es liegt an dir, wie du das interpretierst – ich setze mal nicht beim Lebensnotwendigen an. Was brauchst du und wie viel. Immer dieselben Fragen … 😉

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      • Das „Nötigste“ ist keine Leere sondern für mich die „Erfüllung“.
        Ja, immer dieselben Fragen..(die ewige Wiederkehr).
        Das ist die Lösung: Beim Einkauf an den Einkauf denken.

        Ein Mönch kam zu Zen-Meister Joshu und sagte, “Ich bin eben erst dem Kloster beigetreten und bin noch neu hier. Bitte unterrichte mich.”
        Joshu fragte, “Hast Du Deinen Reisbrei gegessen?”
        Der Mönch antwortete, “Ja, ich habe gegessen.”
        Daraufhin antwortete Joshu, “Dann solltest Du lieber Deine Schale waschen.”
        In diesem Moment war der Mönch erleuchtet.

        Gefällt 4 Personen

    • Ja, das denke ich auch, das ist eine sehr beeindruckende und bedenkenswerte Adventüde.
      Nicht an der Vergangenheit zu kleben ist für viele gerade zu Weihnachten eine große Aufgabe, beweist aber auch, dass wir in unseren Alltagen etwas falsch machen, wenn sie uns so wenig lebenswert erscheinen … 🤔
      Hab Dank.
      Grüße in die Sonne (noch?) 😁☁️🕯️☕🍪👍

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      • Heute Nacht zurück gekommen und mein Herz hinkt noch ein wenig hinterher😘 ich bin sehr dankbar, dass ich in Dezember diese wunderbaren Sonnentage hatte🌞😊
        Und was du oben schon schriebst: Aussöhnung mit der Vergangenheit, Frieden schliessen- erst dann ist wohl auch ein Neuanfang möglich.
        Morgenkaffeegrüße, grau, aber schön 🌫😊☕💃

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      • Ich glaube, dass es so ist, dass man die Vergangenheit bearbeiten muss, um unbeschwert weitergehen zu können, die Betonung liegt auf „unbeschwert“, denn natürlich lebt man jeden Tag. „Früher war alles besser“ – ja, das gibt es, speziell emotional, aber früher war mensch auch jünger/anders/Kind …
        Komm gut an! 😁👍🕯️☕🍪👍

        Gefällt 2 Personen

  2. Mit „früher war alles schöner“ versäumt man sein Leben. Der letzte Satz der Etüde dagegen ist ein ganz großer, eine Erkenntnis, die ganz viel verändern kann. Vom ewig Vergangenheitssüchtigen zum Lebensbejahenden, von Sehnsucht zum Glück

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  3. Ich denke, dass Menschen einen großen Fehler machen, wenn sie die Vergangenheit glorifizieren. Aus der Sicht eines Kindes beurteilt, ist es noch einmal eine andere Sache. Man nimmt sich die Freude für den Moment und die aktuellen Erlebnisse haben kaum eine Chance, mit den vielleicht „rosaroten“ Erinnerungen mitzuhalten.
    Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb gefällt mir die Adventüde.
    Liebe guten Morgen Grüße, B.☕️⭐️🍀⭐️☕️

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  4. Christiane, ich finde die gestrige und die heutige Etüde hast du wunderbar aneinander gefügt
    Donka: Mir gefällt das Bild von dem gestressten Weihnachtsbeamten, so komme ich mir auch manchmal vor, Weihnachten ist immer geneigt mich von der ausbalancierten Überforderung in die entgleiste Überforderung zu schubsen.
    Und dann ist es gut sich an den letzten Satz zu erinnern , wichtig sind die, die man liebt und vielleicht auch die, die einfach zufällig um einen rum sind und zu Weihnachten einen liebevollen Blick verdient haben.
    Und dann können neue Erinnerungen geboren werden,, anstatt dass den alten hinterher gejault wird.
    (Wir schaffen denn dieses Jahr die Erinnerung Quarantäneweihnachten ;), ich darf allerdings pünktlich zim 24,.wieder arbeiten, aber Besuch darf noch nicht wieder ins Haus…)

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  5. Pingback: 17.12. – Das Wesentliche | Adventüden — Irgendwas ist immer – Die Fledermaus

  6. Die perfekte Folge-Adventüde! Ich kann die Protagonistin sehr gut verstehen. Vermutlich wäre der Ideal-Weihnachtzustand erreicht, wenn man die Vergangenheit glänzen lassen oder verkraften kann und offen ist für neues in der Gegenwart. Wie gesagt, das wäre der Idealzustand. Man kann ja dran arbeiten. 😊

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    • Ich bin grundsätzlich dankbar, wenn ich bei solchen Sachen ein Ziel erst einmal definieren kann, und wie du finde ich, dass Donka das prima auf den Punkt gebracht hat. 😁
      Müde Nachmittagsteegrüße 😏🌧️☕🍪👍🕯️

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  7. Lautet die wichtigste Frage nicht, ob man sich selbst liebt? Ach, es ist so wichtig sich in dieser Selbstoptimierungswelt das Innere Kind zu bewahren, um sich noch freuen und wundern zu können. Es gibt keinen Weg zurück, es gibt einen Weg etwas zu ändern. Machen wir Weihnachten wieder magisch! 😊🎄🙏

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  8. Funktionieren tötet den Glitzer? Ich weiß es nicht, aber ich glaube, dass, wenn wir nicht selbst für uns sorgen, noch ein wenig Glitzer für uns behalten, wir den Zauber nicht mehr erleben – Ernüchterung tritt ein. Vielleicht würde Selbsterhaltung und nicht Aufopferung den Glitzer wieder aufleben lassen. Und dann natürlich neu, nicht wie früher. Gerne mit neuem Schwung anders, nach vorne. Heute im Yoga habe ich mein Herz nach vorne schieben sollen – das hat mich sehr berührt. Und kann auf keinem Fall schaden, niemanden.
    Gute Etüde – gute Erinnerung!
    LG Doro

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  9. Pingback: Weihnachtspause | Irgendwas ist immer

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