Von Dunkel und Licht

Ein Licht geht nach dem andern aus

Ein Licht geht nach dem andern aus,
und immer dunkler wird das Haus.
Ich bin allein beim Lampenschein,
ein Leuchtturmgeist in all der Nacht,
der in dem Schlaf der andern wacht
und Angst hat, auf dem Meer zu sein.

Von fern und nah umflattern blaß
der andern Liebe mich und Haß,
gelockt von meinem späten Licht;
ihr Stöhnen tönt mit Lust und Leid
in meine große Einsamkeit,
ihr Gram weht kühl um mein Gesicht.

Schon liegen sie, wie Tote tun,
als probten sie, im Grab zu ruhn,
und nur ihr Atem flackert sacht.
Ich fürchte dieses Schlafes Bann,
der mich für immer halten kann,
und bleibe wach in all der Nacht.

Für immer schloß vielleicht das Tor,
von dem der Schlüssel sich verlor,
bin ich vom Feind umstellt.
Verfallen ist mein Vaterhaus,
ein Licht geht nach dem andern aus,
und immer dunkler wird die Welt.

(Max Herrmann-Neisse, Ein Licht geht nach dem andern aus, in: I. Erinnerung und Exil, aus: Letzte Gedichte, 1941, Online-Quelle)

Auf die Reise

Um Mitternacht, auf pfadlos weitem Meer,
Wann alle Lichter längst im Schiff erloschen,
Wann auch am Himmel nirgends glänzt ein Stern,
Dann glüht ein Lämpchen noch auf dem Verdeck,
Ein Docht, vor Windesungestüm verwahrt,
Und hält dem Steuermann die Nadel hell,
Die ihm untrüglich seine Richtung weist.
Ja! wenn wir’s hüten, führt durch jedes Dunkel
Ein Licht uns, stille brennend in der Brust.

(Ludwig Uhland, Auf die Reise, aus: Sinngedichte, 1861, Online-Quelle)

Der Wächter der Lampe

Wachsein ist alles. Es kommt die Nacht
und keiner wird keinen erkennen.
Haltet wacht
und laßt die Lampen brennen.
Alles Werden ist wankend und ungewiß,
aber alles Ziel ist Reife.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis,
auf daß sie es einst begreife.

(Manfred Kyber, Der Wächter der Lampe, aus: Genius Astri, 1918, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay (Leuchtfeuer auf Texel)

 

Hab überlegt, ob ich euch zwischen den Jahren Lieblingsgedichte servieren sollte. Aber dann bin ich denen hier begegnet … Kommt gut durch Nacht und Tag und gesund und fröhlich in und durch die neue Woche!

 

38 Kommentare zu “Von Dunkel und Licht

  1. gestern noch naives kindlein
    erlösend geboren
    heute der vernichtende krieg

    gestern leuchtete der eine stern
    wies uns den einen weg
    heute schon treiben wir
    auf offenen meeren
    ohne ziel ohne kompaß

    wenn man doch einmal nur
    einen tag für alles auf einmal hätte

    Gefällt 1 Person

    • Hat man das nicht? Ich finde, speziell jeder „Feiertag“ bietet sich für die ganze Palette an. Das ist eine Frage der Betrachtungsweise, ja. Ich auf jeden Fall möchte noch nicht in mein übliches Alltags-Normal zurück.
      Morgenkaffeegrüße 🤔😉❄️🕯️☕☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

  2. Es ist wohl wahr, wie in den von dir passend ausgewählten Gedichten zum Ausdruck kommt, dass die Lichter erst einmal wieder ausgehen. Aber der Berg der längsten Nacht ist überwunden. Der Silberstreif am Horizont ist – wenn auch noch nicht direkt zu sehen – so doch deutlich zu erahnen. Ich wünsche dir ein paar schöne Tage zwischen den Jahren!

