Adventüden 2021 19-12 | 365tageasatzaday

19.12. – Fräulein Honigohr und die Weihnachtsfeier | Adventüden

Fräulein Honigohr nimmt einen winzigen Löffel Kartoffelsalat, dann guckt sie unentschlossen in den Punsch. Ihr ist nicht nach Punsch. Eigentlich auch nicht nach Kartoffelsalat, aber wenn sie schon mal hier ist, sollte sie wenigstens irgendetwas mitmachen. Sie hat bereits strafende Blicke geerntet, weil sie keine Lust auf Kekse hatte, den Begrüßungssekt zu süß fand und den Marzipanteller unberührt weitergereicht hat. Beim Smalltalk hat sie sich zusammengerissen, den unwillkommenen Flirtversuch elegant abgewehrt. Sie guckt den Weihnachtsschmuck vor ihrer Nase an. Ihr breitgezogenes Gesicht spiegelt sich wie in Rotwein getunkt.

»Honigöhrchen! Lust zu tanzen?«

Glühweingetränkter Atem weht ihr ins Ohr.

»Nein, wirklich nicht«, antwortet sie gereizt. Honigöhrchen! Frechheit! Irgendetwas muss in ihrem Blick gelegen haben, denn der Glühweintrinker sieht beleidigt aus.

»Du musst ja nicht«, murmelt er verschnupft und tritt den Rückzug an.

Fräulein Honigohr seufzt. Sie hätte nicht kommen sollen. Ihr ist heute einfach nicht nach Weihnachtsfeier. Es ist nicht kalt genug, das Jahr war lang, sie ist müde. Aber so miesepetrig sollte sie auch nicht sein, die anderen haben nämlich Spaß, das kann sie sehen. Sie starrt in die Weihnachtskugel. Ihr rotes Doppelgängergesicht starrt zurück. Fräulein Honigohr spitzt die Lippen, dann tippt sie die Kugel an.

»He, du«, flüstert sie, »hättest du Lust, da mal rauszukommen?«

Die Fräulein-Honigohr-Spiegelung reißt die Augen auf und nickt so enthusiastisch, dass die Kugel ins Schwingen gerät. Fräulein Honigohr lächelt und schließt kurz die Augen, dann sitzt sie in der roten Kugel und ihre Spiegeldoppelgängerin steht vor dem Punschtopf. Nur der breitere Mund verrät, dass da nicht das Original begeistert das Buffet abräumt und oben auf den Berg Kartoffelsalat noch einen Bratapfel legt.

»Tanz, meine Schöne«, flüstert Fräulein Honigohr und macht es sich in der roten Kugel gemütlich. Sie sehnt sich nach Sturmwolkenblau und Schneeregen. Ob die blaue Kugel neben ihrer roten schon belegt ist?


Autor*in: Tanja                               Blog: Stachelbeermond

 

Adventüden 2021 19-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

69 Kommentare zu “19.12. – Fräulein Honigohr und die Weihnachtsfeier | Adventüden

  1. Ich mag Fräulein Honigohr auch sehr. 💕
    Ich hoffe, sie muss nicht alles ausbaden, was ihre Doppelgängerin vielleicht noch anstellt. Weil sie wohl auch wieder zurückkommen wird, nehme ich an.
    Aber sich einfach so mal kurz wegwünschen zu können, in eine Weihnachtskugel zum Beispiel, das ist ein sehr reizvoller Gedanke.
    Danke für diese Geschichte!
    Liebe, beinahe einmal – und das kommt vor allem für mich selbst überraschend – entspannte Adventgrüße! 😎
    Veronika

    Gefällt 4 Personen

  2. Die Zen-Nonne Chiyono trug Wasser in einem klapprigen Eimer. Der Boden fiel heraus und das Wasser ging verloren. In diesem Moment war Chiyono erleuchtet.
    Kein Wasser im Eimer, kein Mond im Wasser.
    Kein Spiegel, keine Reflexion. Kein Verstand, keine Welt.

    Gefällt 2 Personen

    • Ich muss mich wieder bei dir bedanken (auch wenn ich den Bogen zu Fräulein Honigohr nicht so ganz hinbekomme). Nachdem ich nicht sicher war, ob ich die Geschichte verstehe, habe ich mich auf die Suche gemacht.
      Fündig geworden bin ich bei Osho (hier klicken) und in dem (vermutlich automatisch übersetzten) Text zu einem japanischen Bild auf alamy.de (hier klicken). Interessant fand ich auch, dass Kaga no Chiyo eine überaus bekannte Poetin war, die zu Bashos Erben gerechnet wurde, und dass eines ihrer bekanntesten Haikus mit einem Eimer und dem Wasserholen zu tun hat … (siehe die englischsprachige Wikipedia, hier klicken). Eine wirklich gelungene, kunstvolle Geschichte über das Aufgeben der Konstruktion Ego und das Aufgehen im Jetzt – ich kann es nicht besser ausdrücken, danke.

      Gefällt 1 Person

      • Deine Antwort hat mir geholfen, Christiane, aber ich gebe zu, ich verstehe es immer noch nicht ganz. Andererseits habe ich aber gerade wieder gemerkt, wieviel ich nicht weiß, und wie wenig ich insbesondere über Zen-Buddhismus weiß. Ich bin mir nicht sicher, ob ich im Jetzt aufgehen will, aber es ist ein interessanter Gedanke.

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        • Erleuchtung, so wie ich es verstanden habe, ist ein Aufblitzen, das alles verändert, weil mensch danach alles in einem anderen Licht sieht. Das überschreitet die Grenzen des Egos (und reißt sie ein – es ist größer), wobei ich mir darunter nie wirklich etwas vorstellen konnte, bis ich darauf gekommen bin, es als Wegfall sämtlicher Filter zu bezeichnen, durch die mensch die Welt normalerweise sieht, die Vorstellung davon, wer und wie mensch selbst ist, inklusive.
          Das ist kaum zu beschreiben und eigentlich auch kaum nachvollziehbar, aber vielleicht ist es ja ein Ansatz, mit dem du kannst … 🤔😉🌟
          Abendgrüße 😁🕯️🍷👍

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  3. Oh wie schön, zum Wohlfühlen und Schmunzeln. Es gibt Zufluchten in Kugeln, wo diese sowieso schon in meiner besonderen Aufmerksam liegen seit der letzten KugelEtüde.
    Ich freue mich diebisch mit Fräulein Honigohr, die Ihr Double sunshining agieren lässt – das Breite des Lächelns sehe ich genussvoll vor mir. Es sollte immer solche Vertreter geben, die den Laden in Schwung halten und die liebe Seele hat Ruh.
    Lg Doro

    Gefällt 3 Personen

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