Vom Dazwischen

Erinnerung

Und du wartest erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.

Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder
wiederverlorener Fraun.

Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.

(Rainer Maria Rilke, Erinnerung, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, zweite sehr vermehrte Auflage, 1906, Online-Quelle)

Fortschritt

Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,
als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.
Immer verwandter werden mir die Dinge
und alle Bilder immer angeschauter.
Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter:
Mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche
ich in die windigen Himmel aus der Eiche,
und in den abgebrochnen Tag der Teiche
sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.

(Rainer Maria Rilke, Fortschritt, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, zweite sehr vermehrte Auflage, 1906, Online-Quelle)

Abend

Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
ein himmelfahrendes und eins, das fällt:

und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
nicht ganz so dunkel wie das Haus das schweigt,
nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
wie das was Stern wird jede Nacht und steigt –

und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
dein Leben, bang und riesenhaft und reifend,
so daß es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

(Rainer Maria Rilke, Abend, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, zweite sehr vermehrte Auflage, 1906, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Mir ist grad so.

Kommt ihr alle gut in und durch die neue Woche – und bleibt gesund.


Der „Abend“ hat es auch auf die neueste CD des Rilke-Projekts geschafft …

 

47 Kommentare zu “Vom Dazwischen

  1. Dieses Mal sprechen mich alle vorgestellten Poeme sehr an. Müsste ich mich entscheiden, was ich zum Glück nicht muss, wäre „Erinnerung“ das mir nächste.
    Danke für die wundervolle Auswahl, liebe Christiane. Liebe Grüße, B.☕️🥪😊

    Gefällt 1 Person

  2. „Was eigentlich genießen wir in solcher Lage?“
    fragt sich J.J. Rousseau in den Träumereien in seinem Kahn liegend auf dem Bieler See treibend. „Nichts, was dem eigentlichen Selbst äußerlich wäre außer sich selbst oder der eigenen Existenz. Solange dieser Zustand anhält genügt man sich eigentlich selbst wie Gott. Das Existenzgefühl als solches von allen anderen Affekten entkleidet, ist durch sich selbst ein wertvolles Empfinden von Frieden und Zufriedenheit. Und bereits dieses Gefühl würde reichen, diese Existenz demjenigen lieb und teuer zu machen, dem es gelänge, die sinnlichen und irdischen Eindrücke für immer anzuhalten, die uns sonst unablässig von ihr abziehen.“

    Gefällt 2 Personen

    • Schön, das Zitat, danke dir sehr! Ich glaube, für mich ist es das Gefühl des Friedens, des Innehaltens, des Geborgenseins im Moment. 🤔🧡
      Aber eigentlich mag ich es gar nicht zerreden.
      Grauhimmelige, regnerische Montagmorgenkaffeegrüße 😁🌧️☁️☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

  3. Psst, ganz unter uns – hört uns eh niemand: diese Rilkegedichte gefallen mir alle drei. Liegt wahrscheinlich daran, dass es weder heftig um Sehnsucht noch um Religion geht. So kann ich das Wortgewaltige schätzen, so muss ich – in Kenntnis der Biographie des Herrn Rilke – nicht ständig daran denken, dass sich in seinem Fall gedichtetes Universum und Leben nicht nur wenig überschneiden sondern sogar widersprechen

    Gefällt 1 Person

  4. In einem aktuten Anfall egozentrischen Größenwahns betrachte ich diese Rilke-Ausgabe als eine Art Fan-Service für mich, selbst wenn der Ursprung der Idee sicherlich ein anderer war, und bedanke mich ganz herzlich für die schöne Auswahl. 🙂

    Gefällt 1 Person

  5. doch, der Titel passt ausgezeichnet. Danke für diesen Dreiklang zum Wochenbeginn, der auch das Thema eures Dialogs (mit Myriade) anklingen lässt, nämlich der Mensch Rilke zwischen hehren Zielen und menschlichem Scheitern. Am meisten spricht mich das letzte Gedicht an, nicht nur wegen des Wiedererkennens von „Der Abend wechselt langsam die Gewänder“ bis hin zu „so daß es, bald begrenzt und bald begreifend, abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.“ Genau das ist ja unser Thema als Mensch, das uns quälend bewusst wird, sobald wir zu denken und zu fühlen beginnen. . Hab einen Tag nahe den Gestirnen, für heute, liebe Christiane!

    Gefällt 1 Person

    • Manchmal berühre/ergreife/halte ich ein Gedicht, und andere gesellen sich dazu, gefühlt wie ohne mein Zutun, und sind gemeinsam mehr als nur drei Gedichte. Das ist ein Zauber, den ich immer zu beschwören versuche, und bin selbst am glücklichsten, wenn es gelingt … 🧡
      Ja, das Bewusstsein und die Erkenntnis, zwischen Stein und Sternen zu stehen und nicht zu verzweifeln, woran auch immer.
      Manchmal finde ich es nicht einfach. Hab Dank für die guten Wünsche! ✨
      Ganz herzliche Nachmittagskaffeegrüße 😁🧡☁️☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

  6. Dreimal Rilke, ich sehe nochmal hin, nicht, daß ich mich geirrt habe 🙂
    Stimmt, es sind tatsächlich drei Rilkegedichte und das dritte ist für mich das schönste und vom schönsten ist mir die erste Zeile die allerliebste
    Der Abend wechselt langsam die Gewänder
    Was für ein toller Einstieg in einen Abend, der sich so anders zeigt wie ein Tag. (milder und sanfter, wenn wir Glück haben…)

    Rilke als Mensch ist eine andere Geschichte, aber seine Gedichte sind meist spitzenklasse. (groß oder klein? hm )
    Ich wußte noch gar nicht, daß es eine weitere CD zum Rilke-Projekt gibt.
    Liebe Grüße zum Abend an Dich, liebe Christiane

    Gefällt 1 Person

  7. Liebe Christiane,
    ich danke dir ganz herzlichen für den 3-fachen Rilke.
    So schön…
    Für mich ist es eine Steigerung vom ersten zum letzten Gedicht. Besonders gut gefallen mir die beiden letzten Zeilen von Abend – in werden – das ist ein Bild , das nach mir greift.
    Abendgrüße zu dir
    Judith

    Gefällt 1 Person

Mit der Nutzung der Kommentarfunktion erklärst du dich mit der Verarbeitung deiner Daten durch diese Webseite bzw. WordPress (Wordpress.com, Gravatar, Akismet) einverstanden. Weitere Informationen findest du in meiner Datenschutzerklärung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.