    Gefällt 1 Person

  3. Sehr interessant, insbesondere dieses dramatische Gedicht von Max Herrmann-Neisse, das ja schon 1936 im Exil entstanden ist. Ich hab mir mal auf wiki seinen Werdegang angesehen, da ist ja alles hochdramatisch und damit für heutige Verhältnisse filmreif, angefangen bei seinen Eltern, seinem Privat- und Berufsleben, dem Exil, den Verbindungen und Verquickungen bis hin zum Tod seiner Frau. Nahezu nicht mehr vorstellbar. Es ist immer wieder interessant, vor welchem Hintergrund diese Werke entstanden sind. Schön, dass du diesen Schriftsteller hier mal hervorgeholt hast, ich kannte ihn (natürlich) mal wieder nicht. Also schon wieder was gelernt und das im Urlaub! Auch seine „Litanei der Bitternis“ von 1940, sehr beeindruckend.
    Wünsche die entspannte Tage, weiterhin, viele Grüße aus dem wolkenverhangenen und 8 Grad warmen Süden.
    👍☕🍪

    Gefällt 2 Personen

  4. Eine Frage, die mich dieser Tage beschäftigt und nicht loslässt: was ist Licht? Ich weiß natürlich, dass es bei Verbrennung entsteht … entsteht? Ist Licht Abwesenheit von Dunkelheit, oder ist es eine eigene genuine Kraft? Wenn ich ein Licht „in meiner Brust“ sehen (empfinden) kann – was ist da entzündet? Was brennt? Nichts brennt oder qualmt, das Licht ist einfach da, still und klar. Es ist da und kann sich mühelos bis in jede Zelle, ja auch darüber hinaus ausbreiten. Ich fühle es als Gesundheit, als Leben, als Harmonie und reines Glück.

    Gefällt 3 Personen

    • Wenn Licht Abwesenheit von Dunkelheit wäre, dann gäbe es etwas „Greifbares“, das sich Dunkelheit nennt. Rein physikalisch betrachtet, ist Licht aber etwas „Greifbares“ und Dunkelheit eher die Leere. Licht ist damit ein Teil einer elektromagnetische Energieform, dem Grunde nach eine Strahlung, die sichtbar ist (oder macht?). Also IST Licht (Photonen) und Dunkelheit IST nicht. Die Verbrennung als Ursache zu benennen, greift zu kurz, letzten Endes entsteht Licht aus der Veränderung von Energiezuständen, dann hören aber meine Kenntnisse auf. Und Licht kann, mehr oder weniger ähnlich der terrestrischen Funkübertragung, als Träger für eine Informationsübertragung dienen, im allgemeinen Fall Energie. Warum nun ein Teil einer elektromagnetischen Energieform? Weil es der sichtbare Teil ist (Regenbogen) oder eigentlich der Teil, der Dinge sichtbar macht, indem die EM-Strahlung auf diese Teile trifft. Wenn man das nun weiter diskutiert, wird man sicherlich irgendwann die Bereiche der Physik verlassen und die (noch) nicht erklärbaren Teile erkunden, die über die bekannte Wahrnehmung hinausgehen. Dann kommen wir zum Licht im übertragenen Sinn, das Wärme und Leben spendet, aber auch blenden kann, überwiegend jedoch positiv gesehen wird. Ohne Licht kein Leben.
      Von daher würde ich das Licht „in deiner Brust“ als Metapher für alle positiven Themen des Lebens sehen.
      Wobei ich natürlich einen kleinen Einwand an mich selbst habe, Dunkelheit kann auch bedeuten, dass eine gigantische Kraft das Licht (die Photonen) zurückhält.
      Das ist jetzt alles nicht neu. Interessant wird es eben in der Astronomie, da wurde dieser Tage das neue Weltraumteleskop in den Orbit geschickt, man möchte damit über 13 Milliarden Lichtjahre entfernte Galaxien anschauen. D.h. aber gleichzeitig, dass das Licht auch so lange unterwegs war und damit schaut man in die eigene Vergangenheit.
      Ein weites Feld, wie so vieles.

      Gefällt 2 Personen

  5. Max Herrmann-Neisse – berührend, vorstellbar, nachvollziehbar, tragisch – ich hab es heut nacht um 3 gelesen – jetzt bin ich froh die Kommentare zu lesen und es rettet mich und mein Seelenheil Brunis Kommentar und gibt mir wieder Fröhlichkeit.
    LG Doro

    Gefällt 2 Personen

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