Adventüden 2021 21-12 | 365tageasatzaday

21.12. – Das andere Weihnachtsfest | Adventüden

Wir waren eingeladen wie die Jahre zuvor. Der begüterte Zweig der Familie lud zum piekfeinen Weihnachtsessen. Lustig und fein? Nein, vielmehr eine Zurschaustellung von Reichtum und Dekadenz, was die werte Verwandtschaft an den Tag legte. Die Tante hatte einen reichen Mann geheiratet, niederer Adel zwar, aber immerhin Adel. Die gesamte Familie sollte zusammenkommen, die Schwestern der Tante, es waren ihrer insgesamt drei, deren Kinder (dazu zählte ich), Partner, Kindeskinder. Es wuselte nur so. Die adelige Familie saß wie üblich im heimeligen Prunksaal, der Rest im angrenzenden Speisesaal, immer noch prächtig, aber längst nicht so gemütlich. Ein Unterschied musste schließlich sein. Sie hatte eingeladen, aber all diese Mäuler zu stopfen bescherte ihr Kopfzerbrechen, denn der reiche Onkel war längst nicht mehr so reich wie früher.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis irgendwer trockene Kekse herumreichte, das versprochene Festessen ließ auf sich warten. Keiner wusste, ob der unbezahlte Koch das Geschirrtuch hingeschmissen hatte oder etwas anderes schuld war. Die Kinder wurden quengelig und die Erwachsenen murrten.

Die Tante gab sich unbeirrt arrogant, beklagte Undankbarkeit, es wäre doch ein wunderbares Fest. Der Missmut nahm zu und lange schwelende Konflikte brachen hervor.

Ich, normalerweise die Vernünftige, hatte genug von dem Tamtam, verabschiedete mich und erklärte, dass ich nach Hause führe und den Grill anheizen würde. Es war Dezember, der Schnee lag hoch, man hielt mich für verrückt. Aber verrückter als die neureiche Tante konnte ich wohl auch nicht sein.

Der Großteil der Familie schloss sich an, wir verließen das Herrenhaus, es reichte uns. Jemand organisierte Kartoffelsalat, andere brachten Bratäpfel und Marzipan. Diverses Grillgut fand seinen Weg auf meine Terrasse. Sturmwolkenblau leuchtete der nächtliche Himmel über uns, die angezündeten Fackeln spendeten schwaches Licht, die Kinder tobten im glitzernden Schnee. Wir sangen Weihnachtslieder, zitterten dabei vor Kälte und tranken Glühwein.

Es war das allerschönste Weihnachtsfest aller Zeiten!


Autor*in: Veronika                        Blog: vro jongliert

 

Adventüden 2021 21-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

68 Kommentare zu “21.12. – Das andere Weihnachtsfest | Adventüden

  1. … Und die Adligen können jetzt endlich Kaviar und Champagner auftischen, die nicht für alle gereicht hätten. Und das dämliche Gesocks vom Fußvolk sind sie auch endlich los. Mögen sie sich mit hoch erhobenem Haupt ordentlich dran verschlucken!
    Ich wär auch lieber bei der Grillparty dabei, sofern es drinnen im Warmen eine Couch zum abhängen gibt.

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  2. Sehr schön.
    Mich hat es beim Lesen schon etwas gefröstelt – die Atmosphäre bei der Tante, gewöhnungsbedürftig.
    Ich bin zwar nicht die große Schnee- und Winterliebhaberin, aber dann doch lieber ein Wintergrillen mit anschließendem aufwärmen zu Hause.
    Und übrigens: Ich bin am 23. noch bei einem Geburtstagswintergrillen im Freien eingeladen…
    Herzlich
    Judith

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  3. Frei machen von all den Zwängen, die noch nicht mal Spaß machen. Warum überhaupt hingehen? Weil es sich so gehört? Oder auch lästige aber bequeme Routine? Ich finde für solche Events gehören immer mehrere, welche die die Bühne brauchen und die die klatschen. Ohne einander funktioniert es nicht. Da sind alle gleich beteiligt. Jeder hat seine Rolle. Wie schön, dass die Zeit für Selbständigkeit angebrochen ist. Und es ist gelungen. Das sollte zu denken geben. Sehr tiefsinnige Geschichte – ich bin gegen Grillen im Schnee aber ganz doll für Eigenständigkeit!!! Vive la Liberté – ich find, in französisch hört es sich einfach schöner an…
    LG Doro

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    • Okay, das hier ist wohl der Klassiker einer Veranstaltung, die keiner (mehr?) braucht. Prinzipiell finde ich es aber völlig okay, auch mal was zu tun, worauf man keine Lust hat, zum Beispiel, um jemandem einen Gefallen zu tun, um jemanden zu sehen etc. etc. Nicht alles, was nicht peppt, ist deswegen gleich schlecht.
      Solltest du die sein, die im Warmen den Glühwein kocht und ausschenkt, bin ich die, die dir hilft 😎😉🍷🌟👍

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      • Ja, Glühwein, GlühMost, Glühappelwein… alles was schmeckt. Und natürlich hast Du recht mit der versöhnlichen Absicht, ein paar Kompromisse einzugehen. Aber die Geschichte rief Revolution, zumindest habe ich das jauchzend vernommen… und mich hinreißen lassen Lach.
        Glühwein im Warmen wird auch nicht so schnell kalt…
        Komm rum…
        LG Doro

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  4. Wie man hier schön lesen kann, muß nur eine den ersten Schritt zur Veränderung machen und schon wirkt dieser Schritt auch wie ein Wegweiser für andere, um mit einer ungeliebten Gewohnheit – und streng genommen mit einer zwischenmenschlichen Höflochkeits-Lüge – endlich aufzuhören und etwas Neues zu wagen, das den eigenen Neigungen wesentlich mehr entspricht.
    Ich habe bisher alle Aventüden-LekTÜREN mit regem Interesse geöffnet und gelesen.
    Die inhaltliche, stilistische und emotionale Bandbreite ist abwechslungsreich und bemerkenswert.
    Und auch der lebhafte, gehaltvolle Kommentar-Kometenschweif, der sich an jeden Beitrag anschließt, ist sehr lesenswert.
    Hab‘ Dank, liebe Christiane, für die organisatorische Fleißarbeit und die überaus achtsame Moderation der Aventüden.
    Ganz herzlich grüßt
    Ulrike 💫 ⛄ 🎄 💖 🎄 ⛄ 💫

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    • Liebe Ulrike, recht herzlichen Dank für das große Lob aus berufenem Mund, denn auch deine Kommentarschweife können sich ja in der Regel mehr als sehen lassen, und ich habe abends mit großem Vergnügen deine Spur bei mir verfolgt.
      Ja, Fleißarbeit, ja, Aufwand, aber auch wie jedes Jahr der doch krönende Abschluss des Etüdenjahres. Und auch, wenn ich fluche, es ist doch irgendwie schön 😁
      Ich möchte anmerken, dass ich gar nichts gegen zwischenmenschliche Höflichkeitslügen habe, speziell zu derartigen Gelegenheiten wie Weihnachten, wo es immer passieren kann, dass mensch auf Leute trifft, die mensch aus gutem Grund das ganze Jahr gemieden hat. Allerdings gilt das für alle Beteiligten, und eine Veranstaltung, die schon vom Konzept her derartig verlogen ist wie die geschilderte, würde ich auch meiden bzw. mich verdrücken.
      Noch 3 Adventüden to go, und jede davon ist speziell! 🧡
      Ganz herzliche Morgenkaffeegrüße! 😁⛅❄️☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Weihnachtspause | Irgendwas ist immer

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